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„Opferzahl steigt von Stunde zu Stunde“

Das Leiden der Menschen in der eingeschlossenen syrischen Rebellenenklave Ostghuta geht unvermindert weiter. Auch am Donnerstag wurde das Gebiet östlich der Hauptstadt Damaskus bombardiert. Laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) werden auch Angriffe auf Krankenhäuser geflogen. 13 Einrichtungen, in denen ihre Mitarbeiter tätig sind, seien „beschädigt oder zerstört“ worden.

Seit Beginn der Offensive der syrischen Regierungstruppen am Sonntag seien in den betreffenden Kliniken 237 Tote und fast 1.300 Verletzte gezählt worden. Hinzu kämen Verwundete und Tote in anderen Krankenhäusern, in denen MSF nicht präsent sei. „Die Opferzahl steigt von Stunde zu Stunde“, erklärte die Organisation.

Verschüttete Syrerin wirden von Rettungskräften geborgen

Reuters/Bassam Khabieh

Wegen des heftigen Beschusses in Ostghuta können selbst Rettungshelfer nicht mehr auf die Straße, um Opfern zu helfen

Die humanitäre Situation in der Region, die seit 2013 unter Belagerung steht, ist katastrophal. Die rund 400.000 Einwohner sind von der Außenwelt abgeschnitten und leiden Hunger, es gibt kaum Medikamente. Aber bisher scheinen Hilferufe aus dem Gebiet von den Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft nicht gehört zu werden. MSF fordert seit Tagen, die Lieferung von Medikamenten und medizinischer Ausrüstung zu ermöglichen und Angriffe auf Ärzte und Patienten einzustellen.

Mehr als 350 Tote binnen einer Woche

Seit Sonntag liegt das letzte größere von Rebellen kontrollierte Gebiet nahe Damaskus unter Dauerbeschuss. Über 350 Menschen wurden getötet und mehr als 1.800 verletzt. Die Bombardements sind Teil einer Offensive an mehreren Fronten, mit der Präsident Baschar al-Assad den Sieg erzwingen will. Am Donnerstag bombardierten nach Darstellung von Einwohnern und Rebellen russische Flugzeuge aus größer Höhe mehrere Ortschaften in der Enklave.

Zudem hätten Hubschrauber erneut die wegen ihrer Splitterwirkung geächteten Fassbomben abgeworfen, berichteten Rettungskräfte. In der Ortschaft Hasa seien ein Feldhospital und eine Bäckerei bombardiert worden. Mindestens 36 Zivilisten seien dabei ums Leben gekommen. Einwohner und die Opposition werfen der syrischen Regierung und deren Verbündeten vor, durch Zerstörung der Infrastruktur eine Politik der verbrannten Erde zu verfolgen. Die syrische Armee und Russland bestreiten, zivile Einrichtungen ins Visier zu nehmen.

Erinnerungen an Aleppo

Vieles, was gerade in Ostghuta geschieht, erinnert an die Situation in Ostaleppo im Dezember 2016. Die syrische und russische Luftwaffe zerbombte den von Rebellen kontrollierten Teil der Metropole. Krankenhäuser und Schulen wurden bombardiert, auch als Helfer bereits ausrückten, um Verletzte zu bergen. Oft war vom „Kessel“ die Rede, weil Tausende Zivilisten die Stadt nicht verlassen konnten.

Männer in Aleppo flüchten mit Babys auf dem Arm

APA/AFP/Ameer Alhalbi

Im Dezember 2016 wurde Ostaleppo von syrischen und russischen Bomben verwüstet

Laut Experten wie Volker Perthes und Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik sei das Vorgehen der syrischen Armee ähnlich wie damals: „Erst wird heftig bombardiert, und in ein paar Tagen verkündet Russland, dass eine Befriedung der Situation nur durch eine Evakuierung der Kämpfer gewährleistet werden könne. Unter dieser Taktik leidet vor allem die Zivilbevölkerung“, sagte Perthes der „Passauer Neuen Presse“. Ähnliche Vergleiche stellte auch Kaim im Gespräch mit dem Deutschlandfunk auf.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel warf der Regierung Assads vor, Krieg nicht gegen Extremisten, sondern gegen Zivilisten zu führen. „Die Tötung von Kindern, das Zerstören von Krankenhäusern - all das ist ein Massaker, das es zu verurteilen gilt.“ Die Europäer müssten sich stärker um ein Ende des Konflikts bemühen. „Diese Aufforderung gilt auch für die Verbündeten des Assad-Regimes, ganz besonders Iran und Russland.“ Aus Moskau hieß es, dass man „einen totalen Krieg gegen Terroristen“ führe.

Lawrow: Rebellen verweigern Abzug

Nach Informationen des russischen Außenministers Sergej Lawrow schlugen die Rebellen ein Angebot über einen friedlichen Abzug aus Ostghuta aus. Vor „einigen Tagen“ habe das russische Militär in Syrien den von Islamisten dominierten Kämpfern in der Rebellenenklave angeboten, diese könnten sich „friedlich zurückziehen“, sagte er. „Die Al-Nusra-Front und deren Verbündete lehnten den Vorschlag kategorisch ab und bombardieren die Stadt weiter von ihren Stellungen aus.“

Karte von Syrien mit den umkämpften Gebieten

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/BBC/Institute for the Study of War/liveuamap.com

Lawrow warf den Rebellen vor, die Zivilbevölkerung in Ostghuta als „menschliche Schutzschilde“ zu missbrauchen. Zugleich sagte er, Russland sei offen für eine 30-tägige Feuerpause in Syrien. Bedingung sei jedoch, dass die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und die Al-Nusra-Front nicht in den Waffenstillstand einbezogen werden.

Eine entsprechende Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrats ist am Donnerstag allerdings ohne Abstimmung zu Ende gegangen. Schweden und Kuwait hatten im Vorfeld einen Resolutionsentwurf in Umlauf gebracht, der eine solche 30 Tage lange Waffenruhe sowie Zugang für humanitäre Helfer vorsieht. Die USA hatten ihre Zustimmung signalisiert. Russland machte allerdings während der Sitzung deutlich, dass es dem Entwurf in dieser Form nicht zustimmen werde.

Abstimmung für Freitag anberaumt

Diese Verhalten lässt den Druck auf Russland als ständiges Mitglied des UNO-Sicherheitsrats wachsen. Deutschland kritisierte kurz nach dem Treffen des höchsten Gremiums der UNO die Regierung in Moskau, weil sie sich „selbst bei schlimmsten Völkerrechtsverletzungen schützend vor das Assad-Regime“ in Syrien gestellt habe.

Dauerbombardements in Ostghuta

„Hölle auf Erden“ - so nennt UNO-Generalsekretär Antonio Guterres die Region Ostghuta. Seit Tagen steht die Rebellenenklave unter Beschuss.

Es sei „kaum zu verstehen, dass die Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen heute nicht zu einer Einigung gefunden haben“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin und appellierte zugleich an Russland, „einer vorübergehenden Einstellung der Kampfhandlungen zuzustimmen“. Es bestehe ein Rest Hoffnung, doch noch zu einer Einigung zu kommen. Nun soll der Sicherheitsrat am Freitagnachmittag über die Resolution zur Waffenruhe abstimmen, hieß es nach Angaben des kuwaitischen Ratsvorsitzes.

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