Slovenska kinoteka
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„O Partigiano!“

Von Propaganda und Gerechtigkeitssuche

Dem Partisanenfilm widmet die Viennale heuer gemeinsam mit dem Filmmuseum eine Retrospektive unter dem Namen „O partigiano!“. Der Schwerpunkt beleuchtet das Schaffen sozialistischer Filmindustrien zwischen Agitprop und Revolutionsromantik.

Im Fokus stehen Filme, die zwischen 1942 und 1985 in der Sowjetunion, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, Griechenland, Dänemark, Italien, Albanien, der DDR, Frankreich und Polen gedreht wurden. Der Titel der Retrospektive lässt dahinter verklärende sozialistische Romantik vermuten. Versucht wird jedoch vielmehr eine bewusste Auseinandersetzung mit Propaganda als Stilmittel im Film einerseits und Europas revolutionärer Vergangenheit andererseits.

Herrschaft der Gerechtigkeit

Im Genre „Partisanenfilm“ galt die Sowjetunion anfangs als filmische Übermacht – und hat beim Säen der politischen Propaganda den Kurs vorgegeben. Die ersten Partisanenfilme wurden in der UdSSR gedreht, zur Zeit des zweiten Weltkriegs und als eine Art Gegenpropaganda. Der inszenierte Traum von der Herrschaft der Gerechtigkeit erreichte mit dem Partisanenfilm bald auch andere Länder Europas. Vordergründig ging es darum, das Kriegsspektakel und die Befreiungsbewegung zu porträtieren.

Metod Pevec
Slovenska kinoteka/Zdenka Vetrovec
Metod Pevec als Berk aus „Farewell until the Next War“ (1980) von Živojin Pavlović: Der Film erzählt von der Begegnung eines slowenischen Partisanen und eines ehemaligen Offiziers der Wehrmacht und geht auf ihre Perspektiven auf den Krieg ein.

Mit der Zeit entwickelten sich eigenständigere Untergenres des Partisanenfilms: So unterschied sich der sowjetische Partisanenfilm in Form und Aufbau vom jugoslawischen. Eine eigene selbstständige Gattung bildet hier auch die filmische italienische Resistenza. Als Mittel für den Widerstand gegen den Faschismus gestartet, ließ man im Genre Partisanenfilm später die dunklen Flecken der eigenen Vergangenheit unbeleuchtet.

Kommunistische „Filmfabrik“

Von den 41 Filmen der Retrospektive sind 14 der Marke „Made in Yugoslavia“ – was wenig verwundert, hat sich in der 1943 gegründeten Sozialistischen Föderativen Republik doch Josip Broz Tito selbst akribisch um die Schaffung einer Infrastruktur für eine jugoslawisch-sozialistische „Filmfabrik“ gekümmert. Zuvor war eine größere Filmindustrie in Jugoslawien praktisch nicht vorhanden. Mit der Zeit ergab sich auch eine eigene Leitlinie für jugoslawische Filmschaffende, die durchaus auch Titos Bruch mit Stalin in den Filmen sichtbar macht.

Eines hatten jedoch alle Partisanenfilme gemeinsam: die Glorifizierung des heroischen Kampfes gegen die faschistischen Besatzer mit eigens kreierter patriotischer Note – nebenbei sollte die Etablierung von Partisanenliedern im Film die international ausgerufene Brüderlichkeit und Einigkeit fördern und die revolutionäre Attitüde im antifaschistischen Kampf in den Vordergrund stellen.

Denkmal für Partisaninnen

Die Ikonisierung der Volksheldinnen und -helden sollte dabei über die menschlichen Verluste hinwegtrösten: Zehn Millionen sowjetische Soldatinnen und Soldaten kamen beim Kampf gegen den Nationalsozialismus und Faschismus ums Leben. Es ging darum, Partisanen und Partisaninnen filmisch ein Denkmal zu setzen. Mit viel Pathos werden soziale Aspekte wie Kameradschaft, Zusammenhalt, Tapferkeit, Solidarität und Loyalität im Kampf gegen Unterdrücker und Besatzer in Szene gesetzt. Ein zu stark selbstidealisierendes Bild nahm man selbstbewusst in Kauf.

Nasvidenje v naslednji vojni (Farewell until the Next War), Zivojin Pavlovic,
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Die „Ikonisierung“ der Volksheldinnen und -helden gilt als wichtiger Aspekt im Partisanenfilm-Genre

Auffällig oft kommen Partisaninnen der jeweiligen Volksbefreiungsarmeen ins Bild. Wie alles andere in dem Filmgenre ist das kein Zufall, sondern half der gewollten Inszenierung, allerdings mit realistischem Hintergrund – schließlich beteiligten sich 800.000 Frauen als Widerstandskämpferinnen in der Roten Armee.

Titos Kitsch und Pathos als Wegbereiter

Heutezutage werden weniger die Inhalte des Genres analysiert – da ist man sich international einig, dass es sich beim „Partisanenfilm“ nicht um eine subtile Propagandaform handelt. Unter Filmkritikern werden vorrangig die Details bei der Produktion so mancher Streifen diskutiert: Titos kitschiger Filmgeschmack ist dabei nicht selten ein Thema – vor allem auch seine Vorliebe für Hollywoodfilme.

Als eitler Filmliebhaber ließ er für einige der eigenen Produktionen ohne Scheu den Dinar und Dollar rollen: Überteuerte Kriegsfilme wie „Die Schlacht an der Neretva“ (1969) von Veljko Bulajic oder „Sutjeska“ („Die Fünfte Offensive“, 1973) von Stipe Delic waren die Propagandafilme ihrer Zeit und die teuersten Filmproduktionen Jugoslawiens.

So wurden etwa Filmgrößen wie Orson Welles und Richard Burton in die Filmprojekte eingebunden, bei den Premieren ließ man sich die Gesellschaft von Sophia Loren nicht entgehen. Vieldiskutiert ist auch Burtons überzeugende Darstellung der Rolle des Tito in „Sutjeska“ („Die Fünfte Offensive“) oder die erschreckend realistischen Darstellungen im Film „Die Schlacht an der Neretva“, der laut Bulajic nur knapp keinen Oscar gewann.

Richard Burton
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Richard Burton als Tito im Film „Sutjeska“ („Die Fünfte Offensive“) (1973). Josip Broz Tito hat selbst als Befehlshaber 1943 die echte so genannte „Schlacht an der Sutjeska“ angeführt.

Die Produktionskosten von „Die Schlacht an der Neretva“ beliefen sich auf rund zwölf Millionen Dollar: Bulajic ließ mit dem Segen von Tito bei den Dreharbeiten sogar eine echte Brücke sprengen. Die Filmaufnahmen konnten jedoch nicht verwendet werden, weil bei der Sprengung zu viel Staub aufwirbelt wurde – so musste man sich schließlich mit den Aufnahmen einer Miniaturbrücke behelfen. Fast alles schien für Bulajic möglich: für den Film wurde enormer Aufwand betrieben – so war es 1969 sonst in Europa nicht gerade üblich, 10.000 Statisten in Filmarbeiten einzubinden – viele davon waren JNA-Soldaten. Das Filmplakat ließ man sogar von Pablo Picasso gestalten.

Zwischen Western und Samuraifilm

Der Terminus Propaganda wird vielerorts aufs Neue diskutiert: Das Good-Bad-Guy-Schema der jugoslawischen Partisanenstreifen ähnelt der in so manchen heutigen Actionfilmen – vor allem aber sind Parallelen zum amerikanischen und italienischen Western und Untergenres des japanischen Historienfilms zu finden.

Kultstatus für „Walter verteidigt Sarajevo“

Unerreicht in Bezug auf Zuseherzahlen ist neben „Die Schlacht an der Neretva“ der Film „Valter brani Sarajevo“ („Walter verteidigt Sarajevo“) von Hajrudin Krvavac aus dem Jahr 1972. Der Agentenstreifen galt als eigenwillig für das Partisanenfilm-Genre und gilt auch heute noch als Kult und war bis Ende der 1970er der meistgesehene Kriegsfilm aller Zeiten – vor allem dank der Filmprojektionen in China, wo Hauptdarsteller Bata Zivojinovic ein Superstar-Status zugeschrieben wird. Die Filmhandlung ist relativ banal aber einprägsam: der charismatische Zivojinic in der Rolle des Agenten „Valter“ soll den Vormarsch der Deutschen Wehrmacht stoppen. Durch die Sabotage einer Treibstofflieferung gelingt dem Filmhero in spitzbübischer Manier fast im Alleingang ein Coup der Sonderklasse – er schafft es, den Nazis die Kontrolle über die Stadt Sarajevo zu entreißen.

Zensur, Mythos, Glorifikation

Der Partisanenfilm war der „Actionfilm“ seiner Zeit. Das nachträglich diskutierte Propaganda-Regisseur-Image kann man wenigen Filmemachern des Genres umhängen. Einen am allerwenigsten: Hajrudin Krvavac. Bevor Krvavac Regisseur wurde, wurde er in den 1940ern Zeuge und Opfer von Gräueltaten im faschistischen Ustaschastaat NDH. Nur ein paar Jahre später wurde er wegen eine Lappalie – so wie es im kommunistischen Jugoslawien oft Intellektuellen oder Menschen, die sich trauten die „Staatsmeinung“ zu hinterfragen, erging – im Umerziehungslager Goli Otok interniert.

Der Sarajevoer verpasste den „Partisanen-Propaganda-Film“ einen neuen Anstrich und wird für die Filmgattung „Red Western“ verantwortlich gezeichnet. Seine Volkshelden durften auch humoristische Ansätze zeigen.

Filmemacher wie Krvavac, die Eigenständigkeit in ihrer Filmsprache entwickelten, mussten immer zwischen Selbstzensur, staatlicher Zensur, dem Versuch, den Nerv des Publikums zu treffen und der Schaffung eines medialen Katharsis-Instruments jonglieren, selbst wenn sie staatsfreundliche Partisanenfilme drehten. Die Jonglage zahlte sich aus: In den 1960er und 1970er Jahren war in Jugoslawien Dezentralisierung ein Thema und es galt sich ideologiekritisch neu zu erfinden. Relativ bald folgten komplett neue Stilrichtungen – wie etwa die so genannte "jugoslawische Nouvelle Vague“.

Veranstaltungshinweis

Freitag, 25. 10., ab 22 Uhr:
Der Start von „O partigiano!“ wird in der Viennale-Zentrale auch musikalisch gefeiert. Mit dabei: der Belgrader DJ Kompleks und seine ex-jugoslawischen Edits sowie DJ Scientist, Spezialist für Disco und Rock aus Osteuropa, der mit seinem „Soviet Groove“ auf Ninja Tunes’ „Solid Steel Radioshow“ Furore macht.

Disco Partizani

Die Möglichkeit, Partisanenfilme in guter Qualität auf einer Kinoleinwand zu sehen, ist selten – die Viennale ist eines der ersten Festivals, das dem Genre eine eigene Retrospektive widmet.

Bleibt noch die Frage offen, zu welcher Version von „Bella Ciao“ das Tanzbein im Rahmen der Viennale-Party-Reihe geschwungen wird: zur Netflix-Remix-Version von El Profesor/Dj Hugel, der von Manu Chao, der von Goran Bregovic, der von Konstantin Wecker und Hannes Wader oder doch zur Originalversion aus der italienischen Resistenza.