*** Local Caption *** Hochwald, Why Not You, Evi Romen, Österreich/Belgien, 2020, V’20, Spielfilme
Amour Fou
„Hochwald“

Ein Traumtänzer fällt aus der Welt

Evi Romens Regiedebüt „Hochwald“ ist ein hochspannendes Drama um einen tanzenden Außenseiter, der seinen Platz im Leben sucht. Ein moderner Antiheimatfilm, der von Sex, Religion, Tod und Befreiung handelt und bei der Viennale seine Österreich-Premiere feiert. Ins Kino kommt der Film im Jänner 2021.

Mario (Thomas Prenn) ist irgendwie aus der Welt gefallen. Eine verlorene Seele in einem Südtiroler Bergdorf namens Hochwald (Bosco Alto), wo der Außenseiter von einer Karriere als Tänzer – weit weg von zu Hause – träumt. Im Mehrzwecksaal seiner ehemaligen Volksschule übt er allein seine Performances – Stöckelschuhe und Glitzerkleider inklusive.

Mit Jobs in der Metzgerei, im Hotel und in der Winzerei hält sich der gelernte Konditor über Wasser, früher hat er sich so sein Heroin finanziert, doch das braucht er heute nur noch an Feiertagen, wenn es im katholischen Ort besonders unerträglich wird.

Der schwule Mädchenschwarm

Es ist Weihnachten, und Marios Jugendfreund Lenz (Noah Saavedra), der als Schauspieler in Wien erfolgreich war und bald nach Rom ziehen wird, ist auf Heimatbesuch. Mit Lenz verbindet Mario ein besonderes Verhältnis und ein Geheimnis. Dass Lenz nur fernab von zu Hause sein Schwulsein ausleben kann und daheim so etwas wie der Mädchenschwarm aus reichem Hause ist, verwundert nicht. Schließlich hat jeder im Dorf seine Rolle zu erfüllen, auch wenn er gar nicht mehr hier wohnt.

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Mit Lenz (Noah Saavedra, re.) kann sich Mario (Thomas Prenn) gehen lassen

Von Lenz fühlt sich Mario auf eine schmerzlich intime Art verstanden, der Schauspieler bestärkt den verhinderten „John Travolta“ darin, es doch mit einem Stipendium in Rom zu versuchen. Der Ausbruch aus dem Dorftrottelleben scheint für Mario zum Greifen nahe. Als die beiden Freunde nach Rom fahren, kommt es dort zu einer unbegreiflichen Katastrophe: Es wird ein islamistisches Attentat auf eine Schwulenbar verübt.

Porträt Regisseurin Evi Romen
ORF.at/Sonia Neufeld
Regisseurin Romen über die Viennale: „Ich habe immer schon davon geträumt, hier einmal meinen eigenen Film zeigen zu dürfen.“

Ein Dorf wird erschüttert

Mit „Hochwald“ legt die aus Südtirol stammende, in Wien lebende Regisseurin Evi Romen ein beeindruckendes Regiedebüt vor, gedreht in breitem Südtirolerisch (Untertitel vorhanden). Gnadenlos blickt sie hinter die Fassaden des alpinen Dorflebens, das nur eine Gondelfahrt entfernt vom nächsten Heroinsüchtigen am Bahnhofsklo ist. Das ist jedoch nur eines der Themen, die Romen aufgreift.

„Die Idee zu dem Film entstand, als im November 2015 die Terroranschläge von Paris verübt wurden, und ich gerade zu Hause in Südtirol war. In den Nachrichten wurde berichtet, dass auch ein junger Südtiroler unter den Opfern im Bataclan war. Und so ist die Grundidee zum Film entstanden: Was würde passieren, wenn so ein globales Ereignis in eine kleine Dorfgemeinschaft einbricht?“, erzählt die Regisseurin im Gespräch mit ORF.at. Wie sich das Attentat in Rom auf das Dorf in Südtirol auswirkt, sei an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Romen schafft in der zweiten Hälfte des Films eine bemerkenswerte Wendung, die ihrem Drama eine brisante Aktualität verleiht.

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Auch der Islam spielt im Dorfleben eine Rolle

Sowohl im Religiösen als auch im Sexuellen verlaufen die Grenzen in „Hochwald“ fließend. Das Katholische wird wie der Islam zur Projektionsfläche für Lebensentwürfe und Glaubenssätze, die einen prägen, ob man will oder nicht. „Es liegt mir fern, religiöse Wertungen zum Ausdruck zu bringen. Mich interessiert, wie tief manche Glaubenssätze in uns stecken, egal, wie modern unser Leben geworden ist“, so Romen.

Filmhinweis

„Hochwald“ läuft bei der Viennale am 28.10. um 17.30 Uhr im Gartenbaukino, am 29.10. um 20.30 Uhr im Filmcasino und am 1.11. um 13.00 Uhr im Metro Kino.

Österreichweit startet der Film im Jänner 2021.

Hochwald (Viennale)

Was die Sexualität der Hauptfiguren betrifft, so findet viel im Verborgenen statt, Homosexualität steht im Raum, sie bleibt aber ein Tabu. Die Doppeldeutigkeit ist die einzige Sprache im Dorf, die jeder versteht. Die Regisseurin dazu: „Meiner Meinung nach ist es heutzutage nicht mehr so wichtig, ob jemand homo-, hetero- oder wie auch immer sexuell ausgerichtet ist, die Phasen der großen Outings scheinen vorbei zu sein. Ich beobachte besonders bei ganz jungen Menschen, dass da wesentlich simplere Experimente stattfinden, ohne sich groß den Kopf zu zerbrechen, ob das jetzt ein Mann, eine Frau oder was auch immer ist. Das finde ich gut, spannend, und ich hoffe, dass diese fließende Bewegung sich weiter hält und keinen Rückschritt macht.“

Ausgezeichnet und sehenswert

Handwerklich profitiert Romen von ihrer Ausbildung in Kamera und Schnitt, sie wusste genau, welche Bilder sie von Kameramann Martin Gschlacht eingefangen haben will, um ihrem Antiheimatfilm den richtigen Touch zu verleihen. Großangelegte Schwenks über die pittoreske Landschaft – die an den Drehorten zweifellos vorhanden gewesen wäre – sucht man in „Hochwald“ vergeblich. Der Wald und die Natur stehen immer nur im Hintergrund der Menschen, deren Geschichte erzählt wird.

Und diese Geschichte ist sehenswert. Von der Visualität, wo kein Kostümdetail dem Zufall überlassen wurde, bis zum Rhythmus, der von einem außergewöhnlichen Soundtrack getragen wird. Seine Weltpremiere hatte „Hochwald“ heuer beim Zürich Film Festival, wo er prompt als „Bester Spielfilm“ ausgezeichnet wurde. Dass ihr Film seine Österreich-Premiere bei der Viennale hat, freut Regiseurin Romen besonders: „Es ist einfach eines der coolsten Festivals. Ich habe immer schon davon geträumt, hier einmal meinen eigenen Film zeigen zu dürfen.“