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Marx und das Erbe des Marxismus

Karl Marx hat geschrieben: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern.“ Der zum Gründervater der Kapitalismuskritik mutierte Autor, der nur im Frühwerk so etwas wie einer durchgängigen Philosophie folgte, betätigte sich in den Bereichen Literatur, Philosophie und Publizistik.

Marx wurde am 5. Mai 1818 als drittes von neun Kindern in Trier geboren. Die jüdischen Eltern konvertierten zum Protestantismus, da sein Vater unter der preußischen Regierung seine Arbeit als Anwalt sonst nicht hätte durchführen können. Marx befasste sich intensiv mit Hegel, was ein wesentlicher Schlüssel zu einem Werk werden sollte. In Köln übernahm er 1842 die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“, einem Sprachrohr für oppositionelle Stimmen. Als die preußischen Zensurbehörden seine Arbeit verunmöglichten, wanderten Marx und seine Frau Jenny nach Paris aus.

Doch der Zugriff der deutschen Behörden reichte bis nach Frankreich: Im Jahr 1845 musste die Familie Marx Paris verlassen und flüchtete nach Brüssel und später nach England. Das wirtschaftlich fortgeschrittenste Land Europas bot reichlich Stoff für Marx’ Studien. Er beschäftigt sich intensiv mit dem despotischen Fabrikssystem, aber auch mit Irland, das zu dieser Zeit eine Extraktionsökonomie par excellence war: Dort wurden Rohstoffe für die boomende Industrie Englands produziert, während die irische Bevölkerung Not litt.

Wie ein Paukenschlag wirkte die Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifests“ im Revolutionsjahr 1848, das er zusammen mit seinem Freund und Financier Friedrich Engels verfasste. Marx begnügte sich nicht damit, die äußerlichen Erscheinungen der Ausbeutung zu beschreiben, sondern wollte ihr auf den Grund gehen. Sein Hauptwerk „Das Kapital“, das erstmals im Jahr 1867 veröffentlich wurde, hebt mit dem Satz an, dass der „Reichtum der Gesellschaften“ als eine „ungeheure Warensammlung“ erscheine.

Karl Marx

Getty Images/KenWiedemann

Der Mythos vom finsteren Marx. Hier auf einer Briefmarke aus der DDR.

Der Doppelcharakter der Ware

Jede noch so banale Ware, so Marx, habe stets einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. So bestehe der Gebrauchswert eines Stuhles darin, dass man auf ihm sitzen könne. Der Tauschwert des Stuhles wird definiert durch die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, die man für seine Herstellung braucht.

Auch die Ware Arbeitskraft hat nach Marx einen Doppelcharakter. Marx ging davon aus, dass nicht die gesamte Arbeitszeit entlohnt werde – und über den so entstehenden Mehrwert komme es zu Kapitalakkumulation.

Anders als die Theorie der selbstregulierenden Märkte es vorgibt, gereichen laut Marx die Gesetze von Angebot und Nachfrage nicht allen Menschen zum Vorteil. Die Logik des Tauschwerts setze sich durch: Es gehe nicht primär um die Befriedigung der Bedürfnisse aller Menschen, sondern um die Erwirtschaftung von Profit. Wenn sich der Reichtum in den Händen weniger konzentriere, sei es für Unternehmen beispielsweise gewinnbringender, Luxusgüter herzustellen, als die dafür notwendigen Ressourcen für die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen einzusetzen. Wohnraum stehe zu Spekulationszwecken leer, obwohl gleichzeitig Menschen obdachlos wären, kritisiert er.

Zeichnung von Marx und Engels in einer Druckerei

picturedesk.com/Ullstein Bild

Marx mit seinem Weggefährten Friedrich Engels

Durch den weltweiten Konkurrenzkampf kommt es laut Marx zu Verdrängungsprozessen. Was auf der Ebene der Warenproduktion bereits gefährlich sei, steigere sich auf den Finanzmärkten zu einer mörderischen Spirale: So flüchtete das Kapital beispielsweise im Krisenjahr 2008 auf der Suche nach Renditemöglichkeiten in den Agrarsektor. Die Spekulation auf Grundnahrungsmittel hätten dazu geführt, dass die Preise rapide stiegen und sich in vielen Ländern des Südens der Hunger verschlimmerte und Revolten ausgebrochen seien.

Blinde Flecken und missbrauchte Theorie

Als einen wichtigen Grundstein für die Entwicklung des Kapitalismus bezeichnet Marx die Phase der „ursprünglichen Akkumulation“, die er gegen Ende des ersten Bandes des „Kapitals“ ausführlich beschreibt. Die gewaltsame Vertreibung der Bauern in England zu Beginn der Neuzeit und die Einhegung ihres Landes für die Wollproduktion legte laut Marx den Grundstein für die moderne kapitalistische Entwicklung. Die Enteigneten seien von da an „doppelt frei“ gewesen: frei von Produktionsmitteln und frei, ihre Arbeit auf dem Markt zu verkaufen.

Veranstaltungshinweis

Das Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien hält bis Juni eine Ringvorlesung zur Aktualität von Marx’ Denken ab.

Die marxistische Historikerin Silvia Federici betont, dass es heute neue Formen der ursprünglichen Akkumulation gäbe, wie beispielsweise den massenhaften Aufkauf von Agrarland in Afrika. Marx’ Grundkategorien Ware, Kapital, Arbeit und Profit können heute noch als gültig angesehen werden.

Doch es gibt auch einige blinde Flecken: Marx schenkt der Reproduktionsarbeit, die damals wie heute hauptsächlich von Frauen geleistet wird, nur wenig Beachtung. Auch die Frage des Rassismus behandelt Marx nur wenig. Man redet sich Marx schön, wenn man behauptet, in ihm stecke auch postkoloniale Theorie.

Oft gilt Marx noch immer als der unheilsame Vorbote des autoritären Kommunismus. Doch die realsozialistische Welt des 20. Jahrhunderts hat mit Marx herzlich wenig zu tun. Marx wollte niemals aus einer abstrakten Idee heraus die Welt verändern. Das unterscheidet ihn von den Fühsozialisten wie Proudhon oder Fourier, gegen die er mit beißenden Humor polemisierte.

Marx, der unter der Zensur des preußischen Polizeistaates litt, war kein Gegner der Demokratie. Doch gegenüber politischen Konkurrenten, wie dem Anarchisten Michail Bakunin, verhielt er sich äußerst hart. Im Jahr 1872 drängte er ihn aus der „Internationale“, der ersten länderübergreifenden sozialistischen Organisation.

Relevanz für heute

Der Marx-Biograf Gareth Stedman Jones hat jüngst herausgearbeitet, dass sich Marx in seinem Spätwerk auch intensiv mit ökologischen Fragen beschäftigt habe. So betonte Marx, dass sich der Kapitalismus stets weiterentwickle, „indem er zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Wenn die Märkte nicht durch Sozial- und Umweltgesetzgebungen reglementiert werden, ist es allein der Profit, der zählt, und nicht etwa die Frage, ob Arbeiterinnen bei Fabriksbränden sterben, die Wälder für die Stromerzeugung abgeholzt werden oder die Insektenbestände aufgrund der Agrarmonokulturen auf bedrohliche Art und Weise abnehmen.

Marx’ Parole kann heute als Aufruf verstanden werden, eine lebenswerte Welt für alle Menschen innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten zu gestalten. Zwar wurde der Kapitalismus, anders als Marx dachte, immer wieder reformiert und in die Schranken gewiesen – doch mit der autoritär-neoliberalen Wende seit den 1970er und 1980er Jahren droht er sein destruktives Potenzial wieder voll zu entfalten. Wie Marx im Jahr 1844 schrieb, geht es damals wie heute darum, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

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