Filmstill aus „Beo-Ning“
Viennale

Rückblick auf die „neue“ Viennale

Es ist die erste Viennale der neuen Direktorin Eva Sangiorgi gewesen. Sie trat mit neuen Ideen an, ohne das Erbe des langjährigen, 2017 verstorbenen Festivalchefs Hans Hurch mit Bomben und Granaten zu atomisieren. Was hat funktioniert? Welche Wünsche bleiben für nächstes Jahr offen?

In der österreichischen Kulturszene gilt immer zuerst die Schulds-, nicht die Unschuldsvermutung. Gleich in zwei Tageszeitungen waren nach der Antrittspressekonferenz Sangiorgis Unkenrufe zu lesen; sinngemäß hieß es darin: Da kommt kein Hurch-Spirit auf. Rückblickend gesehen stimmt das auch – jede Festivalleiterin, jeder Festivalleiter prägt nicht nur durch die Planung, sondern auch durch die eigene Persönlichkeit die Wahrnehmung des Publikums.

Bei Hurch war es die verschmitzte, nerdige Verschworenheit, mit der er von der Bühne des Gartenbaukinos herab süffisant die Mächtigen geißelte, wissend, dass das Publikum seiner Meinung war, nur um sich in der nächsten Minute fast schon kindisch über die Filme zu freuen, die er präsentierte. Sangiorgi hingegen strahlte offen vor dem weinroten Vorhang, wobei sich ihre Begeisterung bescheiden und mit sanfter Ironie den Weg zum Publikum bahnte.

Alice Rohrwacher und Eva Sangiorgi bei der Eröffnung der Viennale
© Viennale/Robert Newald
Festivalchefin Sangiorgi (r.) mit Alice Rohrwacher, der Regisseurin des großartigen Eröffnungsfilms „Lazzaro felice“

Unerhoffter Red-Carpet-Glanz

Die Begeisterung kam an. Die Viennale war Stadtgespräch, die Auslastung enstprach jener der letzten Jahre, und dann hatte Sangiorgi auch noch eine ordentliche Portion Glück. Dank der Ausstellung des Filmemachers Wes Anderson im Kunsthistorischen Museum, die mit der Viennale nichts zu tun hatte, kamen mit Bill Murray und Tilda Swinton zwei Topstars nach Wien. Swinton beehrte dann, weil schon einmal in der Stadt, auch das Screening von „Suspiria“ (bei dem sie mitspielt) im Rahmen der Viennale – und das an ihrem Geburtstag. Kurz herrschte Cannes-Glamour, allerorten gingen Fans auf die Jagd nach Selfies mit den Stars.

Doch auch abseits vom Atmosphärischen und vom Glamour stimmte einiges. Sangiorgis Entscheidung, Blockbuster in der Nacht zu spielen, weil sie ohnehin ausgelastet sind, und Entdeckungen zur Primetime zu platzieren, ging auf. Die Aperitifs der neuen Festivalzentrale in der Kunsthalle waren gut besucht, dort kam die Branche mit dem Publikum zusammen, man hörte Besucherinnen und Besucher im Nachhinein schwärmen.

Beo-ning
Viennale
„Beo Ning“, ein südkoreanischer Thriller, inspiriert von einer Kurzgeschichte Haruki Murakamis (siehe auch Bild ganz oben)

Von wegen Fiktion

Die Aufhebung der Unterteilung in Spiel- und Dokumentarfilm, anfangs verwundert aufgenommen, erwies sich als schlüssig. Beispiel „Joy“: Sudabeh Mortezai hat für ihre Filmstudie über die Szene nigerianischer Prostituierter jahrelang recherchiert; den Film als „Fiktion“ zu kategorisieren, wäre ihm nicht gerecht geworden. Ähnlich verhält es sich mit „Ueta Raion“, dem Spielfilm des jungen, überaus talentierten japanischen Regisseurs Ogata Takaomi über das Phänomen „Cybermobbing“: Da stecken mehr Japan und mehr digitale Zeitgenossenschaft drin als in jedem Magazinbeitrag im TV.

Daneben hatte auch Verträumtes, Leises Platz, wie etwa der vom Schriftsteller Haruki Murakami inspirierte, mysteriöse Thriller „Beo-Ning“ des Südkoreaners Lee Chang Dong – ein Film, in dem man sich verlieren konnte, Kino in seiner besten Form. Und natürlich, die „Blockbuster“, keiner davon billig, waren gut platziert: Lars von Triers „The House That Jack Built“, Paul Schraders „First Reformed“ und Ethan Hawkes „Blaze“, „Vox Lux“ mit Natalie Portman, „First Man“ mit Ryan Gosling und einige mehr.

Filmstill aus „Ueta raion“
Viennale
Filmstill aus „Uete Raion“, einem japanischen Film, der Cybermobbing thematisiert

Freibier für alle

Interessant waren aber nicht nur die Neuerungen, sondern auch die Kontinuitäten, die Gewahr werden ließen, wie viel von der Qualität der Viennale aufs Konto des Teams hinter den Kulissen geht, von der Programmplanung und dem Ausbaldowern des Rahmenprogramms (die Partys!) über die reibungslose organisatorische Abwicklung des Festivals bis hin zur Pressearbeit. Die Sponsoren wurden offenbar ebenfalls bei Laune gehalten – schließlich gab es auch heuer wider tonnenweise Dragee-Keksi fürs Publikum.

Die Spezialprogramme wurden ebenfalls gut angenommen, etwa die gemeinsam mit dem Filmmuseum veranstaltete Retrospektive „The B-Film – Hollywoods Low-Budget-Kino 1935-1959“ und die Roberto-Minervini-Gesamtschau, es schwächelte lediglich die Retrospektive des argentinischen Regisseurs Jorge Acha.

Filmstill aus Roberto Minervinis „Stop the Pounding Heart“
Viennale
Filmstill aus Roberto Minervinis „Stop the Pounding Heart“

Bleibt aufzuzählen, was man sich für nächstes Jahr wünschen darf; etwa gemütlichere Sessel fürs Gartenbaukino, Zusatzvorstellungen für jeden ausverkauften Film, und, ganz besonders: kostenlose Kinotickets und Freibier für alle. Bevor man dann darangeht, aus der Viennale ein A-Festival von Cannes-, Berlinale- und Venedig-Format zu machen, wobei man darüber das Publikum abstimmen lassen sollte. Vielleicht will ja niemand die Gemütlichkeit gegen Premierenglanz und Promiterror eintauschen.

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