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Aus Ferienspiel wird Weltliteratur

Ausgerechnet den kältesten Sommer des Jahrhunderts haben sich fünf junge Engländer ausgesucht, um Quartier am malerischen Genfersee zu beziehen. Wegen des stürmischen Wetters gingen sie im Mai 1816 kaum ins Freie. Stattdessen saßen sie vor dem Kamin und lasen sich deutsche Schauergeschichten vor. Aus Langeweile starteten sie einen Erzählwettbewerb, der in die Literaturgeschichte eingehen sollte.

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Die fünf waren keine Unbekannten. Der prominenteste Urlauber war der romantische Dichter Lord Byron (1788 - 1824), der sich gemeinsam mit seinem Leibarzt in der luxuriösen Villa Diodati eingemietet hatte. Seine Nähe suchte Claire Clairmont, Mary Shelleys Halbschwester, die nach einer kurzen Liaison mit Byron in London nun ein Kind von ihm erwartete.

Mary Shelley, gemalt von Richard Rothwell

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Mary Shelley 1840, als 43-jährige

In einem nahe gelegenen Häuschen logierten der romantische Dichter Percy Bysshe Shelley und seine Geliebte Mary Godwin, die er am Ende des Sommers heiraten sollte, sowie ihr gemeinsamer, erst wenige Monate alter Sohn Will, der von einem Schweizer Kindermädchen betreut wurde. Mary war zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt.

Traum von einem „hässlichen Phantom“

Während für das Kind gesorgt war, trafen sich die Erwachsenen am Kaminfeuer in Lord Byrons Haus und schrieben. Mary, die zunächst nicht wusste, was sie erzählen sollte, träumte eines Nachts von einem „blassen Studenten der unheiligen Künste“. Diesen Mann sah sie „neben dem Ding knien, das er selbst zusammengesetzt hatte“, ein „hässliches Phantom“, das „durch die Funktion eines mächtigen Apparates Lebenszeichen von sich gab“ (so Shelley in einem 1831 angefügten Vorwort zum Roman „Frankenstein“).

Diesen Traum, der sie verfolgte, brachte sie in den folgenden Monaten zu Papier und gab ihm die Form des damals populären Briefromans. Darin erzählt ein Polarforscher, ein gewisser Kapitän Walton, von seinem Zusammentreffen mit dem Schweizer Wissenschaftler Viktor Frankenstein, den er im Eismeer von einer Scholle aufliest und als Passagier an Bord seines Expeditionsschiffs holt. Auf der Reise befreunden sich die beiden, und Frankenstein berichtet Walton von einem tragisch schiefgelaufenen Experiment: Als Alchemist wollte er den idealen Menschen schaffen und schuf stattdessen ein mordendes Monster.

Anonyme Erstveröffentlichung im Jänner 1818

Es sollte anderthalb Jahre dauern, bis Shelleys Geschichte am 1. Jänner 1818 unter dem Titel „Frankenstein or The Modern Prometheus“ im Londoner Verlag Lackington, Hughes, Harding, Mavor & Jones erschien. Auf dem Cover der Erstausgabe findet sich ein Zitat aus John Miltons Gedichtzyklus „Paradise Lost“ - nach dem Namen der Verfasserin sucht man dagegen vergeblich.

Villa Diodati am Genfer See

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Die Villa Diodati in Cologny am Genfersee: Hier schrieb Mary Shelley zwischen Mai und August 1816 an ihrem Roman

Als Frau, deren Ruf ebenso wie der ihrer Familie bereits angekratzt war - mehrere Godwin-Töchter waren unverheiratet schwanger geworden -, hatte Shelley den Roman anonym veröffentlicht. Zunächst hielt man darum ihren Mann, der das ursprüngliche Vorwort verfasst hatte, für den Autor. Erst Jahre später bekannte sich Mary zu ihrem Werk.

„Geisteskind aus glücklicheren Tagen“

Mittlerweile gibt es viel Literatur über Werk und Leben der Autorin Mary Shelley. In der männlich dominierten Autorenszene des frühen 19. Jahrhunderts nimmt sie eine Ausnahmestellung ein. Doch es scheint, als habe sich Shelley selbst über ihre „finstere Seite“ gewundert, ja regelrecht damit gehadert.

In einem schamhaft beschwichtigenden Vorwort zur „Frankenstein“-Ausgabe von 1831 schrieb sie: „Und jetzt bitte ich mein hässliches Geisteskind nochmals, aufzustehen und zu gedeihen. Ich bin ihm zugetan, denn es war das Erzeugnis glücklicher Tage, als Tod und Leid noch Worte waren, die in meinem Herzen keinen echten Widerhall fanden.“

Verarbeitung eines frühen Verlustes?

Tatsächlich war Shelley bereits in jungen Jahren mit dem Tod vertraut. Auch die 18-jährige Autorin hatte dunkle Erfahrungen gemacht: 1814 hatte sie mit Percy Bysshe Shelley ein Mädchen gezeugt, Clara, das im Februar 1815 frühzeitig zur Welt kam und nur wenige Tage lebte. In ihren Tagebüchern beschrieb Mary Shelley, wie sehr sie sich gewünscht habe, das Kind wieder zum Leben erwecken zu können.

Originalillustration der populären Ausgabe von 1831

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Zwischen Knochen und Totenbett regt sich die Kreatur: Illustration einer „Frankenstein“-Ausgabe von 1831

Biografinnen und Biografen sind heute der Ansicht, dass nicht nur dieses, sondern auch andere Details des Ur-Frankenstein zu nahe an Mary Shelleys eigener Biografie und der ihrer Familie gewesen sein könnten, denn die Dichterin entschied sich 1831, ihr Werk für eine Standardausgabe zu entschärfen und dabei um einige - in ihren Augen rufschädigende - Passagen zu kürzen. Erst 2014 ging der „Ur-Frankenstein“ wieder in den Druck.

Mary Shelley

Wurde als Mary Wollstonecraft Godwin am 30. August 1797 in London geboren. Ihre Mutter, eine Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, starb kurz nach Marys Geburt am Kindbettfieber. Mary wuchs bei ihrem Vater, dem Sozialphilosophen William Godwin auf. Gegen dessen Willen ging sie 1814 eine Liaison mit dem verheirateten Dichter Percy Bysshe Shelley ein, brannte mit ihm nach Frankreich durch und heiratete diesen 1816, nach dem Suizid seiner ersten Ehefrau. Shelley brachte fünf Kinder zur Welt, von denen nur ein einziges das Erwachsenenalter erreichte. Sie starb 53-jährig 1851 in London.

Ein Monster als Kinostar und Popikone

Im 20. Jahrhundert legte „Frankenstein“ dann eine Karriere in Comic, Film und Fernsehen hin - und wurde zur Ikone der Popkultur. Wobei der Name Frankenstein, der ursprünglich den Schöpfer der untoten Kreatur bezeichnete, umgangssprachlich auch für das Monster - das Shelley im Original nur „Kreatur“ oder „Dämon“ nennt - verwendet wird.

In japanischen Riesenmonsterfilmen wie „Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht“ (1965) und „Frankenstein – Zweikampf der Giganten“ (1966, Regie beide Ishiro Honda) und einem guten Dutzend ihrer Fortsetzungen haben die gegeneinander antretenden Monster kaum noch Ähnlichkeit mit Shelleys Kunstfigur. Übriggeblieben ist der deutsche Name Frankenstein, der hier in Verbindung mit einer Handvoll Nazi-Schurken den Gruselerfolg garantieren soll.

Boris Karloff: Zahnlos zu Weltruhm

Anders verhält es sich mit der bekanntesten Verfilmung des Stoffes, der Universal-Produktion „Frankenstein“ (Regie: James Whale, Premiere 1931), in der Boris Karloff den lebenden Leichnam mit liebenswerter Melancholie spielte. Dieser Film beruht auf einer Bühnenbearbeitung des Romans von Peggy Webling, die die Rahmenhandlung komplett über Bord warf. Der Brite Colin Clive spielte den Mad Scientist, der hier „Henry“ statt „Viktor“ heißt. Mae Clarke spielte seine Verlobte. Es ist aber der zuvor nahezu unbekannte Karloff, der mit dieser Rolle in die Filmgeschichte eingehen sollte.

Mit Plateausohlen und einer künstlichen Stirn sprang der damals 42-jährige für den Horrorstar Bela Lugosi ein, der angeblich fürchtete, unter der Maske sein Talent zu verschwenden - ein historischer Fehler. Der britische Nobody Karloff dagegen warf sich voller Energie in die Produktion und zeigte sich überhaupt nicht eitel.

Boris Karloff

AP/Harold P. Matosian

„Frankenstein“-Darsteller Boris Karloff (rechts) bei einer Feier, 1967, mit einem Bekannten im Frankenstein-Kostüm

Karloff selbst soll vorgeschlagen haben, seine Augenlider mit Wachs zu verlängern, um dem Monster den typischen, melancholischen Ausdruck zu verleihen. Ganze vier Stunden verbrachte der Schauspieler an Drehtagen in der Maske und ging dabei so weit, einen Teil der eigenen, künstlichen Zähne herauszunehmen, um die Wangen leichenhaft-hohl wirken zu lassen.

Das stumme Monster im frühen Tonfilm

Übrigens erging es Darsteller Karloff zunächst wie Autorin Shelley: Gerade er, der den Film geprägt hatte, musste zunächst anonym bleiben. Hinter der Bezeichnung „Monster“ steht im Originalvorspann statt des Darstellernamens nur ein Fragezeichen. Erst im Abspann taucht Karloffs Credit auf - eine Kränkung, die seinen Weltruhm letztlich doch nicht aufhalten konnte.

Dass Whales’ „Frankenstein“ derart einschlug, mag auch daran gelegen sein, dass im Premierenjahr 1931 der Tonfilm an sich eine Neuheit darstellte und von großen Teilen des Publikums als „unheimlich“ wahrgenommen wurde. Auffällig ist, dass alle Figuren im Film sprechen und alle Gegenstände Geräusche produzieren, im Labor knistert, zischt, brodelt und kracht es - nur das Monster bleibt still. Fast scheint es, als sei Karloffs Monster ein Widergänger aus der gerade erst verstorbenen Ära des Stummfilms.

Erster Kino-„Frankenstein“, 1910

Auch damals, in der Stummfilmzeit, hatte es übrigens schon Verfilmungen des Stoffes gegeben: Als erster Film-Frankenstein wankte 1910 Charles Ogle in der 16-minütigen Version der Edison-Studios über die Leinwand. In dieser wesentlich „quellentreueren“ Verfilmung ist das Monster als Doppelgänger des Wissenschaftlers inszeniert.

Ogle in der Verfilmung 1910

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Charles Ogle als langfingeriges Monster in der ersten „Frankenstein“-Verfilmung von 1910

Remakes gab es seit diesen „Urversionen“ viele - Karloff selbst trat in den 1930ern in zwei Spin-offs („Frankensteins Braut“ und „Frankensteins Sohn“) des Originals auf. In den 1950er Jahren machte die Produktionsfirma Hammer Films den Namen „Frankenstein“ erneut mit einer Serie populär, in der Christopher Lee und Peter Cushing auftraten. So populär, dass die US-Serie „The Munsters“ in den 1960ern ironisch daran anknüpfen konnte: Hermann Munster, der Patriarch der Familie Munster, ist eindeutig an Karloffs Figur angelehnt.

Andy Warhols erotomanes Monster

Die erotische Komponente der „Frankenstein“-Figur arbeitete schließlich Regisseur Paul Morissey in „Andy Warhol’s Frankenstein“ mit Udo Kier in der Rolle des eifersüchtigen Baron Frankenstein heraus (siehe Trailer unten). Zuletzt spielte Robert de Niro die „Kreatur“ in der von Francis Ford Coppola produzierten Version „Mary Shelley’s Frankenstein“ aus dem Jahr 1994. In den letzten Jahren ist es dagegen in Hollywoods still geworden um Dr. Frankenstein und seine Kreatur.

Dafür erschien 2017 ein Biopic über Frankensteins Schöpferin. Regie des Films „Mary Shelley“ führte Haifaa Al Mansour, die einzige Kinoregisseurin Saudi-Arabiens. Elle Fanning spielte die britische Autorin, „Loving Vincent“-Star Douglas Booth ihren Geliebten Percy Bysshe Shelley. Einmal mehr scheint sich hier die Geschichte zu wiederholen, denn auch Al Mansour, die sich in ihrer Heimat vehement für die Rechte der Frauen einsetzt, musste dafür kämpfen, dass ihr Name im Vorspann ihrer Filme stehen kann.

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