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Die Poesie der Extremzustände

Zu seinem 80. Geburtstag kann sich der Künstler Günter Brus über die umfangreichste Werkschau seiner Karriere freuen. Neben vielen raren Arbeiten aus der aktionistischen Zeit zeigt die Retrospektive „Unruhe nach dem Sturm“ im Belvedere 21 auch Brus’ Theaterentwürfe und seine „Bild-Dichtungen“. Eigene Abschnitte beleuchten die Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna Brus und Künstlerkollegen.

Auf einem Polster auf dem Boden liegt ein nackter Säugling. Hinter ihm kauert eine komplett weiß bemalte Figur in einer Ecke. Bei seiner „Aktion mit Diana“ agierte Günter Brus auf intime und rührende Art neben seiner vier Monate alten Tochter. Eine Babyrassel zählt ebenso zu den am Boden verteilten Requisiten wie ein Schraubenzieher, ein Wollknäuel und ein Suppenteller voll schwarzer Farbe. Es ist die symbolreiche Annäherung eines Vaters an sein Kind, in der er die eigene Unsicherheit nach außen kehrt.

"Aktion mit Diana", 1967/2005

Kurt Kren/Fayer Fotostudio

Brus mit seiner Tochter in der poetischen „Aktion mit Diana“ 1967

Provokateur und Poet

Brus wurde in den 1960er Jahren für extreme Aktionen berühmt-berüchtigt, bei denen er seinen Körper bemalte, malträtierte und mit Kot beschmierte. Nach der Aktion „Kunst und Revolution“ 1968 auf der Universität Wien wurde er unter anderem für das öffentliche Absingen der Bundeshymne beim Masturbieren zu sechs Monaten strengem Arrest verurteilt. Dem Gefängnis entzog sich Brus durch sein Berliner Exil; bis heute hat er den Ruf eines Provokateurs, aber die jetzige Schau fördert den Poeten im Berserker zutage.

Ausstellungshinweis

„Günter Brus. Unruhe nach dem Sturm“, im Belvedere 21, bis 12.August.

„I can’t get no satisfaction“, sangen die Rolling Stones in den Sixties. Der junge Brus war unbefriedigt von der traditionellen Malerei. Sie konnte doch viel mehr sein: So vergoss etwa der Künstler Georges Mathieu bei seinem legendären Auftritt 1959 in einem Wiener Theater kübelweise rote Farbe. Auch Brus wollte mehr „Aktion“, darum beklebte er Wände mit Papier und baute drumherum ein Labyrinth. Im Schnelldurchlauf durch den Blätterwald ließ er so mehrere abstrakt expressionistische Bilder gleichzeitig entstehen.

Der Leib als Leinwand

„Brus arbeitete immer schon ‚kalkuliert manisch‘“, beschreibt Kurator Harald Krejci die Verausgabung als Strategie. Die ambitionierte Belvedere-Schau bringt nun erstmals wieder die Werke der frühen Malperformances um 1960 zusammen. Gegenüber hängen die Fotos seiner ersten Aktion „Ana“, mit der Brus zu neuen Ufern aufbrach. Er sprengte die Grenzen der Malerei, indem er seinen eigenen Körper, den seiner Frau und den gesamten Raum als weiße Leinwand benützte, die er voller Inbrunst überarbeitete.

"Portfolio Ana IV", 1964/2004

Belvedere/Khasaq (Siegfried Klein)

Exzessiv: In seiner ersten Aktion „Ana“ bemalte Brus sich selbst, seine Frau und den Raum

Die 72 Fotos zu „Ana“, die Siegfried Klein geschossen hat, sind eine Wucht. Mittels einer Smartphone-App von Artivive können die Momentaufnahmen dieser Materialschlacht darüber hinaus animiert werden. Geschult an den exaltierten Posen Egon Schieles und den Gerümpelskulpturen des Nouveau Realisme erzeugte Brus ein Szenario kreativen Furors. Geradezu harmlos wirkte der Künstler dagegen bei seinem „Wiener Spaziergang“ 1965. Ein Film zeigt, wie Brus in Weiß und mit einem schwarzen Farbstrich bemalt aus einem Citroen 2CV steigt und durch die Innenstadt spaziert.

Beschreibung

Günter Brus/Foto: Ludwig Hoffenreich

Sein „Wiener Spaziergang“ führte Brus durch die Hofburg und in die Arme eines Polizisten

Kunst wider „Vater Staat“

Es dauerte nicht lange, da wurde der Künstler von einem Polizisten mit auf die Wache genommen. Bei den Wiener Aktionisten war der Clash mit den Autoritäten einer Gesellschaft, deren scheinheilige NS-Verdrängung sie kritisierten, vorprogrammiert. Wie stark politisch der Jubilar seine Kunst seit jeher verstand, belegt gleich der Ausstellungsbeginn. Neben der gerichtlichen Verurteilung hängt dort auch Brus’ höchst aktuelles Plakat aus dem Jahr 2000, das ein „Ministerium für Wiederbetätigung und Entschädigung“ fordert.

Nach seiner Flucht aus Wien gründete Brus 1969 mit seinen ebenfalls in Berlin lebenden Künstlerfreunden Gerhard Rühm und Oswald Wiener die „Österreichische Exilregierung“. Nach seiner 43. und letzten Aktion „Zerreißprobe“ in München 1970, bei der er sich selbst verletzte, begann Brus wieder zu zeichnen und zu schreiben. Seine „Bild-Dichtungen“ wirken auf den ersten Blick überfordernd. „Jedes Blatt ist für sich vollständig“, erklärt Kurator Krejci. Es würde reichen, ein paar der Aphorismen oder Bilder aus dem assoziativen Strom mitzunehmen.

"Große Weltnachtpartitur – Wien weint nicht..", 1985

Belvedere/Johannes Stoll

Bei Brus’ vielteiligen „Bild-Dichtungen“ steht jedes Blatt auch für sich

Von der Aktion auf die Bühne

In Berlin näherte sich Brus dem Theater an, wobei immer wieder seine Nähe zur Romantik, zum Märchenhaften und Surrealen hervortritt. Auf eigene Faust schrieb er das Stück „Frackzwang“, entwarf Kostüme und Bühnenbilder dazu. Dass kein Theater anbiss, dämpfte seine Begeisterung für das dramatische Fach nicht. Zurück in Graz wurde 1985 schließlich Gerhard Roths Stück „Erinnerungen an die Menschheit“ mit Brus’ Ausstattung aufgeführt. 1994 waren auch seine fantasievollen Kostümentwürfe zu Leos Janaceks Oper „Das schlaue Füchslein“ in Dresden zu sehen.

Und so sind es dieses Mal nicht die krassen Bilder wie der aufgeschlitzte Oberschenkel seiner Aktion „Zerreißprobe“ und die obszönen Zeichnungen der Mappe „Irrwisch“, die als Echo aus dem Brus’schen Kosmos hängen bleiben. Es ist schön, dass die Schau stattdessen eigene Räume für Anna Brus und die Kollaborationen mit Künstlerkollegen bereithält. Brus erscheint weniger denn je als Macho oder exhibitionistischer Leidensmann, vielmehr tritt er als Poet auf, dem kein menschliches Unglück fremd ist.

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