Szene aus „Portrait de la jeune fille en feu“
Viennale
Eröffnungsfilm

Romantische Pionierinnen sprengen Grenzen

Celine Sciammas „Portrait de la jeune fille en feu“ (Dt.: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“) über eine Porträtmalerin im ausgehenden 18. Jahrhundert, die sich in ihr schönes Modell verliebt, ist von berückender Kraft – und reißt als Eröffnungsfilm der Viennale programmatische Grenzen nieder. Mitte Dezember kommt der Film österreichweit in die Kinos.

Mächtige Wellen drohen das Boot zum Kentern zu bringen, und als ein Windstoß ein Paket mit Leinwänden ins Wasser weht, springt sie kurzerhand nach: Marianne (Noemie Merlant) ist Porträtmalerin aus Paris und übers Meer auf dem Weg zu einem besonderen Auftrag. Die Herzogin (Valeria Golino) will, dass Marianne ihre Tochter Heloise (Adele Haenel) malt, als Gabe für deren zukünftigen Ehemann in Mailand. Das Hochzeitsporträt soll allerdings heimlich entstehen, denn Heloise will gar nicht heiraten.

Mariannes Aufgabe ist es also, sich unter einem Vorwand mit der jungen Adeligen anzufreunden, sie zu beobachten und dann freihändig zu porträtieren. Was sich die Herzogin einfach vorgestellt hat, wird zum Debakel, denn leicht lässt sich Heloise nicht austricksen. Doch Auftrag ist Auftrag – und Marianne und ihr schönes Modell kommen einander unerwartet nahe.

Director Celine Sciamma
Claire Mathon
Regisseurin Celine Sciamma wurde 2019 in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet

Die fehlenden Bilder ergänzen

„Mein Wunsch war es, eine Liebesgeschichte zu erzählen, wieder mit Adele Haenel zu arbeiten und einen Film über eine Malerin zu machen“, sagte Regisseurin Sciamma gegenüber ORF.at über ihren Film, der ihr heuer in Cannes den Preis für das beste Drehbuch eingebracht hat. „Ich hatte dann die Idee, einen Film über eine Malerin zu machen, und entschied mich, Künstlerinnen zu recherchieren – von der Höhlenmalerei bis heute.“

Bei der Recherche entdeckte Sciamma in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit für Malerinnen, die eine echte Karriere hatten und dann von der Kunstgeschichte doch vergessen wurden. „Mich hat sehr beschäftigt, dass diese Frauen und ihre Kunst einfach ignoriert werden. Das ist zum einen eine hochpolitische Frage, aber auch eine ganz persönliche, denn genau diese Bilder und diese Vorbilder haben in meinem Leben gefehlt.“

Ein Schwangerschaftsabbruch ohne Furcht

Diese fehlenden Bilder zu erschaffen, das setzt sich Sciamma in jedem ihrer Filme zum Ziel: Bilder von real existierenden Dingen und Situationen, die in der hegemonialen Bilderproduktion bisher nicht thematisiert werden. In „Fille en feu“ ist das die als Filmprotagonistin rare Porträtmalerin und ihre Liebe zum Modell, das im Laufe der Erzählung von der Muse immer mehr zum herausfordernden, kreativen Gegenüber wird.

Zu diesen neu geschaffenen Bildern gehört auch eine Szene, in der ein Schwangerschaftsabbruch gezeigt wird, nicht als furchteinflößende Operation, sondern als notwendiger, in geborgener Umgebung stattfindender Eingriff. Später im Film wird die Situation künstlerisch reproduziert, damit unmissverständlich ist: Hier wird eine zeitgenössische, unterdrückte Perspektive auf etwas, das nach gesellschaftlichem Konsens an diesem Punkt der Geschichte gar nicht existieren darf, erzählt.

Szene aus „Portrait de la jeune fille en feu“
Viennale
Marianne (Merlant) ist Porträtmalerin und erhält einen heiklen Auftrag

„Mädchen wie sie kommen nie im Kino vor!“

„Genau das meine ich, wenn ich sage, dass mir leid ist um diese fehlenden Bilder und Vorbilder in meinem Leben. Mein Ziel bei diesem Film ist es eben, jene Bilder und Geschichten zu erschaffen, die uns vorenthalten wurden“, so Sciamma. „Dazu gehört auch ein positiv erzählter Schwangerschaftsabbruch. Ich kann mich nicht erinnern, das je im Kino gesehen zu haben.“

Dieser Anspruch zieht sich durch Sciammas gesamtes bisheriges Werk: „Girlhood“ von 2014 erzählt von einer Bande junger, unterprivilegierter Mädchen, eine Schwesternschaft unter jungen schwarzen Französinnen. „Ich hatte solche Mädchen auf der Straße beobachtet und war begeistert, wie charismatisch, lebendig und stylish sie waren“, sagte Sciamma damals. „Und dann erst wurde mir bewusst, dass Mädchen wie sie nie im Kino vorkommen. Das muss die doch zornig machen!“

Lieber wahrhaftig als einfach

Aus heutiger Sicht wirken die „Girlhood“-Mädchen fast wie die jugendlichen Vorreiterinnen jener Gangsterinnenfilme, die derzeit immer öfter im Kino zu sehen sind, seien es die „Ocean’s 8“, die „Widows“ oder „The Kitchen: Queens of Crime“. Das ist kein Zufall: Immer wieder ist Sciamma ganz nah an dem, was demnächst den gesellschaftlichen Diskurs prägen wird.

Nur wenige Jahre bevor der Gedanke in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, dass bereits Kinder eine andere Geschlechtsidentität empfinden können als die ihnen bei der Geburt zugewiesene, drehte Sciamma den Film „Tomboy“ (2012). Darin geht es um ein zehnjähriges Kind, das einen Schulwechsel als Gelegenheit wahrnimmt, die bisherige Rolle eines Mädchens hinter sich zu lassen, und sich als Bub viel wahrhaftiger fühlt.

Schwule Burschen, Zucchinis und andere Ausgestoßene

Auch wenn Sciamma für andere Filmschaffende Drehbücher schreibt, handeln die vom Zwischenmenschlichen, selten Erzählten. Für Andre Techines „Mit 17“ etwa schrieb sie die Geschichte zweier Burschen auf, die durch äußere Umstände gezwungen sind, miteinander viel Zeit zu verbringen, einander zunächst abgrundtief verachten und sich schließlich ineinander verlieben.

Am vielleicht überraschendsten ist Sciammas Drehbuch für den oscarnominierten Plastilinanimationsfilm „Mein Leben als Zucchini“, in dem ein blauhaariger Bub bei einem Unfall seine Alkoholikermutter verliert und in einem Kinderheim an eine ganze Clique an Verlorenen und Ausgestoßenen gerät, die ihm zur neuen Familie werden.

Filmhinweis

„Portrait de la jeune fille en feu" wird auf der Viennale am 24.10. um 19.30 Uhr und um 23.00 Uhr sowie am 25.10. um 12.30 Uhr im Gartenbaukino gezeigt, in Anwesenheit von Hauptdarstellerin Adele Haenel.

Der Film startet am 13.12.2019 in den österreichischen Kinos.

Grenzen ausloten

Mit einer derartigen Vielfalt an Erzählungen und einer dabei unverwechselbaren, immer dem Subjekt zugewandten Haltung gehört Sciamma zu den wichtigsten Filmschaffenden der Gegenwart. Jeder ihrer Filme hat bisher andere Filme inhaltlich inspiriert und geprägt – manchmal offensichtlich, manchmal ist sie einfach dem Zeitgeist ein paar Schritte voraus. Dabei ist ihre Haltung nie belehrend, immer steht das Interesse am Menschlichen im Vordergrund.

So spricht Sciamma auch über ihre „Fille en feu“-Protagonistinnen, dieses große Liebespaar bestehend aus zwei eigensinnigen Frauen: „Sie versuchen einfach beide, ihr Leben unter den Umständen so voll wie möglich auszukosten. Das tun ja rebellische Frauen letztlich immer. Ich will ja eigentlich auch keine Pionierin sein, ich will nur mein Leben so leben, dass es richtig ist für mich. Wenn ich dafür neue Grenzen ausloten muss, dann ist das eben so.“ Einen angemesseneren Eröffnungsfilm hätte Viennale-Chefin Eva Sangiorgi kaum finden können.