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30 bis 35 Pkws in die Tiefe gestürzt

Nach dem folgenschweren Einsturz einer Autobahnbrücke wird in Genua weiter nach Opfern gesucht. Jüngsten Angaben zufolge seien mindestens 35 Menschen ums Leben gekommen. Das berichtet die Nachrichtenagentur ANSA mit Verweis auf die Feuerwehr. Nur kurz zuvor sprach Innenminister und Vizepremier Matteo Salvini von „um die 30 bestätigten Toten“ und „vielen Schwerverletzten“.

Es sei zu befürchten, dass die Zahl weiter steige, sagte angesichts des laufenden Großeinsatzes der italienische Vizeverkehrsminister Eduardo Rixi. Die vierspurige Morandi-Brücke der Autobahn A10, auch Polcevera-Viadukt genannt, stürzte auf einer Länge von 100 Metern ein.

Medienberichten zufolge fielen mehrere Autos und Lkws bis zu 40 Meter in die Tiefe. Zum Zeitpunkt des Einsturzes seien 30 bis 35 Pkws und drei Lastkraftwagen auf dem betroffenen Brückenabschnitt unterwegs gewesen, so Angelo Borrelli vom italienischen Zivilschutz gegenüber der Nachrichtenagentur ANSA.

Ein Mann, der aus den Trümmern der Brücke gerettet wurde, sprach von einem „Wunder“. Er sei zum Zeitpunkt des Einsturzes vor seinem Laster unter der Brücke gestanden, schilderte der Mann das Erlebte einem lokalen TV-Sender. Die Druckwelle habe ihn etwa zehn Meter weit gegen eine Wand geschleudert.

Eingestürzte Autobahnbrücke

Reuters

Die eingestürzte Brücke aus der Vogelperspektive

An der Unglücksstelle im Westen der Stadt waren nach Angaben von Bürgermeister Marco Bucci über 200 Rettungskräfte im Einsatz. Diese haben mehrere, teils schwer verletzte Überlebende aus den Trümmern gezogen. Bei zwei Verletzten handle es sich ANSA-Angaben zufolge um Bewohner von Häusern, die von Brückenteilen getroffen worden seien.

Verkehrsminister Danilo Toninelli sprach in einer ersten Reaktion von einer „unermesslichen Tragödie“. Regierungschef Giuseppe Conte und Vizepremier Luigi Di Maio werden bis zum Abend am Unglücksort erwartet. Salvini bedankte sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bei den Rettungskräften für ihren schnellen Einsatz.

Rettungskräfte in Genua

APA/AFP/Andrea Leoni

Rund 200 Einsatzkräfte suchen weiter nach Opfern

Einsturz während Unwetters

Der Einsturz auf der Autobahn A10 habe sich gegen Mittag während eines gewaltigen Unwetters ereignet, teilte die Polizei auf Twitter mit. Augenzeugen sprachen von einer „apokalyptischen Szene“. Pietro M. sagte gegenüber ANSA, dass er unmittelbar vor dem um 11.30 Uhr erfolgten Einsturz einen Blitz in die Brücke einschlagen gesehen habe.

Rettungskräfte in Genua

Reuters/Stefano Rellandini

Mehrere Menschen wurden lebend aus den Trümmern geborgen

Fernsehbilder vom Unglücksort zeigten die Morandi-Brücke, in der eine große Lücke von Dutzenden Metern klaffte, in Staubwolken. Bei dem darunterliegenden Stadtteil handelt es sich um ein Industrie- und Gewerbegebiet. In der Nähe der Brücke wurden nach dem Einsturz vorsichtshalber Häuser evakuiert.

„Fehlkonstruktion“

Der aus der Feder des italienischen Ingenieurs Riccardo Morandi stammende Polcevera-Viadukt war nach vierjähriger Bauzeit 1967 vom damaligen Staatspräsidenten Giuseppe Saragat eröffnet worden. Das Autobahnteilstück mit einer Gesamtlänge von 1.182 Metern überquert ein Industriegebiet auf einer Höhe von 45 Metern und stützt sich auf drei Betonpfeiler. Das längste Teilstück ist 210 Meter lang.

Nach Angaben des Autobahnbetreibers Autostrade seien Arbeiten im Gange gewesen, um das Fundament der Fahrbahn auf dem Viadukt zu verstärken. Die Arbeiten und der Zustand des Viadukts seien von der zuständigen Autostrade-Sektion dabei „ständig überwacht worden“. Erst wenn ein gesicherter Zugang zur Unfallstelle möglich sei, könne Näheres über die Ursachen des Einsturzes gesagt werden, teilte das Unternehmen weiter mit.

Debatte über marode Infrastruktur

Verkehrsminister Toninelli schloss in einem Radiointerview aus, dass die Bauarbeiten an der Brücke Grund für den Einsturz seien. Der Fünf-Sterne-Politiker beklagte gleichzeitig, es sei nicht genug für die Instandhaltung getan worden. „Es sind Tragödien, die in einem zivilisierten Land wie Italien nicht passieren dürfen.“

Lkw auf Autobahnbrücke

APA/AFP/Andrea Leoni

Noch am Unglückstag entbrannte eine Debatte über Italiens marode Infrastruktur

Der an der Universität von Genua lehrende Bauingenieur Antonio Brencich bezeichnete laut „Corriere della Sera“ die Morandi-Brücke bereits vor zwei Jahren als „Fehlkonstruktion“. Schon Ende der 1990er Jahren hätten die von Anfang an notwendigen Instandhaltungsarbeiten mehr gekostet als der Bau der Brücke. „Es ist inakzeptabel, dass eine so wichtige Brücke nicht in einer Art und Weise gebaut war, dass ein Einsturz ausgeschlossen ist“, sagte dazu nun Vizeverkehrsminister Rixi.

Der Verband der italienischen Zivilingenieure forderte einen „Marshall-Plan“ für die Reparatur und den Neubau Zehntausender Brücken im ganzen Land, die mittlerweile ihre maximale Lebensdauer überschritten hätten. Die Brücken seien mit dem damaligen aktuellen Stand der Technik gebaut worden, aber ihre Lebenszeit betrage nicht mehr als 50 Jahre. In vielen Fällen wäre die Sanierung teurer als ein Neubau.

Die populistische, aus Salvinis Lega und Di Maios Fünf-Sterne-Bewegung zusammengesetzte Regierung Italiens war im Juni mit dem Versprechen angetreten, die öffentlichen Investitionen zu erhöhen. Die Ausgaben für die Sicherheit der Italiener hätten Vorrang vor den Sparanstrengungen, sagte Salvini. „Der tragische Vorfall in Genua erinnert uns daran, wie dringend wir öffentliche Investitionen benötigen“, sagte Claudio Borghi, der Wirtschaftssprecher der rechtspopulistischen Lega.

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