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Viele Betriebe spüren Mangel

Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) hat bei den heimischen Unternehmen den Bedarf an Fachkräften erheben lassen: Bundesweit würden 162.000 Fachkräfte gesucht, weit mehr als bisher angenommen. WKÖ-Präsident Harald Mahrer forderte nun rasch ein Gesamtpaket gegen den größer werdenden Fachkräftemangel. Weiters soll ermittelt werden, welche Berufsbilder regional gesucht werden.

Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) hatte im Auftrag der WKÖ Betriebe befragt und rund 4.500 Antworten ausgewertet. Die Hochrechnung der Ergebnisse besagt, dass österreichweit rund 162.000 Fachkräfte gesucht werden. Durch die Betriebsbefragung ergeben sich laut WKÖ genauere Zahlen, da viele Unternehmen ihren Bedarf gar nicht mehr dem Arbeitsmarktservice (AMS) melden.

Der Fachkräftemangel sei bereits für 87 Prozent der Betriebe spürbar, 75 Prozent der Betriebe litten bereits unter starkem Fachkräftemangel. Zum Vergleich: 2017 fühlten sich „erst“ zwei Drittel der Betriebe vom Fachkräftemangel betroffen. Bereits 60 Prozent der Betriebe sagten, dass der Fachkräftemangel zu Umsatzeinbußen führe oder bald führen werde.

Mahrer: Rückgang des Arbeitskräfteangebots

Knapp die Hälfte der Unternehmen klagten, dass der Fachkräftemangel dazu führe, dass sie Produkt- und Serviceinnovationen einschränken müssen. 82 Prozent der Betriebe befürchteten in den nächsten drei Jahren eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels in ihrer Branche.

Hintergrund des Fachkräftemangels sei der Rückgang des Arbeitskräfteangebots, so Mahrer: Die Zahl der 20- bis 60-Jährigen, also der Personen im Erwerbsalter, erreiche heuer ihren Höhepunkt. Ab 2019 nehme die Zahl ab und werde bis zum Jahr 2030 um mehr als 230.000 Personen zurückgehen. Schon 2024 werde es um 40.000 60-Jährige mehr als 20-Jährige geben.

WKÖ will Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte

„Wenn wir nicht gegensteuern, wird der Fachkräftemangel zu einem Problem, das in der Endlosschleife läuft“, warnte Mahrer am Rande eines Besuchs in Singapur im Gespräch mit der APA. Dabei setzt die WKÖ auf die Ausbildung von Ausländerinnen und Ausländern in heimischen Lehrbetrieben: Mahrer will einen eigenen Aufenthaltstitel für Lehrlinge aus Drittstaaten, wie es ihn bereits für Schüler und Schülerinnen sowie Studierende gebe.

Die Rot-Weiß-Rot-Karte müsse reformiert werden, damit die Verfahren schneller und unbürokratischer werden. Die Mangelberufsliste soll regional erstellt werden. Dann könnten etwa Köche und Köchinnen und Programmierer und Programmiererinnen aus Drittstaaten (außerhalb der EU) gezielt für ein Bundesland, wo derartige Fachkräfte gesucht werden, eine Arbeitsgenehmigung bekommen.

Asylwerber in der Lehre

Asylwerber und Asylwerberinnen, die eine Lehre in einem Mangelberuf machen und deren Asylantrag abgelehnt wird, könnten über das humanitäre Bleiberecht ein Aufenthaltsrecht bekommen. Dabei würden die Integration, die Deutschkenntnisse des Lehrlings und der Bedarf der Wirtschaft geprüft - der bei einer Lehre im Mangelberuf wohl vorhanden sei, so Mahrer.

Tortengrafiken über die Lehrbeschäftigungsarten von Asylsuchenden, aufgeteilt nach Bundesländern und ausgewählten Branchen

Grafik: ORF.at; Quelle: AMS

Ein Erlass aus dem Jahr 2012 hatte es Asylsuchenden ermöglicht, eine Lehre in einem Mangelberuf zu beginnen. Derzeit sind rund 1.000 asylwerbende Personen unter 25 Jahren in einer Lehre tätig - der Großteil im Gastronomiegewerbe. Die ÖVP-FPÖ-Regierung hat allerdings angekündigt, den Erlass aufzuheben. Man wolle sich auf jene konzentrieren, die bereits einen positiven Asylbescheid haben, so die Koalition.

SPÖ für höhere Bezahlung

Im Gegensatz zur WKÖ sieht die SPÖ in Österreich keinen Fachkräftemangel, sondern in manchen Branchen eine mangelhafte Bezahlung. „Mit höherer Bezahlung wäre der Mangel sofort behoben“, so SPÖ-Bundesgeschäftsführer Max Lercher. Mahrer seien Österreichs arbeitslose Jugendliche völlig egal, kritisierte Lercher in einer Presseaussendung am Freitag. Mahrer und Bundeskanzler Sebastian Kurz (beide ÖVP) seien offenbar alle Mittel recht, um in Österreich einen Billiglohnmarkt zu schaffen und so die Löhne zu drücken. Die Wirtschaft habe zu lange zu wenig getan, um Lehrberufe auch in den Branchen, die jetzt einen Mangel beklagen, attraktiv zu machen.

„Es gibt genug Lehrstellensuchende in Österreich“, so Lercher. Laut den Aufzeichnungen des Arbeitsmarktservice (AMS) gebe es 3.078 Lehrstellensuchende mehr als Lehrstellen. Außerdem stünden den 162.000 Fachkräften, die laut Mahrer fehlten, 184.696 arbeitslose Fachkräfte gegenüber. „Völlig unsinnig“ ist laut Lercher auch der Wunsch Mahrers, die Mangelberufsliste auszuweiten und möglichst rasch Lehrlinge aus Drittstaaten nach Österreich zu holen. „Das wird das Lohnniveau in Österreich in diesen Branchen noch weiter nach unten drücken“, so Lercher.

Laut WKÖ-Abteilungsleiter Martin Gleitsmann ist die von Lercher genannte Lehrstellenlücke auf eine statistische Berechnungsmethode zurückzuführen, bei der nur die „sofort verfügbaren offenen Lehrstellen und Lehrstellensuchenden“ berücksichtigt werden. Würde man auch die „nicht sofort verfügbaren“ Lehrstellen in die Berechnung einbeziehen, würde sich für Juni 2018 ein Lehrstellenüberhang von 2.520 ergeben.

NEOS: Bürokratische Hürden senken

„Jetzt realisieren endlich auch ÖVP, FPÖ und WKÖ-Chef Harald Mahrer, dass wir ein Problem haben“, so NEOS-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn in einer Presseaussendung. Nun müsse man rasch gemeinsam an echten Lösungen arbeiten und die notwendigen Reformen angehen. Die Erweiterung der Rot-Weiß-Rot-Karte für Lehrlinge aus Drittstaaten werde nicht alle Probleme lösen. Bürokratische Hürden müssten gesenkt werden, zugleich brauche es eine Flexibilisierung und Aufwertung der Lehre selbst. Auch die Lehre für Asylwerbende dürfe nicht abgeschafft werden, solange die Dauer von Asylverfahren nicht kürzer als 180 Tage sei und es keine taugliche Nachfolgeregelung gebe.

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