Szene aus „Amazing Grace“
Viennale
Konzertfilm

„Amazing Grace“: Zum Weinen schön

„Amazing Grace“: Die Aufnahmen zu Aretha Franklins großer Gospelplatte aus dem Jahr 1972 wurden damals von Sydney Pollack mitgefilmt. Das Material wurde jahrzehntelang im Safe von Warner Music gelagert – zuerst gab es technische Probleme, dann Rechtsstreitigkeiten. Jetzt endlich ist der Film zu sehen, zusammengefügt von Alan Elliott.

„Amazing Grace“ ist ein Geschenk. Der Film ist eine Zeitmaschine zurück ins Jahr 1972, als Aretha Franklin auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes steht. Mit Songs wie „Respect“, „Chain of Fools“ und „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ hatte sie sich in den 60er Jahren als „Queen of Soul“ etabliert, hatte die Musikgeschichte verändert – alle Superlative sind hier berechtigt. Und dann, 1972, entschied sie sich, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und eine Gospelplatte aufzunehmen, vor Livepublikum, in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles.

Die Platte „Amazing Grace“ ist heute das meistverkaufte Album in Franklins über fünfzigjähriger Musikkarriere und das bestverkaufte Livegospelalbum aller Zeiten. Dass es ein wichtiger Moment sein würde, war klar. Zwei Tage Konzertaufnahmen, als Gastgeber eine geweihte Kirche, der Southern California Community Choir, und in Anwesenheit großteils afroamerikanischen Livepublikums, in dem unter anderem Franklins Vater sitzt – und zwei schlaksige Weiße namens Mick Jagger und Charlie Watts: Die Rolling Stones nehmen zu diesem Zeitpunkt gerade in Los Angeles „Exile on Main St.“ auf.

Szene aus „Amazing Grace“
Viennale
Die Aufnahme zu „Amazing Grace“ fanden in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles statt

Filmhinweis

„Amazing Grace“ wird auf der Viennale am 3.11. um 23.00 Uhr im Gartenbaukino und am 4.11. um 18.30 Uhr in der Urania gezeigt.

Der Film startet am 29.11.2019 in den österreichischen Kinos.

Action, aber ohne Klappe

Als ahnte er den Erfolg voraus, beauftragte Plattenproduzent Joe Boyd den Regisseur Sydney Pollack, mit einem Filmteam bei den Aufnahmen dabei zu sein. Der entstandene Dokumentarfilm soll das Album begleiten. Doch die Platte erscheint, nur der Film wird nicht und nicht fertig. Irgendwann landen die Kisten mit den Filmaufnahmen und den Tonbändern in einem Safe bei Warner Brothers und werden vergessen – bis Pollack Jahrzehnte später den jungen Alan Elliott beauftragt, sich um die Fertigstellung zu kümmern.

„Sydney hat den Mythos erfunden, dass Aretha Franklin nicht zufrieden sei mit dem Vertrag“, sagt Elliott gegenüber ORF.at. Dabei hatte die Verzögerung einen ganz banalen technischen Grund: „Niemand hatte damals bei den Aufnahmen eine Klappe mitgebracht. Dadurch war es damals nicht möglich, Bild und Ton zu synchronisieren. Hätte es eine Klappe gegeben, dann hätte Sydney Pollack einen fantastischen Film gemacht.“

„Es war ihm peinlich“

Um davon abzulenken, hatte Pollack, so erzählt es Elliott, die Geschichte von den Vertragsproblemen in die Welt gesetzt. „Er behauptete das, irgendwann glaubte es auch Warner Brothers, sogar Aretha beginnt es zu glauben. Und dann geht Aretha vor Gericht, und dort wird ihr geglaubt, denn immerhin ist sie Aretha Franklin. Und damit war das Chaos perfekt.“ Pollack hatte Elliott nie die einfache Wahrheit gesagt, nämlich dass es keine Klappe gab. „Ich glaube, es war ihm peinlich, er hatte Pech oder eine schlechte Crew.“

Als Elliott sich des Filmmaterials annimmt, ist dank digitaler Technologie und kompetenter Lippenleser eine Synchronisation von Bild und Ton kein Problem mehr, doch als der Film 2011 fertig ist, will Aretha Franklin nicht mehr, dass er herauskommt. „Vielleicht war das, weil sie zu dem Zeitpunkt schon schwerkrank war. Was ich als liebevollen Blick auf Aretha Franklin empfand, war in ihren Augen möglicherweise etwas, das sie ihrer Sterblichkeit brutal bewusst machte.“

Liebevoller Abschied von Aretha

Drei Wochen nach dem Tod Franklins im August 2018 meldete sich ihre Familie aber bei Elliott und bat ihn, ihr den Film zu zeigen. „Sie konnten sie da sehen als 29-Jährige, auf der Höhe ihrer Kräfte, sie ist wunderschön und unglaublich, eine Macht! Ich glaube, es war sehr schön, daran erinnert zu werden, wie sie war, als Gegensatz zu ihrem Ende, das brutal war.“

Die Verzögerung von 47 Jahren muss gar kein Nachteil sein, sagt Elliott jetzt, denn dadurch „ist diese historische Bedeutung jetzt Teil des Films. Damals hätte niemand erkennen können, dass es sich um das wichtigste Gospelalbum aller Zeiten handelt. Ich habe den Vorteil der Rückschau, und das erlaubt mir eine viel reflektiertere Sicht.“ Pollack habe das Material damals nicht verstanden, „ich habe ihn geliebt, aber das ist die Wahrheit“ – vor allem, was die Platte für die afroamerikanische Community bedeutet.

Szene aus „Amazing Grace“
Viennale
Aretha Franklin setzte mit „Amazing Grace“ neue Maßstäbe – in jeder Hinsicht

Diese Stimme

„Amazing Grace“ ist kein Dokumentarfilm im herkömmlichen Sinn, sondern ein energetischer Konzertfilm, der von seiner dramatischen Struktur Anleihen beim klassischen Musiktheater nimmt. Der Film eröffnet mit einer Vorstellung aller Beteiligten – hier der Dirigent, hier der Star, scheu lächelnd, der Chor, die Band, das Publikum – und dann geht es los, zweiter Akt mit extra Drama, bis hin zum hinausgezögerten, fast transzendenten Finale.

Das alles wirkt ganz unmittelbar: Wie das Publikum und wie vor allem der Chor auf Arethas mächtige Stimme reagieren, wie die Euphorie darüber, was Aretha Franklin da tut in ihrer Virtuosität, alle Anwesenden aufspringen lässt, das ist rührend, mitreißend und beinahe so ansteckend wie ein Livekonzert.