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Im Sinne des Umweltschutzes

Plastik ist von der Erde nicht mehr wegzudenken. Einmal da, dauert es Hunderte Jahre, bis es verrottet. Plastikvermeidung ist deshalb in aller Munde - zumindest in westlichen Ländern. Auffällig scheint in letzter Zeit, dass es dabei vor allem den Kunststofftrinkhalmen an den Kragen gehen soll. Darauf reagieren nun auch immer mehr Großkonzerne im Sinne des Umweltschutzes.

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Als Reaktion auf unzählige Privatinitiativen der letzten Jahre verkündete etwa der US-Kaffeegigant Starbucks erst kürzlich den weltweiten Verzicht auf Plastikstrohhalme und Plastikdeckel in seinen 28.000 Filialen bis 2020. Der Konzern will stattdessen auf natürliche abbaubare Materialien umsteigen.

Toter Vogel mit Plastikmüll im Magen

AP/USFWS/Dan Clark

Plastik ist nachweislich für das Sterben vieler Tiere verantwortlich

Auch die Hilton-Hotels in Österreich verkündeten am Mittwoch, Getränke nicht mehr mit Plastikhalmen servieren zu wollen, sondern bei Nachfrage auf die Papierversion zurückzugreifen. Ähnliche Maßnahmen setzten die Hyatt-Hotels, die spanische Hotelkette Iberostar und auch die Wiener Dots-Gruppe. Zudem wollen einige Supermärkte sehr bald Einwegplastik aus ihren Regalen verbannen.

„Substitution ist kein Gewinn für die Umwelt“

Lidl Österreich versprach Anfang Juli, den Plastikeinsatz bis zum Jahr 2025 um 20 Prozent zu reduzieren, und auch REWE Österreich prüft zurzeit Möglichkeiten, Einwegplastik zu vermeiden. Plastikstrohhalme seien derzeit aber noch normal im Sortiment, so REWE-Sprecherin Susanne Moser-Guntschnig auf Anfrage von ORF.at. „Für uns kommt es darauf an, den Konsumenten sinnvolle Alternativen anzubieten“, erklärte Moser-Guntschnig. REWE Deutschland hat da schon klare Vorstellungen: Ab Frühjahr 2019 will der Konzern Strohhalme aus Papier, Weizengras und Edelstahl anbieten, hieß es in einer Aussendung.

Wo heute der Plastiktrinkhalm das Feindbild von Umweltschützerinnen und Umweltschützern ist, war es vor ein paar Jahren noch das Plastiksackerl. Dessen Verbrauch konnten zwar einige westliche Staaten und Supermarktketten nachweislich senken, jedoch existieren Plastiksackerl bekanntlich immer noch zuhauf. Häufiger werden sie nun aber doch durch Papier ersetzt. Lisa Kernegger, Ökologin bei Global 2000, erklärt im Interview mit ORF.at, es seien jedoch nicht die Plastiksackerln oder Plastikstrohhalme per se, die der Umwelt schaden. Zwar brauche Plastik viel länger, um zu verrotten, als Papier, dafür sei aber die Ökobilanz von Papier viel schlechter als die von Plastik.

Plastikmüll am Strand

www.picturedesk.com/Steve Trewhella

Etwa zwölf Millionen Tonnen Plastik landen laut Greenpeace jedes Jahr in den Ozeanen

Dem stimmt auch Lukas Hammer, Pressesprecher von Greenpeace Österreich, zu. „Papier braucht viel mehr Energie und Rohstoffe, um es zu produzieren, als Plastik“, so Hammer zu ORF.at. Alternativen für Plastik anzubieten sei deshalb aus Sicht des Umweltschutzes nicht unbedingt sinnvoll. „Substitution ist generell kein Gewinn für die Umwelt“, erklärt Kernegger. Das Problem sei nämlich weniger das Material, das produziert oder weggeworfen wird, sondern das Wegwerfen an sich. Der Schlüssel liege deshalb in der generellen Müllvermeidung - „Mehrweg statt Einweg“ also.

Alles bloß „Greenwashing“?

Handelt es sich bei all dem Einsatz diverser westlicher Unternehmen gegen Plastikstrohhalme und Co. also nur um „Greenwashing“? Mit diesem Begriff bezeichnen Kritikerinnen und Kritiker PR-Methoden, die darauf abzielen, einem wenig umweltfreundlichen Unternehmen in der Öffentlichkeit ein verantwortungsbewusstes Image zu verleihen. Nein, heißt es dazu geschlossen von Österreichs Umweltschutzorganisationen. „Wenn es zur Müllreduktion führt, sehen wir die Maßnahmen grundsätzlich positiv“, so Hammer. Sowohl Greenpeace als auch Global 2000 begrüßen jegliches Engagement zum Schutz der Weltmeere. Jedoch dürfe nicht vergessen werden, warum es gerade jetzt um Trinkhalme gehe, erläutert Kernegger.

Hintergrund des „Strohhalmtrends“ ist nämlich die im Mai von der EU-Kommission vorgeschlagene Plastikstrategie, die voraussichtlich am 20. Dezember beschlossen wird. Denn Plastiktrinkhalme - gemeinsam mit Watte-, Rühr- und Ballonstäbchen - würden laut EU-Kommission mitunter am häufigsten an Europas Stränden angespült.

Selbstverständlich sei es „ein symbolhafter Schritt der Unternehmen“, dem Kommissionsvorschlag vorzugreifen. Am Ende sei es aber doch „vorauseilender Gerhorsam“, so Kernegger, da eine Umorientierung ab Dezember sowieso fällig werde. „Deshalb fordern wir eine erweiterte Produzentenverantwortung“, sagt die Ökologin. Firmen müssten weiter gehen, als die Politik es vorschreibt. Greenpeace Österreich sieht die Verantwortung zudem bei der österreichischen Ratspräsidentschaft, den Vorschlag der Kommission umzusetzen und zu erweitern.

Zehn Flüsse transportieren 90 Prozent des Mülls

Laut Greenpeace landen jedes Jahr zwölf Mio. Tonnen Müll im Meer, rund 150 Mio. seien es insgesamt. Eine unfassbare Menge, die freilich nicht nur aus Plastikstrohhalmen besteht, sondern vor allem aus über Bord geworfenen oder verloren gegangenen Fischernetzen, Ladungsverlusten von Schiffen - darunter Bestandteile der Boote selbst -, aber auch Spielzeug, Turnschuhe und vieles mehr. Andere Objekte seien Gummigranulat aus Kunstrasen, Plastikflaschen, Reifenabrieb von Autos und jener Müll, der von Tsunamis in Gewässer gespült wurde. Mikroplastik aus Textilien und Kosmetika sei dabei ein besonders schwer zu messender, aber nicht zu unterschätzender Faktor, so Hammer.

Plastikmüll am Strand

APA/AFP/Seyllou

Es sind hauptsächlich Flüsse aus Asien und Afrika, die den meisten Müll in die Meere transportieren

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Hauptquelle des Mülls in den Ozeanen in Asien liegt. Genauer gesagt, befördern zehn Flüsse weltweit 90 Prozent des Plastikmülls in die Meere, schreiben Wissenschaftler des Journals Environmental Science and Technology. Acht davon fließen durch Asien, Nummer eins ist der Jangtse. Die einzigen Flüsse außerhalb Asiens sind der Nil und der Niger in Afrika. Gelänge es, in jenen zehn Flüssen den Eintrag von Plastikmüll jeweils um die Hälfte zu senken, würde das auch die Meere enorm entlasten, sind sich Forschungsteams einig.

„Auch Kleinvieh macht Mist“

Betrachtet man diese Zahlen, ist es schwierig zu glauben, ein Verzicht auf Einwegplastik in Europa könne eine positive Veränderung für die Ökosysteme der Erde bedeuten. Global 2000 sieht das anders: „Auch Kleinvieh macht Mist“, so Kernegger. Das „Kleinvieh“ ist in diesem Fall ganz schön groß: Berechnungen zufolge werden um die 40 Tonnen Plastik jährlich über die Donau ins Schwarze Meer transportiert. Laut Global 2000 werden alleine in Österreich 1,3 Mrd. Plastiktrinkhalme im Jahr verwendet (und weggeworfen), etwa 36,5 Mrd. seien es in der EU.

100 Kilo Plastik pro Kopf und pro Jahr würden Europäerinnen und Europäer durchschnittlich verbrauchen, in Asien seien es „nur“ 20 Kilo. „Der Rest der Welt orientiert sich an Europa“, erklärt Hammer die Verantwortung der EU. „Westliche Länder werden ständig kopiert, weshalb wir wichtig sind in unserer Vorbildfunktion“, so der Greenpeace-Sprecher. Man müsse die Ökologie als Gesamtes betrachten.

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