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Ermittlungen aufgenommen

Die Affäre um die Datenanalysefirma Cambridge Analytica dürfte Kreise bis in höchste Politsphären ziehen: Laut Medienberichten nutzte das Unternehmen 2014 Daten von Millionen Facebook-Usern ohne deren Zustimmung. Mit den Analyseergebnissen sei der Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump unterstützt worden. Der Whistleblower Christopher Wylie enthüllt aber eine noch tiefere Verstrickung von Cambridge Analytica in den US-Wahlkampf als bisher bekannt.

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Der 28-jährige Wylie legte Informationen zur Zusammenarbeit mit Cambridge Analytica unter anderem der „New York Times“ und der britischen Zeitung „Guardian“ offen. Die Firma, die ebenso für die „Brexit“-Kampagne in Großbritannien arbeitete, habe Informationen von Millionen von Facebook-Profilen abgeschöpft, um ein Programm zu entwickeln, mit dem Wahlentscheidungen vorhergesagt und beeinflusst werden können.

Bannons „psychologische Kriegsführung“

Cambridge Analytica gehört dem Hedgefonds-Milliardär Robert Mercer, im Aufsichtsrat saß damals Stephen Bannon, bis August 2017 Trumps Chefstratege und zuvor Wahlkampfchef. Durch das Unternehmen habe man auf persönliche Information zugreifen können, etwa um ein genau abgestimmtes Werbesystem aufzubauen. Die Wähler erhielten auf sie zugeschnittene Werbung, ohne zu wissen, warum. Wylie sagte gegenüber dem „Guardian“, er habe 2014 für seinen damaligen Vorgesetzten Bannon die Idee entwickelt und die Umsetzung überwacht. Er habe Bannons „Werkzeug der psychologischen Kriegsführung“ entwickelt.

Steve Bannon trifft Donald Trump im Jahr 2016

APA/AFP/Getty Imasges North America/Joe Raedle

Bannon und Trump: Mit Hilfe von Daten zum Wahlsieg

Zur gleichen Zeit habe die Dachfirma von Cambridge Analytica, SCL, gerade Verträge mit dem US-Außenministerium abgeschlossen und wollte auch das Verteidigungsministerium als Kunde gewinnen. Da sprang Wylie nach eigenen Aussagen ab. „Das ist krank“, so der Datenanalyst. Die Firma habe psychologische Profile von Millionen Amerikanern erstellt. „Und jetzt wollen sie mit dem Pentagon zusammenarbeiten? Das ist wie Nixon auf Steroiden“, so Wylie zum „Guardian“.

„Wir haben Facebook ausgebeutet, um die Profile von Millionen abzuernten. Und wir bauten Modelle, um zu nutzen, was wir über sie wussten, und ihre inneren Dämonen zu treffen. Das ist das Fundament, auf dem das gesamte Unternehmen steht.“ Der Datenmissbrauch soll laut „New York Times“, die sich auf frühere Mitarbeiter von Cambridge Analytica beruft, die Profile von 50 Millionen Menschen betroffen haben. Aus den Erklärungen von Facebook geht hervor, dass allerdings beim absoluten Großteil dieser Nutzer nur Grundinformationen zum Profil zugänglich gewesen seien.

App als Türöffner

Vertieftes Wissen erhielt Cambridge Analytica laut Facebook aber über Menschen, die an einer 270.000-mal heruntergeladenen Umfragen-App teilnahmen. Die scheinbar harmlose Umfrage mit dem Namen „thisisyourdigitallife“ versprach Nutzern einen Persönlichkeitstest. Ihr Initiator, Professor Alexandr Kogan von der Cambridge-Universität, habe dafür von den Nutzern die Erlaubnis zum Zugriff auf ihre Informationen erhalten. Dann habe aber Kogan „uns belogen“ und Daten an Cambridge Analytica und SCL sowie den Datenanalytiker Wylie weitergegeben, erklärte Facebook.

Zusätzlich zu den Informationen der Nutzer, die direkt an der Umfrage teilnahmen, bekam die App eingeschränkten Zugang zu Profildaten ihrer Facebook-Freunde, die entsprechend lockere Datenschutzeinstellungen haben, erklärte das Netzwerk. Das ist in solchen Fällen bei Onlineplattformen oft üblich und könnte die Zahl von Millionen in Mitleidenschaft gezogenen Mitgliedern erklären. Es wären aber deutlich weniger wertvolle Informationen. Facebook machte seinerseits keine Angaben zur Gesamtzahl der betroffenen Nutzer.

Staatsanwaltschaft prüft

Wylie sagte gegenüber Medien auch, die Firma habe WikiLeaks Hilfe bei der Verbreitung der gestohlenen E-Mails von Hillary Clinton, Trumps demokratischer Konkurrentin um die Präsidentschaft, angeboten. Sie waren nach Erkenntnissen westlicher Sicherheitsbehörden von russischen Hackern gestohlen worden, und ihre Veröffentlichung trug mit dazu bei, dass Trump die US-Präsidentschaftswahl im November 2016 gewann.

Die Staatsanwaltschaft des US-Bundesstaates Massachusetts hat am Samstag Ermittlungen gegen Cambridge Analytica eingeleitet. „Die Bewohner von Massachusetts erwarten umgehend Antworten von Facebook und Cambridge Analytica. Wir beginnen mit Ermittlungen“, teilte die Generalstaatsanwältin Maura Healey per Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Facebook lässt Cambridge Analytica fallen

Auch die britischen Datenschutzbehörden kündigten eine Untersuchung darüber an, wie Facebook mit Daten seiner Kunden umgeht. Das weltgrößte Soziale Netzwerk steht bereits im Zusammenhang mit der Russland-Affäre unter Druck. Facebook hatte im September eingeräumt, dass in den Monaten vor und nach der US-Wahl etwa 3.000 Anzeigen mit polarisierenden Inhalten geschaltet worden seien. Die Auftraggeber säßen vermutlich in Russland. Anschließend wurden in den USA Forderungen laut, Konzerne wie Facebook strenger zu regulieren.

Facebook hatte bereits am Freitag mitgeteilt, dass es die Kooperation mit der Analysefirma wegen Verletzung der Datenschutzbestimmungen beende. Trotz Aufforderungen von Facebook ab dem folgenden Jahr seien die Daten immer noch nicht gelöscht worden. Cambridge beteuerte dagegen, das sei sehr wohl geschehen. An die Daten sei man über eine andere Firma gelangt, die dafür die Verantwortung trage.

Ruf nach Regulation

Im US-Kongress wurden auch wieder Rufe nach strengeren Auflagen für Facebook laut. Es sei deutlich geworden, dass die Onlinedienste sich nicht selbst regulieren könnten, schrieb die Senatorin Amy Klobuchar am Samstag auf Twitter. „Sie haben gesagt, ‚vertraut uns‘. Mark Zuckerberg muss vor dem Justizausschuss des Senats aussagen“, erklärte die Demokratin, die selbst im Ausschuss sitzt. Ihr Parteikollege Mark Warner verglich die Lage in der Onlinewerbebranche mit dem Wilden Westen. Es sei klar, dass „dieser Markt weiter anfällig für Betrug und durch mangelhafte Transparenz geprägt sein wird, wenn er unreguliert bleibt“.

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