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Ermittlungen wegen versuchten Mordes

Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia sind höchstwahrscheinlich Opfer von Nervengift geworden. Das teilte der Chef der britischen Anti-Terror-Einheit, Mark Rowley, am Mittwoch in London mit. Es werde wegen versuchten Mordes ermittelt, die beiden seien „gezielt angegriffen“ worden. Auch ein Polizeibeamter befinde sich inzwischen in einem lebensbedrohlichen Zustand.

Der 66-jährige Skripal und seine 33-jährige Tochter waren am Sonntag mit Vergiftungserscheinungen vor einem Einkaufszentrum in der südenglischen Kleinstadt Salisbury bewusstlos aufgefunden worden. Sie kämpfen seitdem in einer Klinik um ihr Leben.

Polizisten vor einem Zelt

AP/Frank Augstein

Seit Sonntag dauern die Ermittlungen am Tatort vor dem Einkaufszentrum in Salisbury an

Spur führt nach Russland

Die Ermittler seien mittlerweile davon überzeugt, dass Russen Skripal angegriffen hätten, um sich für seinen Verrat als Spion zu rächen, verlautbarten US-Sicherheitskreise. So heizen die Erkenntnisse der britischen Polizei Spekulationen weiter an, der Kreml könne seine Hände bei dem mutmaßlichen Giftanschlag im Spiel haben. Ein europäischer Insider bestätigte, dass das der wichtigste Ermittlungsstrang sei.

Der Kreml wies Vorwürfe zurück, etwas mit dem Fall zu tun zu haben. „Man spürt, dass diese Kampagne absolut geplant abläuft, und darin erklingen auch Äußerungen offizieller Vertreter Großbritanniens“, sagte die russische Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa der Agentur Interfax zufolge. Noch vor der Klärung der Fakten würden Vorwürfe gegen Russland erhoben.

Ex-Spion: Erkenntnis über mysteriöse Substanz

Der ehemalige russische Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julia sind höchstwahrscheinlich Opfer von Nervengift geworden. Das teilte der Chef der britischen Anti-Terror-Einheit mit.

Großbritannien drohte Russland mit Sanktionen

Der britische Außenminister Boris Johnson hatte Russland mit neuen Sanktionen gedroht, falls die Regierung in Moskau hinter der Erkrankung Skripals stecken sollte. Kein Versuch, auf britischem Boden unschuldiges Leben zu nehmen, werde ungestraft bleiben, sagte Johnson kaum verhohlen an Moskau gerichtet. Premierministerin Theresa May stellte am Mittwoch wie zuvor Johnson den Besuch britischer Politiker und Würdenträger bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland im Sommer infrage, sollte sich herausstellen, dass Moskau seine Hände im Spiel hat.

Archivbild von Krankenhaus in Salisbury

APA/AP/PA Wire/Tim Ockenden

Sergej Skripal und seine Tochter Julia werden im Spital von Salisbury mit Verdacht auf Vergiftung behandelt

Polizei bittet Öffentlichkeit um Hilfe

Am Mittwoch waren erneut mehrere Feuerwehrfahrzeuge und Rettungswagen am möglichen Tatort. Eine Frau sei von Beamten zu einem der Fahrzeuge geführt und mitgenommen worden, berichtete die britische Nachrichtenagentur PA. Augenzeugen berichteten wiederum von zwei Frauen, die von der Polizei mitgenommen wurden. Was es mit dem Einsatz auf sich hatte, war zunächst unklar.

Eine Pizzeria und ein Pub in Salisbury wurden jedenfalls vorübergehend geschlossen und dekontaminiert. Auch nahe der Touristenattraktion Stonehenge sei eine Absperrung im Zusammenhang mit dem Fall eingerichtet worden, teilte die Polizei mit. Die Behörden baten unterdessen um Unterstützung der Öffentlichkeit. Wer Zeuge geworden sei oder Informationen habe, solle sich melden, hieß es in einer Mitteilung von Scotland Yard. Die Leitung in dem Fall hat inzwischen die Anti-Terror-Einheit der britischen Polizei übernommen.

Gefangenenaustausch in Wien

Skripal, früherer Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, war in Russland als britischer Spion verurteilt und bei einem Austausch im Juli 2010 freigelassen worden. Es war der wohl größte Agentenaustausch seit dem Ende des Kalten Krieges, er wurde auf dem Flughafen Wien-Schwechat vollzogen.

Foto auf Facebook von Anna Chapman

AP

Agentin als Medienliebling

Anna Chapman wurde 1982 als Anna Kuschtschenko geboren. Nach einer Kurzehe mit einem Briten sammelte sie in den USA von 2006 bis 2010 Informationen für den russischen Geheimdienst.

Eine US-Maschine brachte damals zehn enttarnte russische Spione nach Österreich zum Weiterflug nach Moskau. Unter ihnen war Anna Chapman, die wegen ihres attraktiven Äußeren - und massenhaft veröffentlichten Privatfotos - besonders viel Interesse bei Medien auslöste.

Boulevardblätter auf der ganzen Welt brachten Geschichten über die Geschäftsfrau, die es in den USA als Immobilienmaklerin zu Reichtum gebracht hatte. In ihrer Heimat stieg die Fernsehmoderatorin und Modedesignerin zur Prominenten auf. Dafür ließ Russland vier wegen Spionage verurteilte Häftlinge über Wien ausreisen - darunter eben Skripal und der Atomwissenschaftler Igor Sutjagin.

Skripals Familienmitglieder verstorben

Skripal lebte unter seinem Klarnamen in Salisbury, wie der „Guardian“ berichtete. Allerdings berichten britische Medien, dass er 2011 in Salisbury ein Haus unter seinem richtigen Namen kaufte. Nach dem Krebstod seiner Frau habe er dort zunächst mit seinem Sohn und dessen Lebensgefährtin gelebt, sagten Nachbarn britischen Medien. Im Vorjahr soll der Sohn laut britischen Medien in Russland ums Leben gekommen sein. Erst war die Rede von einem Unfall, offiziellen Berichten zufolge handelte es sich aber um ein Leberversagen.

Sergej Skripal

APA/AP/Misha Japaridze

Sergej Skripal soll sich in kritischem Zustand befinden (Archivbild)

Der Fall Skripal weckt Erinnerungen an den russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko, der 2006 in London mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet worden war. In einem britischen Untersuchungsbericht wurde dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeworfen, die Tat wahrscheinlich persönlich gebilligt zu haben. Das russische Präsidialamt hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

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