Themenüberblick

Schau beleuchtet bewegte Geschichte

Seit 40 Jahren bieten Frauenhäuser in Österreich Schutz vor Gewalt in der Familie. Die Ausstellung „Am Anfang war ich sehr verliebt“ im Wiener Volkskundemuseum berichtet von den Hintergründen und den politisch bewegten Anfängen in den 1970er Jahren, vor allem aber von der Realität betroffener Frauen. Während die Institution mittlerweile etabliert ist, beklagt man, dass Gewalttäter bis heute kaum Verurteilungen fürchten müssen.

„Ich geb Frauen auch Rechte, wenn meine Linke verletzt ist“ oder „bei bösen Damen rutscht mir öfter mal die Hand aus wie bei Ölmassagen“: Gewaltverherrlichende Songtexte, etwa vom diesjährigen deutschen Echo-Gewinner Farid Bang, sexistische Werbung und ernüchternde Statistiken zum Gender Pay Gap gibt es im Eingangsbereich der Ausstellung zu sehen.

Ein aktuelles Stimmungsbild in Sachen Patriachat und Frauendiskriminierung, das hier den Status quo umreißt, und daran erinnert, dass noch längst nicht alles getan ist. Dann erst startet der historische Streifzug in die turbulenten, von Emanzipation und Aufbruchsstimmung geprägten 1970er Jahre, die hier mit Originaldokumenten, Fotografien und handgeschriebenen Zitaten illustriert werden.

Gewalt als Privatsache

Vor den 1970er Jahren galt Gewalt in der Familie als „Privatsache“ und blieb fast ausnahmslos unthematisiert: „Ich kenne sehr viele Leute. Aber ich kenne keine einzige Ehe, in der geprügelt wird“, so hörte man damals, wie hier an der Wand geschrieben steht, etwa Verhaltensforscher Otto König im „Club 2“ sagen.

Frauenhaus

Verein Wiener Frauenhäuser

In diesem Haus befand sich ab 1978 die erste Wohnung des Vereins Wiener Frauenhäuser

Die vermeintlich idyllische Geschlechterbeziehung wurde zu dieser Zeit aber von der entstehenden autonomen Frauenbewegung lautstark infrage gestellt. Aus den verkrusteten patriarchalen Strukturen ausbrechen und bei Gewalt gegenüber Frauen nicht länger wegschauen, so lauteten die Maximen, die die Protagonistinnen auch gegenüber dem Rechtssystem einforderten.

Gesetzbuch aus der Zeit der Postkutschen

Bis 1976 hatte das Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch von 1811, gegolten – noch aus der Zeit der „Postkutschen“, wie Österreichs erste Frauenministerin Johanna Dohnal (SPÖ) monierte –, das den Mann als Oberhaupt der Familie festschrieb und die Frauen unter anderem bei Scheidungen deutlich benachteiligte. Dann trat endlich die langersehnte Familienrechtsreform in Kraft, die die Ehe partnerschaftlicher definierte. Schon ein Jahr zuvor war die bahnbrechende Fristenregelung beschlossen worden, die Abtreibungen auf legale Beine stellte.

In diesem neuen, fortschrittlichen Klima entstand auch das erste Frauenhaus in Wien. Nach deutschem und englischem Vorbild eröffneten junge Sozialarbeiterinnen mit Unterstützung von SPÖ-Politikerinnen das erste „Haus“, eine große Mietwohnung im neunten Wiener Gemeindebezirk, die man damals noch – ganz nach dem Zeitgeist – als gemeinschaftliches, schwesterlich-solidarisches Projekt führte.

Eine Art Hochsicherheitstrakt

Besondere Sicherheitsvorkehrungen gab es damals keine – was sich heute radikal geändert hat: Frauenhäuser sind inzwischen zu einer Art Hochsicherheitstrakt geworden, mit eigener Schleuse und Kameraüberwachung vor dem Haus.

Demonstration für ein drittes Frauenhaus vor dem Parlament in Wien

Verein Wiener Frauenhäuser

Kundgebung des Vereins Wiener Frauenhäuser 1994 vor dem Parlament. Gefordert wurde damals ein drittes Frauenhaus in Wien.

Im Volkskundemuseum kann man das ein Stück weit am eigenen Leib erfahren. Ein kleiner Kubus simuliert hier den Vorraum, in den Frauen erst einmal treten, wenn sie sich ins Frauenhaus begeben. Drinnen hört man Stimmen der Frauen, eingesprochen von Schauspielerinnen: „Wir kommen ins Frauenhaus. Der erste Blick, die Kameras, die Türen – ich hab mich gefühlt wie im Gefängnis“, hört man eine Bewohnerin sagen.

Ausstellungshinweis

„Am Anfang war ich sehr verliebt ...“ 40 Jahre Wiener Frauenhäuser, bis 30. September, Volkskundemuseum Wien, dienstags bis sonntags 10.00 bis 17.00 Uhr, donnerstags bis 20.00 Uhr, montags geschlossen, außer an Feiertagen.

Wie wichtig diese Vorkehrungen aber sind, trotz solcher Beklemmungsgefühle, erfährt man, wenn man den White Cube wieder verlässt. Eine Reihe von Fotos zeigen hier an Hauswände gesprayte Herzen, mit den Initialen „PYF“. Auf den ersten Blick vielleicht eine romantische Geste, tatsächlich aber Zeichen der Drohung: Der Ex-Mann einer Bewohnerin hatte die gesamte Umgebung des Frauenhauses zugesprayt - um ihr zu zeigen, dass er weiß, wo sie sich aufhält.

Viel Kraft, großer Mut

„Bei vielen Frauen kann man von Überlebenden sprechen, so massiv war die Gewalt“, sagt Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser im Interview mit ORF.at. Die Zahl der Gewaltdelikte habe sich seit den 1970er Jahren nicht geändert, „allerdings die Art. Die Gewalt ist raffinierter geworden. Man kann Menschen auf vielen Ebenen quälen.“

Frauen, die ins Frauenhaus gehen, haben Erniedrigungen, Schläge oder Vergewaltigungen oft lange über sich ergehen lassen. Sie seien, betont Brem, aber nicht nur Opfer von Gewalt, sondern auch beeindruckend stark: „Es bedarf einer großen Kraft und eines großen Mutes, Gewalttätigkeiten permanent standzuhalten und sich daraus zu lösen.“ „Mut zu gehen“, so liest man auch auf den Stickern in knalligen Farben, die sich hier jeder und jede aus der Ausstellung mitnehmen kann.

Ausstellung 40 Jahre Frauenhäuser

Verein Wiener Frauenhäuser

Ausstellungsansicht im Volkskundemuseum Wien

Um den Frauen gerecht zu werden, hat Kuratorin Anne Wanner sie als Gestalterinnen zu Wort kommen lassen, mit Objekten, die die Frauen selbst ausgewählt haben: In einer Vitrine liegen ein abgegriffenes Tagebuch und ein Paar Turnschuhe, daneben ein verwaschenes rosafarbendes T-Shirt. Die Frau hatte keine Zeit mehr, ihren Koffer zu packen, sondern ist einfach gegangen: ein einfaches Shirt, das von der Geschichte einer Befreiung erzählt.

„Es gibt noch immer zu tun“

Im letzten Teil der Ausstellung erfährt man von der Zusammenarbeit mit Polizei, den Behörden und von Gerichtsurteilen. „Das Gericht ist nicht der Ort der Therapie. Es kann aber der Ort der Retraumatisierung sein“, ist hier das nüchterne Zitat von Jan Philipp Reemtsma zu lesen. Viele Verfahren würden, so Brem, sehr schnell eingestellt werden, weil die Entgleisungen und Demütigungen oft so schwer beweisbar ist.

Ein weiteres Problem sei die gemeinsame Obsorge. Sie verhindere, „dass viele Frauen aus der Gewaltspirale rauskommen“, sagt Brem. Auch Täterarbeit und Prävention würden, so die Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, mehr Förderung bedürfen. Brem: „Es gibt also auch die nächsten 40 Jahre noch viel zu tun.“

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