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Gewerkschaftliche Bilderbuchkarriere

Renate Anderls (SPÖ) Aufstieg zur Vorsitzenden der Arbeiterkammer (AK) bedeutet den Höhepunkt einer gewerkschaftlichen Bilderbuchkarriere. Ihre berufliche Laufbahn begann als Sekretärin in der Metallergewerkschaft, über diverse politische Funktionen dort stieg sie 2014 zur Bundesfrauenvorsitzenden und Vizepräsidentin des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) auf, um nun die größte Organisation der Arbeitnehmer Österreichs zu leiten.

Anderl gilt nicht als jemand, der sich selbst in den Vordergrund drängt. Die Wienerin, seit bald 32 Jahren verheiratet, Mutter eines Sohnes und Großmutter eines Enkels, war daher trotz durchaus nennenswerter Positionen in der Öffentlichkeit bisher wenig präsent. Mediale Auftritte schätzt sie nicht besonders, eine Eigenschaft, die sie in ihrer neuen Rolle wohl überdenken muss.

Denn auf die AK dürften stürmische Zeiten zukommen. Spart sie nicht freiwillig bei sich selbst ein, droht die Regierung mit einer Beitragssenkung. Auch sonst sind einige Sozialmaßnahmen in der Pipeline, die von der größten Arbeitnehmerorganisation mit Widerstand beantwortet werden dürften. Eine Mitgliederbefragung, die die eigenen Positionen stärken soll, hat Vorgänger Rudolf Kaske bereits auf den Weg gebracht. Er bezeichnete Anderl bei ihrer Präsentation als „durchsetzungsstarke Persönlichkeit“.

Keine zu kleinen Anliegen

Persönlich gibt es in der Gewerkschaft nur wenige, die der künftigen AK-Präsidentin ihren Aufstieg missgönnen. Anderl gilt nicht nur als sehr engagiert, sondern auch als menschlich integer. In der Gewerkschaft war sie in diversen Betriebsratsfunktionen aktiv, bis heute wird ihr nachgesagt, dass es für sie keine zu kleinen Anliegen gibt.

Anderl stammt aus einfachen Verhältnissen in Wien-Favoriten und ist auch mit ihrem steigenden beruflichen Erfolg nie abgehoben. Als ihr wesentlichster Förderer gilt der legendäre Metallerchef Rudolf Nürnberger, der die verheiratete Mutter eines Sohns und Oma eines Enkels in den späten 1980er Jahren zur Leiterin der neu geschaffenen Frauenabteilung in ihrer Gewerkschaft machte.

Karriere beschleunigt ab 2008

Ihr gewerkschaftlicher Aufstieg begann besonders im Jahr 2008, als sie zur Frauenvorsitzenden bei den Metallern wurde und in den ÖGB-Bundesvorstand einzog. 2014, als die nun verstorbene Sabine Oberhauser (SPÖ) in die Regierung wechselte, wurde Anderl ÖGB-Frauenchefin und stellvertretende ÖGB-Präsidentin. Ein Jahr später kam noch ein Mandat im Bundesrat hinzu, einen Sitz im Nationalrat verpasste sie bei der Wahl im vergangenen Oktober nur knapp.

Schon in einem Jahr wird Anderl erstmals an vorderster Front stehen, wenn es in einen Urnengang geht. Bei der AK-Wahl haben die sozialdemokratischen Gewerkschafter eine große Mehrheit zu verteidigen. Hier könnte es allerdings sogar hilfreich sein, dass die SPÖ nicht mehr in der Bundesregierung vertreten ist. Denn gerade Schwarz-Blau I bescherte den roten Gewerkschaftern bei den AK-Wahlen 2004 herausragende Resultate - und damals stand mit Herbert Tumpel auch ein Funktionär an der Spitze, der nicht unbedingt als „Rampensau“ galt.

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