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Helfer vor beispielloser Herausforderung

Neunmal ist das Ebola-Virus seit seiner Entdeckung 1976 in der Demokratischen Republik Kongo schon ausgebrochen, der letzte Ausbruch wurde erst Ende Juli für beendet erklärt. Wenige Tage später machte sich das tödliche Virus in einem weit entfernten Teil des Landes bemerkbar - in einem, der von Kriegen und Konflikten betroffen ist und an Uganda grenzt, wo Hunderttausende durch die Kämpfe vertriebene Menschen leben.

Der erste Fall wurde Ende Juli bekannt, nur wenige Tage nachdem die Gesundheitsbehörden den vorherigen Ebola-Ausbruch im Westen des Landes für beendet erklärt hatten. Eine zunächst wegen Dengue-Fieber behandelte 65-Jährige zeigte nach der Entlassung aus einem Krankenhaus plötzlich Ebola-Symptome und starb - sowie sieben ihrer Verwandten und ein Mitglied des medizinischen Personals. Seitdem sind 58 weitere Menschen dem Virus erlegen, die Zahl der bestätigten Fälle liegt derzeit bei 75.

Zehnter protokollierter Ausbruch

Es ist der zehnte Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo, und er dürfte sich als einer der gefährlichsten erweisen. Das Virus, das sich über Körperflüssigkeiten ausbreitet und Erbrechen, Blutungen und Durchfall verursacht, hat sich bereits von seinem Zentrum in Nord-Kivu im Nordosten des Landes in die benachbarte Provinz Ituri ausgebreitet. Und es handelt sich um den Zaire-Typ und damit jenen Ebolastamm, der die katastrophale Epidemie in Westafrika 2014 verursacht hatte. Er gilt als der tödlichste der bekannten Stämme, die Überlebensrate liegt bei nur 50 Prozent.

Mediziner mit Schutzanzügen neben einem Patienten in einem abgeschlossenen Raum

APA/AFP/John Wessels

Ebola zählt zu den weltweit gefährlichsten Krankheitserregern

Ob der Kampf gegen das Virus fruchtet, ist nicht zuletzt davon abhängig, von wo aus es seinen Lauf nimmt - und dieses Mal stehen die Zeichen nicht gut. „Es ist das erste Mal, dass wir in einem Konfliktgebiet mit einem Ebola-Ausbruch konfrontiert werden“, sagte Gwenola Seroux, Notfall-Einsatzleiterin bei Ärzte ohne Grenzen. „Das wird die Reaktion umso schwieriger machen, insbesondere im Hinblick auf die Begrenzung der Ausbreitung der Krankheit in schwer zugänglichen Gebieten. Unsere Fähigkeit, uns auf dem Boden zu bewegen, wird begrenzt sein.“

Der Osten des Landes ist seit Jahrzehnten instabil. In der Region kämpfen mehrere Milizen, denen es vor allem um die Kontrolle von Land und Bodenschätzen geht. Das Gebiet um die Stadt Beni, wo das Virus erstmals identifiziert wurde, liegt nur etwa 50 Kilometer vor der Grenze zu Uganda entfernt. Hier leben Hunderttausende durch die Kämpfe vertriebene Menschen. Die Region ist eine Hochburg der islamistischen Miliz Alliierte Demokratische Kräfte (ADF) und weiterer bewaffneter Gruppen.

Furcht vor Ausbreitung auf Nachbarländer

Diese zögen oft von Ort zu Ort, was eine Ausbreitung wahrscheinlicher mache, sagte Peter Salama, Leiter für Noteinsätze bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die WHO habe Uganda sowie die Nachbarländer Burundi und Tansania alarmiert, sich auf mögliche Ausbrüche vorzubereiten. Selbst Angola im Südwesten der DR Kongo ist alarmiert: Präsident Joao Lourenco kündigte am Mittwoch Vorsichtsmaßnahmen gegen Ebola an. „Es gibt ein Sprichwort: Wenn der Bart des Nachbarn brennt, müssen wir unseren nass machen", sagte er bei einem Arbeitsbesuch in Berlin.

Die staatliche Kontrolle in dem bedrohten Gebiet ist gering, das Gesundheitssystem kaum existent, die Sicherheit der Helfer nicht gewährleistet. Die WHO ist auf logistische Unterstützung der UNO-Friedenstruppen angewiesen. In der DR Kongo ist das größte weltweit eingesetzte Kontingent an Blauhelmen im Einsatz, mehr als 15.000 Soldaten sollen zur Befriedung beitragen.

„Höchst komplexe Aufgabe“

„Kontakte von Kranken in einem Kriegsgebiet aufzuspüren ist eine höchst komplexe Aufgabe“, sagte Salama. Dabei ist genau das entscheidend: Um das Virus erfolgreich zu bekämpfen, müssen Helfer so schnell wie möglich alle Menschen aufspüren, die entweder direkt mit Kranken in Kontakt waren oder mit anderen Menschen, die Kontakt zu Kranken hatten, so Salama. Dann erfolgten Ringimpfungen. So sei der vorherige Ausbruch im Nordwesten des Landes schnell unter Kontrolle gebracht worden.

Auch internationale Hilfe verhinderte bei dem letzten Ausbruch im Frühjahr das Schlimmste. Damals seien finanzielle Mittel in der Höhe von 57 Millionen US-Dollar innerhalb von zehn Tagen zur Verfügung gestellt worden, gab der Norwegische Flüchtlingsrat (Norwegian Refugee Council, NRC) im Juli bekannt. Mit derselben Effizienz sollte an die humanitäre Krise in der DR Kongo herangegangen werden. Denn diese führe die Liste der vernachlässigten Fälle von Vertreibung des NRC an. Trotz deren Ausmaß und Brutalität habe das Land heuer lediglich rund 21 Prozent des von der UNO geforderten Budgets zur Verfügung gestellt bekommen.

Erinnerung an verheerende Epidemie in Westafrika

Sollte die Spendenfreude nach dem zweiten Ausbruch hintereinander versiegen, könnten die Folgen verheerend sein. „Es ist wirklich wichtig für die internationale Gemeinschaft zu wissen, dass dieser Ausbruch komplexer ist“, sagte der WHO-Direktor für regionale Notfälle, Ibrahima Soce Fall. Denn dieses Mal könnte das Virus ganze ohnehin labile Staaten erreichen und ähnliche Folgen wie die verheerende Epidemie haben, die zwischen 2013 und 2016 in westafrikanischen Ländern wütete. Damals starben mehr als 11.000 Menschen.

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