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Mindestens 20 Todesopfer

Mehrere Fälle von Lynchjustiz, wahrscheinlich ausgelöst durch Falschmeldungen, die mittels WhatsApp verbreitet worden sind, sorgen in Indien momentan für Schlagzeilen. Mindestens 20 Menschen wurden durch die Vorfälle bisher getötet. Die Regierung will jetzt den Messengerdienst zur Verantwortung ziehen und fordert von WhatsApp „sofortiges Handeln“.

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Ein Video, das über Soziale Netzwerke verteilt wird, gilt als Auslöser der neuesten Massenausschreitungen in Indien, vor allem in ländlichen Regionen. Es zeigt, wie ein Kind von zwei Männern auf einem Motorrad entführt wird. Was in der in WhatsApp geteilten Version nicht zu sehen ist: Das Kind wird am Ende wieder zurückgebracht - das Video ist Teil einer pakistanischen Werbekampagne für Kindessicherheit.

Die Gerüchte über Kindesentführungen verbreiteten sich rasant, im westlichen Bundesstaat Maharashtra kam es am Sonntag schließlich zu Ausschreitungen: Eine Gruppe von fünf nomadisch lebenden Männern wurde verdächtigt, mit den vermeintlichen Entführungen zu tun zu haben. Die Dorfbewohner, darunter auch Kinder, begannen die Verdächtigen zu verhören. „Als sie mit den Antworten nicht zufrieden waren, wurden sie in einen Raum gebracht, wo sie mit Bambusstöcken und Steinen geschlagen wurden“, so ein Polizist gegenüber der BBC.

Warnung per Lautsprecher

Schon in der Vorwoche führten Gerüchte, die über WhatsApp verbreitet wurden, zu brutalen Mobangriffen. In einem Fall wurde eine Frau im westlichen Bundesstaat Gujarat getötet, wie die Polizei mitteilte. Zuvor hatten zahlreiche Menschen eine unwahre Nachricht über den Messengerdienst erhalten, wonach Hunderte Menschen in der Gegend Kinder entführen und verkaufen wollten. Die BBC listet zehn weitere Fälle von Lynchjustiz seit Ende April. Dazu zählt etwa auch der Mord an zwei Männern Anfang Juni, der stillen Protest in der Region auslöste.

Frau hält ein Foto ihrer Cousine auf einem Smartphone in die Kamera

APA/AFP/Sam Panthaky

Mohinidevi Nath zeigt ein Foto ihrer Cousine, die von einem Lynchmob ermordet wurde

Sämtliche mittels WhatsApp verbreiteten Meldungen stellten sich nach Regierungsangaben letztlich als falsch heraus. Um die Gewalt zu verhindern, wurden in betroffenen Ortschaften Zettel verteilt, die auf Falschmeldungen hinwiesen. In der Stadt Hyderabad setzte die Polizei sogar Lautsprecher ein, die die Bevölkerung anhielt, den Gerüchten keinen Glauben zu schenken.

Regierung fordert WhatsApp zum Handeln auf

Jetzt fordert auch erstmals die indische Regierung Konsequenzen. Das Ministerium für Elektronik und Informationstechnologie schrieb am Dienstag in einer Aussendung, dass die Behörden zwar „Schritte unternehmen, um die Verantwortlichen zu fassen“, doch „der Missbrauch von Plattformen wie WhatsApp bietet ebenso Grund zur Sorge“. WhatsApp dürfe sich nicht der „Haftung und Verantwortung entziehen“ und müsse „sofort handeln“. Die Regierung verlangt von dem Facebook-Tochterunternehmen, dass es die Verteilung von Falschmeldungen verhindert.

In einer Antwort schrieb das Unternehmen, dass Falschmeldungen ein Problem sind, das von Regierung, Zivilgesellschaft und Technologieunternehmen gemeinsam angegangen werden müsse. Die „Times of India“ zitierte die Replik der Facebook-Tochter, in der unter anderem erklärt wird, wie die Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften künftig verstärkt werden kann. WhatsApp wolle auch ein Projekt ins Leben rufen, mit dem die Verbreitung von Falschmeldungen - vor allem in Indien - besser verstanden werden soll.

Messengerdienst sind Hände gebunden

Doch damit dürfte das Problem nicht in absehbarer Zukunft verschwinden - und Expertinnen und Experten bezweifeln, dass WhatsApp die Menge an Falschmeldungen überhaupt verhindern kann. WhatsApp könne nicht Milliarden Nachrichten verfolgen und inhaltlich einordnen, sagte etwa Nikhil Pahwa, ein indischer Datenschutzaktivist.

Hinzu kommt, dass WhatsApp nach eigenen Angaben seit einiger Zeit Nachrichten verschlüsselt - und zwar so, dass nur die Empfängerinnen und Empfänger sie entschlüsseln können. Damit ist es dem Konzern selbst unmöglich, Nachrichten mitzulesen, ihm sind praktisch die Hände gebunden. Der Messengerdienst wird künftig zumindest weitergeleitete Nachrichten gesondert markieren - damit den Adressaten bewusst ist, dass diese Meldung nicht direkt von Freunden oder Bekannten stammt.

„Digitale Kompetenz praktisch nicht vorhanden“

Ob diese Maßnahmen ausreichend sind, ist unklar. Die Userzahl von WhatsApp habe sich in den vergangenen vier Jahren fast verdreifacht, schreibt der „Guardian“, doch die „digitale Kompetenz ist in vielen Teilen des Landes praktisch nicht vorhanden“, so Pratik Sinha, Betreiber einer indischen Website, die Falschmeldungen aufdeckt. „Durch die Telekomrevolution sind Handys auch in den hintersten Winkeln des Landes angekommen, doch die Bildung muss noch aufholen.“

Der Journalist Mohammad Ali sieht vor allem nationalistische Motive als Auslöser für die steigende Gewalt. Seit 2015 stieg die Anzahl der Fälle von Lynchjustiz deutlich an. Die Morde der vergangenen Wochen wären vor allem durch eine Gemeinsamkeit verbunden, so Ali: „Die Idee ist, auf all jene abzuzielen, die auf irgendeine Weise anders sind.“

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