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Mauscheleien, Faulheit, Kompromisse

Seymour Hersh: Sein Name steht für Getöse. Mit Trommelwirbel deckte der Journalist 1969 das Massaker von US-Soldaten im vietnamesischen My-Lai auf und seither Dutzende andere Skandale. Nun legt er als 81-Jähriger seine Memoiren vor. Noch immer spuckt Hersh laute Töne - und noch immer zu Recht.

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Das Büro von Hersh ist zugemüllt mit Dokumentenmappen, die sich in Stapeln türmen. Dazwischen liegen auf dem Boden Auszeichnungen herum, nur die wichtigsten hängen an den Wänden, allen voran der Pulitzer-Preis. Der Dokumentenmessy ist, so scheint es, so damit beschäftigt, Ordnung in seine Gedanken zu bringen, öffentlich Angelegenheiten in Schieflage geradezurücken, eine journalistische Schneise durch den Informationsdschungel unserer Tage zu schlagen, dass er für so etwas Schnödes wie Zusammenräumen einfach keine Zeit hat - und keinen Kopf.

Ob man sein Büro schön findet, ist ihm egal - ob man ihn gern hat, auch. Respektiert will Hersh werden, und wehe, er hat das Gefühl, jemand vertraut ihm nicht zu einhundert Prozent. Da flog schon einmal eine Schreibmaschine aus dem Fenster - und von den meisten seiner Arbeitgeber trennte er sich im Streit, darunter renommierte Zeitungen und Zeitschriften wie die „New York Times“ und der „New Yorker“.

Nur nicht nachgeben

Hershs Memoiren folgen drei Erzählsträngen. Einmal ist es ein Stück US-Zeitgeschichte, von den Rassenunruhen der 1960er Jahre bis zu Trumps Twitter-Politik. Dann ist es eine Abhandlung über den Journalismus unserer Tage - um nicht zu sagen, eine Abrechnung mit ihm. Und schließlich erzählt Hersh auch seine persönliche Geschichte, wobei er kaum ein Wort über Privates verliert - wenn es nicht mit seiner Karriere zu tun hat. Dabei geht es meist um Scharmützel - vor allem mit Herausgebern. Hersh gab niemals ein Jota nach.

Genau diese sture, kompromisslose Unkorrumpierbarkeit ist es, gepaart mit der unerschütterlichen Überzeugung, der Beste seiner Zunft zu sein, die es Hersh möglich machte, seine größten Coups zu landen, allen voran die Aufdeckung des Massakers von My-Lai im Jahr 1969. 504 Zivilisten waren damals von US-Soldaten gemeuchelt worden. Hershs Story, ausgewalzt in mehreren Artikeln und einem Buch, fußend auf Zeugenaussagen, sollte die Stimmung in den USA zum Kippen bringen. Von da an war der Vietnam-Krieg auch propagandistisch nicht mehr zu gewinnen.

Ein Überlebender der „goldenen Ära“

In seiner Autobiografie erzählt Hersh darüber, wie er mehr oder weniger zufällig über die Geschichte stolperte; darüber, wie er keine Ruhe gab, bis er die Informationen über die Gräueltaten wasserdicht gecheckt hatte; und schließlich darüber, wie zunächst kein Medium - nicht einmal die „New York Times“ - die Story drucken wollte, weil sie als „zu heiß“ galt, weil man nicht als völlig unpatriotisch dastehen wollte, weil man Angst vor Washington hatte, davor, in Zukunft vom Weißen Haus geschnitten zu werden.

Doch Hersh ließ sich nicht beirren, er verkaufte die Story über einen Agenten um jeweils 100 Dollar an zahlreiche kleine Zeitungen - dadurch war sie nicht mehr wegzuleugnen. So wurde er zum Star; der Pulitzer-Preis stammt von damals, und seither wird sein Name in einem Atemzug mit Aufdeckern wie Bob Woodward und Carl Bernstein (Watergate-Affäre) genannt. Gleich zu Beginn seiner Memoiren nennt sich Hersh - er kokettiert mit der eigenen Unbescheidenheit - einen „Überlebenden der goldenen Ära des Journalismus“. Ein Weggefährte dieser Zeit hatte einmal als Diktum ausgegeben: „Wenn dir deine Mutter sagt, sie liebt dich - überprüf es!“ So tickt auch Hersh.

Als „Copy-Boy“ den Mächtigen gedient

Dabei ist sein Buch keine nostalgische „Früher war alles besser“-Orgie. Hersh erzählt, wie er bei regionalen Medien begonnen hatte, wo es vor allem galt, bei der lokalen Politik und Wirtschaft Speichel zu lecken, damit man Informationen bekommt - und Inserate. Vieles von dem, was er von damals erzählt, findet sich heute ungebrochen als journalistische Praxis. Auch die Faulheit, die nur selten mit Zeitmangel zu rechtfertigen ist.

Hersh berichtet darüber, wie er für Presseagenturen und Zeitungen in erster Linie als „Copy-Boy“ Meldungen anderer Medien umschreiben und als News verkaufen musste. Und er kritisiert den bis heute weit verbreiteten „He said - she said“-Journalismus. Wenn etwa die Opposition einen Politiker wegen einer bestimmten Praxis kritisiert, dann wird nur - distanziert - in Zitaten berichtet, was die Opposition sagt. Es werden die Vorwürfe aber nicht überprüft, um dann zu einem profunden Urteil zu kommen und wirklichen Mehrwert für die Leser zu schaffen.

Aufdeckerjournalist Seymour Hersh und der damalige CIA-Direktor William Colby im Jahr 1975

AP

Hersh und der damalige CIA-Direktor William Colby im Jahr 1975

Auch er arrangierte sich zunächst mit den Mauscheleien und den mangelnden journalistischen Ambitionen vieler Medien, versuchte aber stets die Grenzen auszureizen, immer ein wenig Mehrwert in seine Storys zu schummeln - und sei es nur, statt einen Artikel von einer Zeitung zu übernehmen, selbst bei der Feuerwehr anzurufen, um herauszufinden, was bei einem Unfall wirklich passiert ist.

Vor dem kleingeistigen Sparzwang

Über mehrere Stationen bei Presseagenturen begann Hersh, zuerst als Reporter der internationalen Presseagentur AP in Washington, später als freischaffender Journalist, immer öfter Storys in überregionalen Medien unterzubringen. Sein Hauptthema waren die Rassenunruhen der 1960er Jahre. Hersh kannte Martin Luther King Jr., hatte seine Telefonnummer und nutzte sie auch. Dann folgten die Recherchen zum Vietnam-Krieg. Aus dem um Anerkennung ringenden Jungjournalisten wurde ein Weltstar.

Ein wenig Nostalgie schwingt mit, wenn Hersh erzählt, dass er danach von seinen Arbeitgebern stets genügend Geld und Zeit zur Verfügung gestellt bekam, um stundenlang in Bibliotheken zu wühlen oder auf der Suche nach Zeugen ans andere Ende der USA zu fliegen, nur um dort in einem kleinen Kaff Klinken zu putzen. Verbittert berichtet er, dass ihn erst unlängst - Hersh arbeitet noch immer als Journalist - ein Herausgeber kleinlaut darum bat, ein Interview doch bitte am Telefon zu führen, anstatt 3.000 Meilen zu fliegen.

Umstrittene Recherchen

Die Folteraffäre von Abu Ghraib war Hershs zweiter ganz großer Coup. Er lieferte Beweise dafür, dass US-Soldaten in dem irakischen Gefängnis 2004 systematisch Menschen folterten. Mittlerweile ist Hersh in seinen 80ern. Seine Recherchen über den Tod Osama bin Ladens und die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes sind umstritten, er hat ein wenig von seinem Nimbus eingebüßt. Hersh behauptete, Bin Laden sei Gefangener der Pakistanis gewesen - der Sturm auf Bin Ladens angebliches Versteck nur inszeniert. Vorwürfe, ein Verschwörungstheoretiker zu sein, trafen ihn hart. Im Buch schreibt er: Die Geschichte möge über ihn richten. Er ist sich sicher, er hat recht.

Fix angestellt bei einem Medium ist Hersh heute wieder einmal nicht - er gilt wohl endgültig als zu schwierig. Und natürlich wirft er auch das den Herausgebern vor. Es sei doch schließlich deren Job, mit schwierigen Journalisten umgehen zu können. Immerhin ist es eine von viel Respekt getragene Hassliebe, die ihn mit Urgesteinen wie dem 2006 verstorbenen langjährigen „New York Times“-Chef Abe Rosenthal verbindet.

Twitter-Diarrhoe und Google-Journalismus

Kaum ein gutes Haar lässt Hersh hingegen an seinen jungen Kollegen, denen ein bisschen hingeschluderte Empörung auf Twitter reicht, die mit der eingeschränkten Aufmerksamkeitsspanne der Leser kalkulieren und die sich allzu gerne vereinnahmen lassen, egal von welcher Seite. Er bricht eine Lanze für den guten alten „Schuhsohlenjournalismus“, bei dem man sich da draußen die Hacken abläuft, bei dem man viel riskiert - im Gegensatz zum „Google“-Journalismus, bei dem man im Bürostuhl versinkt, Texte kopiert und dann umschreibt. Naturgemäß geht Hersh mit US-Präsident Donald Trump hart ins Gericht - und schwingt sogar die Nazi-Keule -, aber er war auch mit Barack Obama nicht in allem einverstanden.

Cover des Buches "Reporter" von Seymour Hersh

Allen Lane

Seymour Hersh: Reporter. A Memoir. Allen Lane, 368 Seiten, 18,99 Euro.

Ein Mutmachbuch

Hersh galt stets als einsamer Wolf, als Widerborst. Wäre er heute jung, er hätte es schwer. Für ihn hieß netzwerken, in allen Ministerien Informanten sitzen zu haben. Heute bedeutet es hingegen, mit anderen Journalisten zusammenzuarbeiten, an Recherchenetzwerken zu partizipieren wie etwa im Fall der Panama-Papers, oder selbst Rechercheplattformen zu gründen, wie „Dossier“ das in Österreich getan hat.

Das Modell „Hersh“ gibt es heute kaum noch: den jungen Einzelkämpfer, dem die Herausgeber nach einer Zeit blind vertrauen, den sie monatelang recherchieren lassen, inklusive zahlreicher Flüge und Arbeitsessen, und das stets bei ungewissem Ausgang.

Heute muss man als Journalist schon froh sein, wenn man fix angestellt ist und eine Bahnkarte refundiert bekommt. Freie Mitarbeiter dürfen oft keine Spesen verrechnen, und das, obwohl sie ohnehin für einen Hungerlohn arbeiten. Was bleibt, ist jedoch nicht die Larmoyanz eines abtretenden Helden. „Reporter“ ist ein Mutmachbuch für junge Journalisten und ein Stück gelebter Zeitgeschichte. Packend geschrieben. Hersh ist ja Profi.

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