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Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Auf „Verbrechen“ und „Schuld“ folgt „Strafe“: Neun Jahre ist es her, dass der deutsche Anwalt Ferdinand von Schirach seine ersten „Stories“ vorgelegt hat, in denen er in knappen und lakonischen Miniaturen in den Gerichtssaal führt, inspiriert von realen Fällen aus seiner Westberliner Kanzlei. Das Buch schlug ein, auch international.

Ein „außergewöhnlicher Stilist“ schrieb die „New York Times“, ein „großartiger Erzähler“ hieß es im „Spiegel“. „Von dem Mann möchte man sich sofort verteidigen lassen“, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das ist inzwischen nicht mehr möglich: 2012 hat von Schirach seine Ursprungsprofession an den Nagel gehängt, nach über 700 Fällen.

„Stellen Sie sich vor, dass ein Richter meine Bücher nicht mag, und der Mandant würde das dann zu spüren bekommen“, sagte der 1964 in München geborene Autor dazu im Gespräch mit ORF.at. Außerdem nehme ihn, so von Schirach, das Schreiben mittlerweile sehr in Anspruch.

Erste Kurzgeschichten mit 45 Jahren

Die Resultate dieses Schreibens waren auch allesamt sehr erfolgreich: Von ebenjenem Erstling, „Verbrechen“ (2009), über „Schuld“ (2010) bis hin zu den Romanen „Der Fall Collini“ (2011) und „Tabu“ (2013) standen seine Bücher wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurden in viele Sprachen übersetzt. Das Stück „Terror“ wurde zeitgleich in mehreren Theatern gespielt und sorgte in der Fernsehverfilmung letzten Herbst für Aufsehen.

Von Schirach ist außerdem ein gefragter Redner in moralischen und rechtsstaatlichen Belangen; im Vorjahr warnte er etwa bei den Salzburger Festspielen vor den Gefahren einer „absoluten direkten Demokratie“. Zum Schreiben kam von Schirach erst spät, wie er sagt: „Mit 45 Jahren konnte ich dann tun, was ich immer wollte, und schrieb meine ersten Kurzgeschichten“. Was der Auslöser dafür war, das schildert er jetzt in dem neuen Band „Strafe“ in der letzten von insgesamt elf „Stories“.

Einsamkeit als Motor der Literatur

„Der Freund“ lautet der knappe Titel. Hier erzählt von Schirach ausnahmsweise aus der Ich-Perspektive von seinem alten Freund Richard, der sich in Drogen und Alkohol flüchtet, weil er die Ermordung seiner Frau nicht verkraften kann. Die beiden begegnen einander ein letztes Mal in einem Haus in der Normandie, in dem sie als Kinder oft gewesen waren. Einige Monate nach dem Tag in der Normandie habe er mit dem Schreiben begonnen, sagt von Schirach.

Cover des Buchs "Strafe" von Ferdinand von Schirach

Luchterhand Literaturverlag

Buchhinweis

Ferdinand von Schirach: Strafe. Stories. Luchterhand, 192 Seiten, 18,50 Euro.

„Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst. Ich hatte zu viele Körper gesehen, die nackt waren und zu niemandem mehr gehörten, nicht einmal zu sich selbst“, so der Autor.

Verzweiflung und Fremdheit

Das Dunkle, die Verzweiflung und die Fremdheit: Von Schirachs literarischer Motor ist zugleich eines der zentralen Motive seiner Literatur. Seine Figuren sind allesamt einsame Menschen, deren Geschichten mitunter auch kurios sind: Da ist etwa ein Mann, der seinen Nachbarn schwer verletzt, weil dieser seine Sexpuppe geschändet hat. Da ist eine Frau, die ihren Mann ermordet, als sie ihn bei seiner Selbstbefriedigungspraktik im engen Taucheranzug und mit abgeschnürter Kehle entdeckt.

Aber es sind allesamt Figuren, die aus der Mitte der Gesellschaft stammen: eine Pressesprecherin, ein Programmierer, der stellvertretende Leiter eines Supermarkts, eine Journalistin - und letztlich, so ahnt man, trennt uns von ihnen nicht viel.

Von Schirachs Geschichten machen süchtig

Warum Menschen Verbrechen begehen, und wie der Staat damit umgeht, davon berichtet von Schirachs Literatur. Und sie tut das, ohne zu verurteilen, stets schnörkellos, in kurzen, knappen Sätzen, für die er so oft gelobt wurde. Mit hoher Kunstfertigkeit weiß er rasant das Tempo zu wechseln, im richtigen Moment innezuhalten und so die Leserin und den Leser in Atem zu halten.

Was diese Geschichten eint und mit den anderen beiden „Stories“-Bänden verbindet, ist eine gewisse Absicht des Autors, die in vielen Fällen schon ahnen lässt, wohin es gehen könnte. Kein erhobener Zeigefinger, aber ein wenig Didaktik schimmert durch: Der jungen Anwältin Seyma gelingt es etwa, so ahnt man schon zu Beginn, einen widerlichen Frauenhändler freizubekommen, ein Verfahrensfehler gibt den Ausschlag; für die Wiederholung der Hauptverhandlung kann die einzige Zeugin nicht mehr gefunden werden.

Verbrechen ohne Strafen

Am überzeugendsten sind von Schirachs „Stories“ dann, wo nichts erklärt wird, wo keine gesellschaftlichen Probleme aufbereitet werden. Zum Beispiel in der Geschichte „Nachbarn“, die von einem Mann erzählt, der von Neid getrieben die Chance ergreift, seinen Nachbarn bei der sonntäglichen Autoreparatur zu ermorden, und der dafür unsanktioniert bleibt – und nichts bereut.

„Brinkmann stellt seinen Fuß auf die Stoßstange. Das Chrom blendet ihn in der Sonne. Mit seinem ganzen Gewicht drückt er dagegen. Die beiden Wagenheber knicken um, das Auto rutscht auf den Mann. Es ist ein hässlicher Tod, wird später der Gerichtsmediziner zu den Ermittlern sagen, es gebe so etwas öfter.“

„Strafe“, so macht von Schirach deutlich, findet nicht immer statt – und nicht immer vor Gericht. Und wenn es zum Verfahren kommt, so lautet eine weitere Conclusio des Buches, dann müssen wir es ertragen, dass der Rechtsstaat im Einzelfall fehlbar ist. „Am Ende ist Gerechtigkeit die Folge der Anwendung der Strafprozessordnung. Ich weiß, wir wünschen uns einfachere Antworten“, so von Schirach dazu im Interview.

Der Volkszorn, kein guter Richter

Die Sache mit der Strafe ist komplex – weil es das Leben auch ist. Und einmal mehr weiß von Schirach mit seinen neuen „Stories“ der Forderung nach der Verschärfung des Strafrechts zu widersprechen: Der Volkszorn, er wäre kein guter Richter.

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