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„Bildung ist das Wichtigste"

Seit fast vier Jahren bestimmt der Krieg das Leben des 13-jährigen Daniil. Ein Jahr nach Beginn der Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten flüchtete er mit seinen Eltern und den beiden Brüdern aus dem umkämpften Stachanow, seiner Heimatstadt, in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Charkiw. Heute lebt die Familie in einer kleinen Wohnung am Rand der zweitgrößten Stadt der Ukraine.

„Das Risiko wurde zu groß“, erzählt Daniils Mutter Olga von der Zeit vor der Flucht. „In unmittelbarer Nähe von Schulen und Kindergärten wurden Bomben gelegt, Wohngegenden wurden durch Artillerie beschossen.“ Doch es gab noch andere Gründe für die Familie, ihre Heimatstadt Stachanow zu verlassen: Als die Schulleiterin sich weigerte, ukrainische Fahnen aus der Schule zu entfernen, sei sie entlassen und durch eine Russischlehrerin ersetzt worden. Danach seien Separatisten in die Klasse von Daniils Bruder Alexander, der damals 15 war, gekommen, um ihn und seine Freunde für die Front anzuwerben.

Ukrainische Familie

ORF.at/Romana Beer

Daniil mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder Nikita in ihrer Wohnung in Charkiw

Seit Sommer 2014 liegt Stachanow im Gebiet der von den Separatisten ausgerufenen „Volksrepublik“ Luhansk. Für ihre drei Buben gebe es dort keine Perspektive, sagt Olga, denn: „Bildung ist das Wichtigste.“ Alexander ist heute 18 und studiert an der Universität in Charkiw. Daniil möchte nach der Schule Innenarchitekt werden. Noch lieber zwar Profifußballer, aber die Familie kann sich die 15 Euro, die das Training im Monat kostet, nicht leisten. Vater Serhij, der vor dem Krieg ein gut gehendes Unternehmen führte, findet in Charkiw, wo sich viele Binnenflüchtlinge niedergelassen haben, nur tageweise Jobs.

Gefechtslärm seit der Geburt

Flüchtlinge im eigenen Land

Binnenflüchtlinge, auch IDPs (Internally Displaced Persons), überschreiten bei ihrer Flucht, im Gegensatz zu Flüchtlingen im rechtlichen Sinne, keine Staatsgrenze.

Seit drei Jahren gilt in der Ostukraine ein Waffenstillstand. Im weißrussischen Minsk hatten sich die Konfliktparteien im Februar 2015 auf einen Friedensplan geeinigt. In der Realität trat die Waffenruhe nie längerfristig in Kraft. 457 Kilometer lang ist die Frontlinie zwischen den von den Separatisten verkündeten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk und dem von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiet. In der Pufferzone, die sich zu beiden Seiten der Frontlinie erstreckt, leben noch immer 600.000 Menschen, etwa ein Drittel davon sind Kinder.

40 Prozent von ihnen erleben jeden Tag Kampfhandlungen, 60 Prozent zumindest einmal in der Woche. Der Beschuss beginnt meist mit Einbruch der Dunkelheit, wenn die internationalen Beobachter das Gebiet verlassen. In den Kleinstädten und Dörfer der Pufferzone leben Kinder, die den Gefechtslärm seit ihrer Geburt kennen. Wegen der Kämpfe müssen Schulen und Kindergärten immer wieder geschlossen werden, teilweise während des Unterrichts. Viele Häuser in der Pufferzone sind stark beschädigt, Fernwärme- und Wasserleitungen zerstört.

In Städten nahe der Pufferzone wie Kramatorsk und Slowjansk, die 2014 umkämpft waren, wirkt es auf den ersten Blick, als ginge das Leben wieder seinen gewohnten Gang. Doch die Armut als Folge des Krieges versteckt sich hinter Hausmauern, in den Wohnungen, wo Familien ums Überleben kämpfen. 3,3 Millionen Menschen in der Ukraine sind laut UNO derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen, 1,2 Millionen haben zu wenig zu essen.

Entscheidung zwischen Medikamenten und Nahrung

Hinweis

Die Reise in die Ukraine wurde zum Teil von Sponsoren der Caritas finanziert.

In Druschiwka, einem kleinen Ort nahe Kramatorsk, lebt die 13-jährige Katya zusammen mit ihrer Mutter Switlana und der kleinen Schwester Lera in einer Datschensiedlung. Wie Daniil ist Katya heute als Binnenflüchtling registriert. Katyas Mutter Switlana erzählt von brennenden Autobussen, von Minen auf der Straße und vom zerbombten Haus der Nachbarn. „Die meiste Zeit waren wir im Keller, weil geschossen wurde.“ Bei der erstbesten Gelegenheit flüchtete Switlana mit der damals neunjährigen Katya aus ihrer Heimatstadt Jenakjewa in der Nähe von Donezk. Was sie nicht tragen konnten, ließen sie zurück.

Ukrainische Familie

ORF.at/Romana Beer

Katya mit ihrer Mutter Switlana und der kleinen Schwester Lera

Switlana, die zwei Studien mit Auszeichnung abgeschlossen hat und vor dem Krieg als Büroleiterin einer Fabrik gut verdiente, hat in Druschiwka kaum eine Möglichkeit zu arbeiten. Bei Katya wurde vor einem Jahr Diabetes festgestellt, die zweijährige Lera hat seit ihrer Geburt ein Loch in der Herzscheidewand. Von Nachbarn bekommt die Familie manchmal ein Glas Eingemachtes, zudem dürfen sie ein kleines Fleckchen des Gartens bebauen. Doch im Winter, wenn eine dicke Schneedecke die Siedlung überzieht, muss die alleinerziehende Mutter oft entscheiden, was gerade wichtiger ist: Medikamente oder Nahrung.

Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen, steigt

Die Zahl der Kinder im Volksschulalter, die keine Schule besuchen, ist einer Studie der UNESCO zufolge in den vergangenen Jahren in der Ukraine auf fast neun Prozent gestiegen. Jedes zusätzliche Schuljahr, das ein Kind absolviert, erhöht laut UNICEF das zukünftige Einkommen um rund zehn Prozent. Und für jedes zusätzliche Schuljahr, das ein Kind absolviert, fällt die Armutsrate eines Landes um durchschnittlich neun Prozent.

Schule verringert aber nicht nur das Armutsrisiko, Schule gibt Kindern und Jugendlichen in Kriegs- und Krisensituationen ein Stück Alltag – und damit Normalität und Vertrautheit. In der Ukraine kann der tägliche Schulweg lebensbedrohlich sein. Nach vier Jahren Krieg gehört der Osten des Landes mittlerweile zu den am stärksten durch Minen belasteten Gegenden weltweit. Erst im November wurde in einem Vorort von Donezk ein neunjähriger Bub durch eine Mine getötet und zwei weitere Buben verletzt – auf dem Spielplatz ihrer Schule.

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