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Moderat länger leben

Eine US-amerikanische Langzeitstudie stellt nun den Wert der immer beliebteren Low-Carb-Diäten (möglichst wenige Kohlenhydrate, Anm.) infrage: Die im Fachmagazin „The Lancet Public Health“ publizierte Untersuchung kommt zum Schluss, dass Menschen, die besonders wenige Kohlenhydrate zu sich nehmen, eine kürzere Lebenserwartung haben als jene, die „moderat“ Kohlenhydrate zu sich nehmen.

Freilich steigt auch das Risiko bei jenen, die besonders viele Kohlenhydrate zu sich nehmen. Laut dem britischen „Guardian“ könnte die Untersuchung, die eine eigene und sieben andere Einzelstudien zusammenfasst, die vielen Leute in Unruhe versetzen, die Brot, Reis und Erdäpfel aus Diät- oder Gesundheitsgründen von ihrem Speiseplan gestrichen haben. So wie die meisten anderen Studien dieser Art gilt jedoch: Die Ergebnisse geben Korrelationen, aber keine kausalen Zusammenhänge wieder. Anders gesagt: Ob der Kohlenhydratkonsum tatsächlich für die statisch kürzere Lebenserwartung verantwortlich ist, steht nicht fest.

Mit Maß und Ziel

Low-Carb-Diäten wie etwa die Atkins-Diät sind als Mittel, um abzunehmen, besonders beliebt. Dazu kommt, dass sie laut anderen Studien möglicherweise das Risiko mindern könnten, an bestimmten Krankheiten zu erkranken. Der aktuellen Untersuchung zufolge stimmt aber der Rat des Arztes in Goethes „Wilhelm Meister“ auch heute noch: „Alles mit Maß und Ziel!“ Es ist gesünder, den Kohlenhydratkonsum nicht radikal, sondern nur moderat zu senken bzw. Fleisch durch pflanzliche Proteine und Fette zu ersetzen. Personen, die rund die Hälfte der Energie aus Kohlenhydraten bezogen („moderat“), hatten eine höhere Lebenserwartung.

Konkret errechnete die Untersuchung laut BBC, dass vom 50. Lebensjahr an Leute mit „moderatem“ Kohlenhydratkonsum im Durchschnitt noch 33 Jahre Lebenserwartung hatten. Jene, die nur rund 30 Prozent ihrer Energie aus Kohlenhydraten bezogen, hatten eine um vier Jahre kürzere Lebenserwartung. Allerdings verkürzte sich die Lebenserwartung auch bei jenen mit überdurchschnittlich hohem Kohlenhydratkonsum (65 Prozent oder mehr) - nämlich um etwas mehr als ein Jahr.

Wegweiserin im Diätdschungel?

Die Kardiologin und Ernährungsexpertin Sara Seidelman, die die Studie leitete, betonte: „Unsere Daten weisen darauf hin, dass kohlehydratarme Diäten, die auf tierischen Produkten aufbauen, wie sie in den USA und Europa vorherrschen, mit einer kürzeren Lebenserwartung zusammenhängen könnten. Daher sollte davon abgeraten werden.“ Wenn jemand eine Low-Carb-Diät machen wolle, dann sei es langfristig wohl gesünder, die Kohlenhydrate durch pflanzliche Fette und Proteine zu ersetzen.

Ernährung sei für alle sehr wichtig, und „es gibt eine so große Verwirrung darüber, was wir essen sollen. Einen Tag gibt es eine Studie, wonach High Carb besser ist, am nächsten Tag gibt es eine Studie, die uns sagt, dass Low Carb besser ist“, so Seidelman über die tatsächlich verwirrenden und oft widersprüchlichen Studien.

Menschliches Problem

Langfristige Versuche gibt es bei Diäten nicht, da sich die Menschen nicht für eine Studie über Jahrzehnte tatsächlich an Essensvorschriften halten. Grundlage ist vielmehr eine zweimalige Befragung von mehr als 15.400 Personen im Abstand von sechs Jahren. Die Ergebnisse wurden dann noch mit sieben anderen - ebenfalls auf Befragungen beruhenden - Studien abgeglichen. Insgesamt wurden dabei 430.000 Personen befragt.

Der Ernährungswissenschaftler Walter Willett, der ebenfalls an der Studie mitarbeitete, betonte, mit der Untersuchung würden verschiedene Stränge, die umstritten waren, zusammengeführt: „Zu viele und zu wenige Kohlenhydrate können schädlich sein, aber was am meisten zählt, ist die Art von Fett, Protein und Kohlenhydrat.“

„Low-Carb-Kult“

„Kein Aspekt der Ernährung ist in Sozialen Netwerken so umstritten wie die Debatte Kohlenhydrate versus Fett - und das trotz der klaren langfristigen Belege für einen höheren Kohlenhydratkonsum“, so Catherine Collings, eine Diätologin des britischen Gesundheitssystems NHS, gegenüber dem „Guardian“. Der „Kult“ des „Low Carb, High Fat“-Essens basiere auf einer Lifestyle-Wahl, nicht auf Tatsachen. Sie verweist auf die WHO, die empfehle, die Hälfte des täglichen Kalorienbedarfs durch Kohlenhydrate zu decken.

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