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Erbitterten Rechtsstreit verloren

In der Redaktion der „Capital Gazette“ in Annapolis im Bundesstaat Maryland hat ein 38-Jähriger am Donnerstag fünf Menschen erschossen. Nach Berichten der Zeitung handelt es sich um einen Mann aus der rund 40 Kilometer entfernten Stadt Laurel, der mit dem Blatt seit Jahren einen erbitterten Rechtsstreit ausfocht. Das Blatt hatte 2011 über Belästigungsvorwürfe gegen den Mann berichtet. Daraufhin sei dieser vor Gericht gezogen und habe verloren.

Der Mann hatte vor Jahren eine Ex-Schulkollegin - die sich zunächst gar nicht an ihn erinnerte - über Soziale Medien kontaktiert. Der Mann, nach Angaben seines Anwalt ein IT-Techniker, hatte der Frau zunächst von persönlichen Problemen berichtet, sie bot Hilfe an. Die Inhalte seiner Nachrichten wurden schließlich zu Stalking, er beschimpfte und diffamierte sie.

Großes Medieninteresse bei einer Pressekonferenz der Polizei

APA/AFP/Alex Wroblewski

Enormes Medieninteresse

Zeitung geklagt

Die Frau klagte den Mann, der sich vor Gericht wegen Belästigung schuldig bekannt hatte und zu 90 Tagen bedingter Haft verurteilt wurde. Die „Capital Gazette“ berichtete über den Fall in einer Meldung mit dem Titel „Jarrod will dein Freund sein“. Der Beschuldigte klagte die Zeitung wegen Verleumdung - seiner Überzeugung nach war seine Sicht der Dinge nicht ausreichend berücksichtigt worden - und verlor. 2015 wurde die Entscheidung des Gerichts in zweiter Instanz bestätigt. Daraufhin drohte der Mann der Zeitung via Social Media. Laut Medienberichten beendete er vor rund zwei Jahren seine Verbalattacken.

170 Menschen aus Gebäude gebracht

Der Angriff ereignete sich um 14.40 Uhr Ortszeit (20.40 Uhr MESZ) in der Redaktion der Zeitung „Capital Gazette“. Reporter Phil Davis schrieb auf Twitter, ein „Bewaffneter“ habe „durch die Glastür ins Büro geschossen und das Feuer auf mehrere Mitarbeiter eröffnet“. Auch mit Rauchgranaten war der Mann bewaffnet.

Die Zeitungsredaktion befindet sich in einem mehrstöckigen Bürogebäude in Annapolis, der Hauptstadt von Maryland, unweit der US-Hauptstadt Washington. 170 Menschen seien aus dem Gebäude, in dem sich mehrere Unternehmen befinden, in Sicherheit gebracht worden, sagte Krampf. Bei den Toten handle es sich um vier Journalisten - drei Männer und eine Frau - sowie um eine Vertriebsmitarbeiterin. Weder der Kolumnist, der damals über die Belästigung berichtete, noch der damalige Herausgeber und Verleger arbeiteten heute noch für die Zeitung.

Einsatzkräfte am Tatort

APA/AFP/Saul Loeb

Das Gebiet um das Redaktionsgebäude wurde evakuiert

Polizei schnell am Tatort

Vor den Schüssen in der Redaktion der „Capital Gazette“ hat der 38-Jährige seine Fingerspitzen verstümmelt, offenbar in der Absicht, seine Identifizierung über Fingerabdrücke zu verhindern. Als die Polizei ihn im Newsroom fasste, hatte er sein Gewehr weggelegt und sich unter einem Tisch versteckt.

Die Polizei sei extrem schnell am Ort des Geschehens gewesen, binnen 60 Sekunden, sagte Steve Schuh von der Bezirksregierung des Anne-Arundel-County. „Die Beamten haben enormen Mut bewiesen und sind sofort ins Gebäude gegangen.“ Das habe Schlimmeres verhindert. Zufällig hatten die Einsatzkräfte erst kürzlich für solche Situationen trainiert. „Wir hätten nicht besser vorbereitet sein können.“

„Heute sind wir sprachlos“

Einen Tag nach dem Angriff gedachten die trauernden Journalistinnen und Journalisten der Opfer in der neuen Ausgabe ihres Blattes. „Wir sind untröstlich, am Boden zerstört. Unsere Kollegen und Freunde sind weg“, schrieb der Herausgeber der „Capital Gazette“, Rick Hutzell, auf der Titelseite, die das Blatt am Freitag vorab über Twitter veröffentlichte. „Heute sind wir sprachlos“, heißt es in dem ebenfalls über Twitter verbreiteten Leitartikel. „Diese Seite wird heute absichtlich leer gelassen, um der Opfer zu gedenken.“ Es folgen die Namen der Getöteten.

Journalisten der Zeitung Capital Gazett  arbeiten am Laptop auf einem Pickup

APA/AFP/Ivan Couronne

Die Journalisten der Zeitung arbeiteten auch am Tag nach dem Geschehnissen

Eine der ältesten US-Zeitungen

Der Gouverneur des Bundesstaates Maryland, Larry Hogan, zeigte sich betroffen. „Ich war völlig bestürzt, als ich von dieser Tragödie in Annapolis erfuhr“, schrieb er auf Twitter. Er forderte die Bevölkerung auf, allen Anweisungen der Behörden Folge zu leisten. Annapolis ist die Hauptstadt von Maryland, die „Capital Gazette“ eine der ältesten Tageszeitungen der USA. Die 1727 gegründete Zeitung gehört mittlerweile zur „Baltimore Sun“.

Das Redaktionsgebäude der "Capital Gazette"

AP/Jose Luis Magana

Die Zeitung ist eine der ältesten der USA

US-Präsident Donald Trump schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter, seine „Gedanken und Gebete“ seien bei den Opfern und ihren Familien. Er dankte zudem allen Helfern. Seine Sprecherin Sarah Sanders twitterte: „"Eine gewaltsame Attacke auf unschuldige Journalisten, die ihren Job machen, ist eine Attacke auf jeden Amerikaner.“

Die Organisation Reporter ohne Grenzen zeigte sich „zutiefst schockiert“ über den Vorfall. „Das ist eine neue Tragödie für den Journalismus, Opfer einer zunehmenden Gewalt gegen Journalisten auch in Demokratien“, sagte Generalsekretär Christophe Deloire.

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