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Der Leser als Richter des Schriftstellers

Wie werden Menschen zu Verbrechern? Wie geht der Rechtsstaat mit ihnen um? Wieder sind es die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, um die es in Ferdinand von Schirachs neuem Buch geht. Über die zwangsläufige Fehlbarkeit des Rechtsstaates, sein Lebensthema Einsamkeit und die Ähnlichkeit von Schriftstellerei und Anwaltsberuf erzählt er im Interview mit ORF.at.

ORF.at: Herr von Schirach, als Anwalt waren Sie mit vielen Schicksalen konfrontiert – wo war denn für Sie der Punkt, das zur Literatur zu machen?

Ferdinand von Schirach: Ich habe es in der letzten Geschichte von „Strafe“ erzählt und kann es nicht anders sagen: „Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst. Ich hatte zu viele Körper gesehen, die nackt waren und zu niemanden mehr gehörten, nicht einmal zu sich selbst.“

ORF.at: Menschen, die sich fremd, die einsam sind – was Sie da schildern, ist ein Thema, das sich durch Ihre Bücher zieht: Sind diese Gefühle typisch für den „klassischen“ Täter?

Von Schirach: Ich glaube, dass die meisten Menschen einsam sind. In den 54 Jahren, die bisher in meinem Leben vergangen sind, gab es nur die eine Konstante: Einsamkeit. Manchmal dachte ich, es könne anderes werden, aber es wurde nie anders. In einem Gedicht von Eichendorff heißt es: „Wir sehnen uns nach Hause / Und wissen nicht, wohin?“ Diese Einsamkeit ist vielleicht auch ein Grund, weshalb wir lesen.

ORF.at: Es gibt noch ein weiteres, zentrales Motiv Ihrer Bücher, nämlich die Fehlbarkeit des Rechtsstaates. Immer wieder laufen gerichtliche Entscheidungen dem zuwider, was wir als gerecht empfinden. Müssen wir das akzeptieren? Gibt es einfach kein gerechtes System?

Von Schirach: Gerechtigkeit ist ein Ziel, so wie „Glück“ oder „Liebe“ ein Ziel des Lebens ist. Wir streben danach, es ist unsere Natur, das zu tun. Aber wir erreichen unsere Ziele nicht immer. Gerechtigkeit entsteht nicht durch Wut, Rache oder Angst. Gerechtigkeit im Strafrecht ist etwas ganz anderes, es ist mühsam, langsam und anstrengend. Am Ende ist Gerechtigkeit die Folge der Anwendung der Strafprozessordnung.

Ich weiß, wir wünschen uns einfachere Antworten. Aber die gibt es nur im Märchen oder im Tatort nach 85 Minuten. Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein Mann wird freigesprochen, weil ein bestimmtes Beweismittel nicht verwertet werden darf. Wir alle halten den Mann für den Mörder, wir glauben zu wissen, dass er seine Frau umgebracht hat. Die Prozessordnung lässt aber nicht zu, dass er verurteilt werden kann.

Das ist schwer erträglich. Es erscheint uns ungerecht, wir sind empört. Die Boulevardpresse wünscht sich dann einen Richter, der endlich mal auf den Tisch haut und sagt, dass er in diesem Fall über den lächerlichen Formfehler hinweggeht, dass er die Prozessordnung und die Regeln für die Beweiserhebung nicht anwenden wird. Tatsächlich aber müssen wir solche Freisprüche ertragen, nur so entsteht Gerechtigkeit. Nicht in diesem Einzelfall vielleicht, aber in der Gesamtheit. Und das Ziel der Rechtsprechung ist in erster Linie Rechtssicherheit.

ORF.at: Ist „Strafe“ auch ein Plädoyer gegen den Ruf nach härteren Strafen – nicht zuletzt auch, weil Sie von den Menschen hinter der Tat erzählen?

Von Schirach: Der Ruf nach „härteren Strafen“ ist ein Reflex von Politikern nach besonders furchtbaren Verbrechen. Das klingt gut und ist vielleicht auch populär. Aber dadurch ändert sich nichts. Stellen Sie sich einen Mann vor, der zu früh nach Hause kommt und seine Frau mit ihrem Liebhaber antrifft. Er ist rasend vor Wut und greift zum Hammer aus der Werkzeugkiste und will dem Konkurrenten den Kopf einschlagen. Glauben Sie im Ernst, dass er jetzt überlegt: „Ah, halt mal, gestern wurde ja ein Gesetz beschlossen.“ Die Erhöhung von Strafe schreckt kaum. Es geht vielmehr nur um Rache oder Sühne.

ORF.at: „Nie wieder darf jemand über mich bestimmen“, antwortet die angehende Anwältin Seyma in einer Geschichte auf die Frage, warum sie Jura studiert hat. War das für Sie auch ein Grund, diesen Beruf zu ergreifen?

Von Schirach: Nein. Mit zwölf Jahren habe ich alberne Theaterstücke geschrieben, mit 16 wollte ich Theaterregisseur werden. Aber ich bin ein ganz bürgerlicher Mensch, also studierte ich Jura. Strafverteidigung schien mir dabei das Interessanteste. Mit 45 Jahren konnte ich dann tun, was ich immer wollte, und schrieb meine ersten Kurzgeschichten.

ORF.at: Der typische Strafverteidiger Ihrer Geschichten hat schon vieles gesehen und lässt sich kaum aus der Fassung bringen – sind Sie auch so?

Von Schirach: Es ist richtig, was Sie sagen: Vermutlich sehen Strafverteidiger und Priester mehr als andere Menschen, sie blicken öfters ins Dunkle. Das kann die Haltung zur Welt verändern.

ORF.at: Wie fühlt man sich als Strafverteidiger, wenn man üble Verbrecher verteidigt?

Von Schirach: Die Justiz ist ein System, und jeder erfüllt darin seine Rolle. Der Staatsanwalt klagt an, der Verteidiger verteidigt, der Richter richtet. Es muss so sein. Fällt der Verteidiger aus, dann funktioniert das Gerichtsverfahren nicht mehr. Ich verteidige ja nie das Verbrechen, ich verteidige den Menschen.

Sehen Sie, wenn ein Mann seine Frau erschlägt, ist das immer furchtbar. Die Verteidigung besteht darin, dass ich darstelle, wie der Mann zu dieser Tat gekommen ist. Ich kann die schreckliche Tat nicht rechtfertigen - aber manchmal gelingt es, zu zeigen, dass der Angeklagte auch nur ein Mensch ist. Und dabei geht es um seine Würde. Oder anders gesagt, es geht um die Menschlichkeit. Als Schriftsteller tue ich nichts anderes.

ORF.at: Sie meinten einmal, dass sich die beiden Berufe nicht so stark unterscheiden würden.

Von Schirach: Ja, vieles ähnelt sich. Anwälte hießen früher „Fürsprecher“, sie sprechen für ihren Mandanten, weil sie selbst es oft nicht können. Der Anwalt – wie der Schriftsteller – erzählt also eine Geschichte. Diese Geschichten sind wichtig, denn je mehr wir über einen Menschen wissen, umso schwerer fällt es uns, ihn zu verdammen. Jeder Polizist weiß das: Wenn ein Mädchen entführt wird, ist es entscheidend, dass der Täter schnell ihren Namen erfährt. Schon wenn er weiß, dass sie Luisa oder Sabine heißt, kann ihn das hemmen, ihr Gewalt anzutun.

Im Gericht ist es nicht anders. Ein Richter wird einen Menschen, von dem er nichts außer seinem Verbrechen kennt, leichter zu hohen Strafen verurteilen. Es ist also die Aufgabe des Anwalts, den Richtern den Menschen näher zu bringen. Wer ist er? Wie hat er gelebt? Was waren seine Hoffnungen, seine Träume, wie strebte er nach Glück? Was berührt einen Richter und was nicht. Und der Leser ist der Richter des Schriftstellers.

ORF.at: Sie widmen sich mittlerweile fast ausschließlich dem Schreiben. Warum eigentlich? Fehlt Ihnen der Anwaltsberuf?

Von Schirach: Es stimmt, ich trete nicht mehr vor Gericht auf, das wäre ein zu großes Risiko. Stellen Sie sich vor, dass ein Richter meine Bücher nicht mag, und der Mandant würde das dann zu spüren bekommen. Auch eine Aufmerksamkeit, die sich auf mich und nicht auf den Fall bezieht, wäre falsch. Außerdem nimmt mich das Schreiben schon sehr in Anspruch, und wenn man zu viel macht, macht man irgendwann alles nicht mehr gut.

ORF.at: Wie kommen Sie jetzt, als hauptberuflicher Autor, eigentlich zum Stoff Ihrer Geschichten?

Von Schirach: Ich habe in fast 700 Strafverfahren verteidigt. Das reicht für ein Leben als Schriftsteller.

ORF.at: „Verbrechen“, „Schuld“, „Strafe“ – können Sie sich einen weiteren, ähnlich angelegten Band vorstellen? Wie könnte der heißen?

Von Schirach: Die drei Bücher waren von Anfang als Trilogie geplant. Sie entsprechen der Reihenfolge eines Strafverfahrens. Zuerst wird geprüft, ob eine Tat, also ein Verbrechen vorliegt. Dann untersucht, ob der Angeklagte daran schuldig ist. Und wenn beides bejaht wird, wird eine Strafe gefunden. Ich muss mir also etwas Neues ausdenken.