Themenüberblick

Nachdenkliche Leichtigkeit

Die Romane der Saison bestechen durch angespannte Nachdenklichkeit - mit einzelnen Ausnahmen, die nachdenkliche Leichtigkeit versprechen.

Die Odyssee des Findelkindes

Francois Toulets ist als Baby in einem Supermarkt ausgesetzt worden, betäubt mit Schlafmitteln und Rotwein. Die Lektion, niemandem vertrauen zu können, hat er damals schon gelernt. So stolpert er als Erwachsener von der gleißenden Hitze Marseilles über Umwege in die kalten Winternächte von Montreal, wie ein losgelassener Luftballon, der zwar die Erdung verloren hat, dem nach oben hin aber alle Möglichkeiten offenstehen. Der talentierte Beobachter Hans Platzgumer schreibt in „Drei Sekunden Jetzt“ mit Wucht und Überzeugungskraft über die Suche nach Identität und dem Sinn des Lebens. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Hans Platzgumer: Drei Sekunden Jetzt. Zsolnay, 256 Seiten, 22,70 Euro.

Murakami eine Chance geben

Ein Streitfall: In den Feuilletons wurde das zweibändige Werk des japanischen Starautors Haruki Murakami weitgehend verrissen. Zugegeben, es ist seltsam, aus der Zeit gefallen und über weite Strecken sehr langsam erzählt. Aber gerade deshalb entspinnt sich nach und nach eine Magie, getrieben von der Sprache Murakamis, vom sanft-gruseligen Plot (Geister!) und von einer Hauptfigur, die gleichzeitig glatt ist und dennoch Tiefe entwickelt. Man sollte Murakami eine Chance geben - und zwar nicht nur dass er endlich den Literaturnobelpreis bekommt, wie bereits lange spekuliert wird, sondern auch diesem schönen, schrägen Werk. (Simon Hadler, ORF.at)

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore, Teil I und II. Dumont, 480 bzw. 491 Seiten, jeweils 26,80 Euro.

Bücher auf einem Strand

ORF.at/Lukas Krummholz

Frauen, die unter Strom stehen

Wie würde die Welt aussehen, wenn Frauen das buchstäblich „stärkere Geschlecht“ wären? In „Die Gabe“ bilden Frauen überall auf der Welt plötzlich ein zusätzliches Organ aus, mit dem sie starke Stromstöße austeilen können und Männern körperlich überlegen sind. Aus Sicht einer Politikerin, eines Videojournalisten, einer Prophetin und einer Kriminellen wird die Entwicklung der Welt unter der Herrschaft der Frauen erzählt. Und siehe da: Auch Frauen sind Gewalt, Korruption und Krieg nicht abhold – und die Männer proben den Aufstand. Spannend. (Johanna Grillmayer, ORF.at)

Naomi Alderman: Die Gabe. Heyne, 480 Seiten, 17,50 Euro.

Gerichtssaalstorys, die süchtig machen

Kuriose Fälle, dramatische Fehlurteile, menschliche Abgründe und ein mitunter ungerechtes Rechtssystem: Die „Stories“-Rezeptur des Bestsellerautors und früheren Strafverteidigers Ferdinand von Schirach ist bereits bewährt und geht auch im letzten Band seiner Trilogie absolut auf: Von Schirach zeigt auf seine schnörkellose Weise und im Kurzsatzstil, dass die Sache mit der Strafe (so auch der Titel des Buchs) ganz schön komplex ist. Weil das Leben halt auch so ist. (Paula Pfoser, für ORF.at)

Ferdinand von Schirach: Strafe. Stories. Luchterhand, 192 Seiten, 18,50 Euro.

Rauschhaftes Sprachkunstwerk

„Der endlose Sommer“ der exzentrischen dänischen Performancekünstlerin, Autorin und Sängerin Madame Nielsen ist ein Sprachkunstwerk, das erzählerische Grenzen sprengt und die Lesenden in einen rauschhaften Zustand versetzt. Musikalisch, melancholisch und leidenschaftlich wird die Geschichte einer Gruppe von Leuten erzählt, die einen Sommer auf einem Gutshof in Dänemark verbringt. Dort nimmt eine Liebesgeschichte ihren Anfang, die so gewaltig ist, dass die Beteiligten über den endlosen Sommer hinaus in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden bleiben. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Madame Nielsen: Der endlose Sommer. Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 18,50 Euro.

Der Klatsch der alten Damen

Die 1990 geborene Brit Bennett gilt als das Wunderkind der neuesten US-Literatur. Aus dem Stand sprang die Afroamerikanerin mit ihrem ersten Roman „Die Mütter“ an die Spitze der Bestsellerliste. Die titelgebenden Mütter sind die alten Frauen in der kleinen kalifornischen Gemeinde Oceanside, die alles wissen und über noch mehr reden wollen. Sie tratschen und urteilen über die jüngeren Frauen und – aber nur am Rande – über deren Männer. Bennett schreibt mit erfrischender Respektlosigkeit und entspannter Genauigkeit über Freundschaft, Familie und Beziehungen. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Brit Bennett: Die Mütter. Rowohlt, 320 Seiten, 20,60 Euro.

Ein Wirbelwind der Kybernetik

Nur bedingt Entspannungslektüre, dafür unbedingt Abenteuer-im-Kopf-Garantie: Matthias Senkels überbordender Roman „Dunkle Zahlen“, der es zu Recht auf die Shortlist der letzten Leipziger Buchmesse brachte, wurde angeblich von einer „kadettenblauen“ Sowjetliteraturmaschine verfasst. Das Ergebnis: grandios fantasievoll, wild verschlungen, extrem anspielungsreich. Im Kern geht’s um die Geschichte der russischen Computerentwicklung, um propagierten Fortschritt und Sowjetkommunismus. Ein Eitzerl Nerd-Einschlag oder Sowjetbegeisterung ist für geneigte Leserinnen und Leser quasi Voraussetzung. (Paula Pfoser, für ORF.at)

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen. Matthes & Seitz, 488 Seiten, 24,70 Euro.

Bücher auf einem Strand

ORF.at/Lukas Krummholz

Sommerliches vom Kultautor

Nach seinem autobiografischen Monsterprojekt hat Karl Ove Knausgard jetzt die thematisch passende Lektüre vorgelegt: Der Abschlussband seiner Jahreszeitentrilogie führt in kurzen Essays und Tagebucheintragungen zu Weidenröschen, roten Johannisbeeren oder strömendem Sommerregen. Es wäre aber nicht Knausgard, wenn er bei den Überraschungen des jahreszeitlich Banalen stehenbleiben würde. In gewohnter Manier geht’s auch diesmal ans Eingemachte: Familienkrisen, der eigene Narzissmus und andere Facetten dessen, was das menschliche Leben so ausmacht. (Paula Pfoser, für ORF.at)

Karl Ove Knausgard: Im Sommer. Mit Aquarellen von Anselm Kiefer. Luchterhand, 496 Seiten, 24,70 Euro.

Leidensgeschichte eines Pfirsichs

Die junge Peach ist brutal vergewaltigt worden und muss sich buchstäblich selbst wieder zusammenflicken. Ihr Peiniger bedroht sie weiter, bis die Lage eskaliert. Das ist die Story - doch was den Debütroman „Peach“ der Waliserin Emma Glass außergewöhnlich macht, ist die bildreiche, assoziative Sprache. Sie schafft ein surreales Universum, in dem Menschen Eigenschaften von Lebensmitteln oder Pflanzen haben. So gleicht der Vergewaltiger einer fetttriefenden Wurst, ein Lehrer ist ein wabbeliger Pudding, und Peach ist - ein Pfirsich. Kaum zu glauben, aber das funktioniert. (Johanna Grillmayer, ORF.at)

Emma Glass: Peach. Edition Nautilus, 128 Seiten, 20,50 Euro.

Totentanz im Reich der Geschichte

Ein wahrhaft atemberaubendes Buch hat George Saunders da geschrieben, und es ist noch dazu sein Romandebüt. In „Lincoln im Bardo“ folgt er dem ehemaligen US-Präsidenten im 19. Jahrhundert zum Grabmal seines im Alter von elf Jahren verstorbenen Sohnes, wo die Geister seiner Zeit auferstehen, sich Privates mit Politischem vermischt, wo Tote tanzen und eine Poesie entsteht, die Ihresgleichen sucht. Gleichzeitig surreal und historisch akkurat ist dieses Buch keines zum Nebenherlesen - sondern eines, in das man ganz und gar versinken muss, um es zu verstehen. Ein mehr als lohnendes Abenteuer. (Simon Hadler, ORF.at)

George Saunders: Lincoln im Bardo. Luchterhand, 445 Seiten, 25,70 Euro.

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