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Experte sieht „Objektivitätsfiktion“

Künftig sollen auch lauter Einser in der vierten Klasse Volksschule nicht mehr reichen, um ins Gymnasium zu kommen: Die jüngsten Pläne von ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann zur Neuregelung der Aufnahme in die AHS sorgen für Kritik.

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Denn neben dem Zeugnis in der vierten Klasse sollen künftig standardisierte Tests für die AHS-Reife ausschlaggebend sein. Dazu will Faßmann bereits bestehende Tests heranziehen: die Informelle Kompetenzmessung (IKM) und die Bildungsstandards. Der Bildungsminister will auf diesem Weg eine „Entwicklungskomponente“ erfassen. Diese „fundierte Leistungs- und Potenzialdokumentation“ sollte in der dritten Klasse stattfinden und beim Aufnahmegespräch für ein Gymnasium vorgelegt werden, so Faßmann im „Presse“-Interview (Sonntag-Ausgabe).

„Das muss zu einem Prozess werden“

Faßmann will damit den Druck von Volksschullehrenden nehmen. „Viele Schülerinnen und Schüler werden leider allzu oft in den für sie nicht passenden Schultyp geschickt“, so Faßmann. Man müsse weg von der punktuellen Leistungsbeurteilung hin zu einem „Prozess“ der Beurteilung über einen längeren Zeitraum. Von Aufnahmetests an Gymnasien sei nicht die Rede, stellte er am Montag klar.

Bildungsminister Heinz Faßmann

APA/Georg Hochmuth

Faßmann will Leistung und Kompetenzen der Volksschulkinder in einem „Prozess“ beurteilen

Der Übergang von der Volksschule zur AHS soll „objektiviert“ werden, beantwortete Martha Brinek vom Bildungsministerium die Frage nach dem Ziel. „Das muss zu einem Prozess werden“, so Brinek gegenüber ORF.at. Wie das genau vonstattengehen soll, wisse man noch nicht, räumten sowohl Faßmann als auch Brinek ein. Als weiteres Ziel gab Brinek an, die Neuen Mittelschulen (NMS) zu stärken. „Sonst werden sie zur Sackgasse.“

Das Ticket fürs Gymnasium

Voraussetzung für eine Aufnahme in eine AHS ist derzeit, dass im Zeugnis der vierten Klasse in Deutsch, Lesen und Mathematik keine schlechtere Note als „Gut“ steht und alle anderen Pflichtgegenstände positiv abgeschlossen wurden.

„Erhöht Druck auf Schüler und Eltern“

Die Pläne stießen am Montag auf heftige Kritik. „Dass mit solchen Tests bereits unter achtjährigen Kindern ausgesiebt wird, erhöht den Druck auf Schüler und Eltern nur noch weiter“, so NEOS-Chef Matthias Strolz. Peter Kolba von der Liste Pilz spricht von einem zusätzlichen Selektionskriterium. „Das ist eine Art von Druck, dem kein Kind ausgesetzt sein sollte“, kritisierte auch die Aktion kritischer Schüler_innen (AKS).

Die beiden genannten Tests seien vollkommen ungeeignet, so Faßmanns Ressortvorgängerin und jetzige SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid im Ö1-Mittagsjournal am Montag. Beide Tests seien entwickelt worden, um den Schulbehörden, sprich der Schulaufsicht, Feedback zu geben und eine „Sicht ins System“ zu geben. Es seien keine tauglichen Instrumente zur Testung von Einzelschülerinnen und -schülern.

Stefan Thomas Hopmann

Stefan Thomas Hopmann

Pläne nur „scheinbar objektiv“, sagt Bildungsexperte Stefan Hopmann

Experte: „Völlig unverantwortlich“

Auch Stefan Hopmann vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien spricht von einem Monitoringverfahren, das nicht dazu tauge, Aussagen über einzelne Kinder zu machen. Diese Tests heranzuziehen wäre „völlig unverantwortlich“, so der Experte im ORF.at-Interview. Faßmann räumte am Montag gegenüber dem ORF-Radio ein, dass die genannten Tests freilich nicht eins zu eins übernommen werden könnten.

Dass der Druck auf Kinder und Eltern verstärkt werde, glaubt Faßmann allerdings nicht - ganz „im Gegenteil“: Der Druck sei bei punktuellen Prüfungen hoch, wenn es mehrere Gelegenheiten gebe, nehme er „mit Sicherheit“ ab. Bildungsforscher Hopmann sieht das anders: Der Druck auf die Kinder steige, und außerdem brächten solche Tests wissenschaftlich betrachtet nichts, so sein Befund.

„Pseudoobjektives Verfahren“

Die internationale Entwicklung geht laut dem Experten vielmehr einen ganz anderen Weg: Ausführliche Testungen von Schülerinnen und Schülern würden verstärkt zurückgefahren. Die Kollateralschäden - vor allem in Form sozialer Ungerechtigkeit - seien größer als der Nutzen. Wer keine Ressourcen habe, bleibe „scheinbar objektiv“ auf der Strecke, so Hopmann.

Schulübertritte in Zahlen

Im Schuljahr 2016/17 wechselten österreichweit 60,1 Prozent des Altersjahrgangs von der Volksschule in die NMS. 36,2 Prozent gingen in eine AHS. Die höchste Übertrittsquote in die AHS verzeichnete Wien mit 49,3 Prozent.

Ein wissenschaftlich valides System, das das Potenzial eines neunjährigen Kindes misst und zuverlässige Prognosen liefert, kann es laut Hopmann gar nicht geben. So seien etwa Leistungsschwankungen gerade bei jüngeren Kindern nicht ungewöhnlich, sie könnten just bei einem dieser Tests einen schlechten Tag haben. Hopmann spricht von einer „Objektivitätsfiktion“. Vielmehr gehe es offenbar darum, ein „pseudoobjektives Verfahren“ einzuführen, um Selektion zu rechtfertigen. „Das ist Ideologie und nicht objektiv“, so Hopmann.

Gemeinsam Lösung finden

Zwar hält Hopmann auch das bestehende System - also Zeugnisnoten - als Kriterium für die AHS-Reife für unzulänglich und nicht prognostisch, aber immerhin für treffsicherer als Tests, da Zeugnisnoten im Regelfall die Bewährung im Unterricht wiedergeben. Am besten sei es immer noch, so der Rat des Experten, wenn Eltern, Lehrende und Kinder sich an einen Tisch setzten und gemeinsam eine Antwort suchten, welcher Bildungsweg nach der Volksschule am sinnvollsten sei.

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