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Anwendung von Nowitschok bestätigt

Der Fall um den russischen Ex-Spion Sergej Skripal, der im britischen Salisbury vergiftet worden ist, bleibt rätselhaft. Das Forschungszentrum des britischen Verteidigungsministeriums fand nach eigenen Angaben keine Beweise dafür, dass das bei dem Anschlag verwendete Nervengift in Russland hergestellt wurde. „Wir haben seinen genauen Ursprung nicht identifiziert“, sagte der Leiter des Labors, Gary Aitkenhead.

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Die Wissenschaftler hätten aber festgestellt, dass es sich um das Präparat Nowitschok gehandelt habe, ein zur militärischen Verwendung gedachtes Nervengift. Sie hätten ihre Informationen an die Regierung weitergegeben, die dann „unter Verwendung anderer Quellen die Schlussfolgerungen zusammensetzte, zu denen man gelangte“, sagte Aitkenhead am Dienstag gegenüber Sky News. Allerdings seien „extrem komplexe Methoden“ zur Herstellung dieses Nervengifts vonnöten, über die „nur ein staatlicher Akteur“ verfüge, fügte der Laborchef hinzu.

Sergej Skripal

APA/AP/Misha Japaridze

Sergej Skripal wurde am 4. März im britischen Salisbury vergiftet (Archivbild)

Nowitschok wurde vom sowjetischen Militär in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt. Die britische Regierung wirft der Regierung in Moskau vor, hinter dem Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Skripal und dessen Tochter am 4. März in Salisbury zu stecken. Beide kamen in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus, inzwischen ist die Tochter auf dem Weg der Besserung.

OPCW tagt am Mittwoch

Russland weist die Vorwürfe Großbritanniens zurück und beantragte bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) eine Untersuchung. Die Experten von OPCW hatten ebenfalls Spuren des Gifts untersucht. Unklar ist, ob bei der Sondersitzung am Mittwoch bereits Ergebnisse der Untersuchung vorgelegt werden sollten. Die Sitzung findet Berichten zufolge unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die OPCW mit Sitz in Den Haag ist verantwortlich für die Umsetzung der Chemiewaffenkonvention aus dem Jahre 1997.

Der Giftanschlag von Salisbury hat die ohnehin schon angespannten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen zusätzlich massiv belastet. In einem beispiellosen Schritt hatten rund 25 Staaten und die NATO etwa 140 russische Diplomaten ausgewiesen. Russland wies daraufhin ebenso viele Diplomaten aus. Einige EU-Staaten, darunter auch Österreich, verwiesen keine Diplomaten des Landes.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow

APA/AFP/Yuri Kadobnov

Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte, dass der Anschlag im Interesse Londons gewesen sein könnte

Der russische Außenminister Lawrow sagte am Montag in Moskau, wegen der Skripal-Affäre sei das Verhältnis zum Westen so schlecht wie lange nicht mehr. „Vor allem Großbritannien, die USA und zahlreiche Staaten, die ihnen blind folgen, haben jeden Anstand verloren. Sie nutzen offene Lügen und Desinformation“, sagte Lawrow. Er stellte auch in den Raum, dass der Anschlag auch durchaus im Interesse von Großbritannien selbst gewesen sein könnte. Wie weit sich die Eskalationsspirale jetzt noch drehe, liege nicht in den Händen Russlands.

Aitkenhead: Kein bekanntes Gegenmittel

Labordirektor Aitkenhead sagte im Gespräch mit Sky News, dass es zwar seine Aufgabe gewesen sei zu klären, welches Gift beim Anschlag eingesetzt wurde. „Aber unser Job ist es nicht herauszufinden, woher es stammt oder wo es produziert wird“, so Aitkenhead, der hinzufügte, dass es kein bekanntes Gegenmittel gegen Nowitschok gebe.

Zuletzt hatte der russische Botschafter bei der EU, Wladimir Tschischow, die These in den Raum gestellt, dass ein britisches Chemiewaffenlaborator die Quelle für das Nervengift sein könnte. Tatsächlich befindet sich Porton Down nahe Salisbury, wo das Attentat stattfand. Die Anlage gilt seit ihrer Gründung 1916 als geheimnisumwoben und umstritten. In dem Labor wurde 1953 ein Luftwaffensoldat gezielt mit dem Giftgas Sarin vergiftet, der daraufhin starb, wie das britische Militär 2004 eingestehen musste.

Aitkenhead betonte, es sei „einfach nicht wahr“, dass das Gift aus einer britischen Anlage stamme. „Es kann unmöglich sein, dass so etwas von uns kommt oder die vier Wände unserer Einrichtung verlässt“, sagte der Direktor des britischen Forschungszentrums.

Moskau fordert Entschuldigung

Russland forderte angesichts der Aussagen von Aitkenhead eine Entschuldigung vonseiten Großbritanniens. „Auf irgendeine Weise muss man sich bei Russland entschuldigen“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax. Die britische Theorie habe sich nicht bestätigt, weil es unmöglich sei, sie zu bestätigen. Russland habe von Anfang an gesagt, dass es nichts mit dem Fall zu tun habe.

Auch der russische Präsident Wladimir Putin, der derzeit in der Türkei weilt, meldete sich zu Wort. „Wir sind an einer vollwertigen Aufklärung interessiert“, sagte er. Nach und nach habe es Bestätigungen dafür gegeben, dass „diese verrückten Anschuldigungen, die die britische Seite ein paar Stunden nach dem Vorfall erhoben hat, auf nichts begründet sind und durch nichts gestärkt werden“.

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