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„Absurde Anschuldigung“

Die Vergiftung des ehemaligen russischen Spions Sergej Skripal und dessen Tochter Julia sorgt für weitere Konflikte auf diplomatischer Ebene: Nachdem Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, im Nachrichtensender Rossija 24 über die mögliche Herkunft des Nervengifts aus der Nowitschok-Gruppe gesprochen hatte, gingen die Wogen erneut hoch.

Sacharowa hatte dabei Großbritannien, Tschechien, die Slowakei, Schweden und eventuell die USA als mögliche Herkunftsländer der Substanz aufgezählt. Die Regierungen in Stockholm, Prag und Bratislava wiesen die Darstellung anschließend entschieden zurück. Die schwedische Außenministerin Margot Wallstrom schrieb dazu im Kurznachrichtendienst Twitter, diese Behauptung sei „inakzeptabel und unbegründet“. Russland solle stattdessen die Fragen Großbritanniens beantworten.

„Eine Manipulation“

Der tschechische Außenminister Martin Stropnicky widersprach ebenfalls der russischen Darstellung, die er als unbegründet zurückwies. Es handle sich um eine Manipulation von Informationen mittels einer hochspekulativen Botschaft, die nicht bewiesen werden könne, schrieb Stropnicky auf Twitter. Die tschechische Verteidigungsministerin Karla Slechtova nannte die russische Überlegung „absurd“.

Auch die Slowakei bestritt, über das hochgefährliche Nervengift zu verfügen. Die Vorwürfe aus Moskau würden „kategorisch“ zurückgewiesen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Bratislava der Nachrichtenagentur CTK.

London überlegt weitere Schritte

Großbritannien wirft Russland vor, für das Giftattentat in der englischen Stadt Salisbury verantwortlich zu sein. Der 66-jährige Skripal und seine Tochter waren vor zwei Wochen bewusstlos auf einer Parkbank entdeckt worden. London zufolge wurden sie mit einem Giftstoff aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet, der in der Sowjetunion hergestellt wurde.

Die britische Premierministerin Theresa May verkündete deshalb am Mittwoch im Londoner Parlament Sanktionen gegen Russland. Dazu zählt die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten und das Kappen bilateraler Beziehungen „auf hoher Ebene“. Zudem sollen in der kommenden Woche im Nationalen Sicherheitsrat weitere Schritte erörtert werden.

Breite Unterstützung

Für die Tat gebe es „keine andere Erklärung, als dass der russische Staat verantwortlich ist“. Großbritannien werde niemals Bedrohungen britischer Bürger durch Russland dulden. Bei einem Treffen ihrer Konservativen Partei in London wies die Regierungschefin auch auf die breite Unterstützung durch westliche Verbündete hin. Unter anderem hatten sich Deutschland, Frankreich und die USA sowie die EU und die NATO hinter Großbritannien gestellt.

Am Montag soll der Fall Thema von Gesprächen zwischen dem britischen Außenminister Boris Johnson und seinen EU-Kollegen sowie NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sein. Die Europäische Union wird sich zudem bei ihrem Gipfeltreffen in der kommenden Woche nach Angaben von EU-Ratspräsident Donald Tusk klar zu dem Anschlag positionieren.

Gegensanktionen aus Moskau

Der Kreml holte am Samstag zum Gegenschlag aus: Auch Russland verweist 23 britische Diplomaten des Landes. Außerdem verbietet Moskau den Betrieb des britischen Generalkonsulats in St. Petersburg und des Kulturinstituts British Council in Russland. Die russischen Strafmaßnahmen sind kurz vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag auch als Signal der Stärke an die Wähler zu werten, dass sich Russland vom Westen nicht in die Ecke drängen lässt. Es wird ein eindeutiger Sieg von Amtsinhaber Wladimir Putin erwartet.

Vor der Ankündigung war der britische Botschafter in Moskau, Laurie Bristow, zum zweiten Mal in dieser Woche herbeizitiert worden. Das russische Außenministerium nannte die Sanktionen eine Antwort auf Großbritanniens „provokatives Handeln“ und „gegenstandslose Anschuldigungen“ im Fall Skripal und drohte mit zusätzlichen „Maßnahmen“ als Reaktion auf „weitere unfreundliche Aktionen“ Londons.

Exilrussen zur Vorsicht gemahnt

Skripal soll den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 über russische Agenten in Europa informiert haben. 2004 flog der ehemalige Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU auf und wurde festgenommen. Er wurde zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Großbritannien.

Für Unruhe in Großbritannien sorgt auch der Mord am russischen Kreml-Kritiker und Geschäftsmann Nikolai Gluschkow. Die britische Polizei kontaktierte eine Reihe von Exilrussen und mahnte sie zur Vorsicht. Damit hätten die Sicherheitsbehörden ihre bisherige Einschätzung von einem geringen Risiko für Exilrussen im Land geändert, berichtete der Sender BBC.

Todesfälle werden neu untersucht

Bei den Ermittlungen fanden Rechtsmediziner am Hals Gluschkows Gewaltspuren, wie Scotland Yard in London mitteilte. Der 68-Jährige war am Montag tot in seinem Haus in der Hauptstadt entdeckt worden. Gluschkow hatte für die russischen Großkonzerne Avtovaz und Aeroflot gearbeitet. 2004 war er in seiner Heimat zu drei Jahren und drei Monaten Haft nach Vorwürfen von Betrug und Geldwäsche verurteilt worden. 2010 erhielt er in Großbritannien Asyl. Russland habe bis zuletzt versucht, von ihm 123 Millionen Dollar (rund 100 Mio. Euro) an Aeroflot-Geldern zurückzubekommen, hieß es bei der BBC.

Hinweise auf eine Verbindung zum Giftanschlag auf Skripal gibt es bisher offenbar nicht. Die britische Regierung will unterdessen 14 Todesfälle neu untersuchen lassen, nachdem in einem Medienbericht darüber spekuliert worden war, dass diese auf das Konto Moskaus oder der russischen Mafia gehen könnten.

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