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Kandidatur mit vielen Fragezeichen

Wochenlang sind in Russland dahingehende Gerüchte kursiert, ehe Mitte Oktober die Bestätigung erfolgte: Das einstige Glamourgirl Xenia Sobtschak will bei der Präsidentschaftswahl im März 2018 gegen Wladimir Putin antreten. Diesem könnte das durchaus entgegenkommen.

Junge Leute hätten seit Jahren immer nur dieselben Politiker zur Auswahl, sagte Sobtschak in einem Video auf ihrer Kampagnenwebsite. „Als ich 18 war, wurde Wladimir Putin Präsident. Die Kinder, die in diesem Jahr geboren wurden, gehen dieses Mal selber wählen“, sagte Sobtschak.

„Kandidatin gegen alle“

Die Russen hätten genug von Korruption und Propaganda, als „Kandidatin gegen alle“ trete sie dagegen an. „Die Wahlen im März werden nicht frei und fair sein, das ist bereits jetzt klar. Aber sollen wir sie deshalb ignorieren oder boykottieren? Nein.“ Sie wolle vielmehr jenen, die sonst zu Hause blieben, eine Wahl bieten - das sei sinnvoller, als nur auf Demonstrationen zu setzen.

Xenia Sobtschak

APA/AP/Alexander Zemlianichenko

Vom Glamourgirl zur Kreml-Kandidatin: Xenia Sobtschak

Die Begleitumstände ihrer Kandidatur werfen allerdings Fragen auf. Die 35-Jährige ist die Tochter des früheren Bürgermeisters von Sankt Petersburg, Anatoli Sobtschak. Dieser verhalf Putin zu seinem ersten Posten in der Politik nach Beendigung seiner KGB-Karriere und galt als dessen Mentor. Trotz zahlreicher Dementi halten sich bis heute Gerüchte, Xenia Sobtschak sei Putins Patentochter.

„Russische Paris Hilton“

Bekanntheit erlangte Sobtschak als Glamourgirl des russischen Boulevards, vor Jahren posierte sie für den „Playboy“, die „Vogue“ bezeichnete sie einmal als „russische Paris Hilton“. Ihre TV-Karriere startete sie als Moderatorin von „Dom 2“, einer russischen Version von „Big Brother“, später wechselte sie in den Journalismus. Laut „Forbes“ verdiente die Chefredakteurin der russischen Ausgabe der Modezeitschrift „L’Officiel“ im vergangenen Jahr 2,1 Millionen Dollar. Das Geld stammt vor allem aus Werbeeinahmen.

Im Zuge der Proteste nach der russischen Parlamentswahl Ende 2011 schloss sich Sobtschak überraschend der Opposition an und forderte freie Medien und eine unabhängige Justiz. Ein Jahr später begann sie ihre Arbeit als Moderatorin für den Kreml-kritischen Sender Doschd. 2015 wurde sie nach dem Mord am Oppositionellen Boris Nemzow eigenen Angaben zufolge mit dem Tod bedroht und verließ kurzzeitig das Land. Doch angesichts ihrer Bande und ihrer regelmäßigen Kontakte zu Putin, trauen ihr viele nicht über den Weg. So verkündete sie ihren Entschluss zur Kandidatur bezeichnenderweise nach einem Treffen mit dem Kreml-Chef.

Feigenblatt des Kremls?

Das kritische Portal Newtimes.ru etwa stufte Sobtschak als vom Kreml gewünschte liberale Oppositionelle ein. „Sie soll die Aufmerksamkeit der liberalen Wählerschaft erregen“ - und damit auch die Kandidaten der Kommunisten und der Liberaldemokratischen Partei (LDPR) in Schach halten, hieß es dort. Ihre Kandidatur solle als Feigenblatt dienen, um den Regimekritiker Alexej Nawalny von der Wahl auszuschließen und dennoch den Anschein von Demokratie und Legitimität zu wahren, wird gewarnt.

Aufsehenerregend war auch ein Bericht der Zeitung „Wedomosti“, der sich auf Quellen aus Putins Umgebung berief. „Xenia Sobtschak ist die ideale Kandidatin. Sie repräsentiert die moderne Frau, die in die Politik strebt: klug, charismatisch, interessant, ohne dem Bild der typisch russischen Frau zu entsprechen“, heißt es darin.

Alexei Nawalny

Reuters/Maxim Shemetov

Oppositionsführer Nawalny bleibt die Kandidatur verwehrt

Liberales Lager ohne Chance

Der Oppositionelle Nawalny hatte schon im Vorfeld von Sobtschaks Kandidaturankündigung gewarnt, dass Putin sie nur als „Blitzableiter für den Zorn der Wähler“ benutze und sie bei dem „abscheulichen Spiel mitmache, das der Kreml inszeniere: Stellen wir zur Ablenkung eine liberale Lachnummer auf.“

Der vermeintliche Aufwand des Kremls, das liberale Lager auszubremsen, scheint überflüssig. Mehr als zwei Drittel der Russen wollen einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums zufolge, dass Putin eine weitere Amtszeit absolviert. Nur 1,1 Prozent würden sich derzeit für Nawalny entscheiden, für Sobtschak gerade einmal 0,4 Prozent. Fast jeder fünfte Russe (18 Prozent) dagegen würde für einen Kandidaten namens Andrej Semjonow stimmen - den es freilich nicht gibt, die Soziologen haben ihn frei erfunden. Einzige Bedingung: Putin müsste diesen Semjonow unterstützen.

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