Sycorax, Lois Patiño, Matías Piñeiro, Spanien/Portugal 2021, V’21 Shorts
Viennale
Viennale-Programm

Leitfaden durch den Filmdschungel

Am Dienstagabend ist das Viennale-Programm präsentiert worden, die cineastischen Highlights sind zahlreich. Am 21. Oktober beginnt das Filmfestival, das Wien bis zur Abschlussgala zehn Tage später zum Sehnsuchtsort für Kinoliebhaberinnen und Cineasten macht. Der Vorverkauf startet traditionell am kommenden Samstag – ein paar Tage Zeit also, um sich Filmdschungel zu orientieren.

Als Erstes sind die Tickets für Filme mit Stars weg, das ist unvermeidlich, heuer wohl Jane Campions „Power of the Dog“, Paul Schraders „The Card Counter“ und Bruno Dumonts „France“. Dabei sind es bei der Viennale ganz oft die anderen Filme, die die viel größeren Entdeckungen sind – und das beginnt heuer gleich am Anfang: Der Viennale-Eröffnungsfilm ist heuer ein präziser Film, schlank wie seine Protagonistin, der politisch kaum aktueller sein könnte.

„L’evenement“ ist die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Annie Ernaux, erst kürzlich auf Deutsch erschienen, in dem die junge Literaturstudentin Annie Anfang der 60er Jahre schwanger wird. Annie sucht nach einer Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch, und davon handelt dieser Film, vom hartnäckigen Ringen um Selbstbestimmtheit einer jungen Frau, die zur Unabhängigkeit entschlossen ist. Anamaria Vartolomei spielt hier ihre erste Hauptrolle, in Nebenrollen sind Sandrine Bonnaire als Annies Mutter und Pio Marmai als ihr Professor zu sehen.

Eva Sangiorgi bei der Programmpräsentation
Alexi Pelekanos
Bei der Programmpräsentation erinnerte Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi an die Rolle des Kinos als „subversive Kunst“

Frauenbefreiung, einmal so, einmal so

Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde der Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, Regisseurin Audrey Diwan, die im Interview mit ORF.at sagte, sie sei „froh, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt“, wird zur Premiere nach Wien kommen. „L’evenement“ ist ein kraftvoller Auftakt für ein Festival, das zum vierten Mal unter der Direktion von Eva Sangiorgi stattfindet. Sangiorgi betonte neben dem politischen Anliegen speziell auch die formalen Vorzüge von Diwans Film, das enge 4:3-Format, die unbedingte Nähe zur Protagonistin.

Sangiorgi empfiehlt aber noch eine ganze Reihe anderer Lieblingsfilme im eigenen Programm, etwa Paul Verhoevens „Benedetta“, die erotische Geschichte einer mittelalterlichen Nonne (Virginie Efira), die während einer Pestepidemie eine Affäre mit einer jungen Frau beginnt. Verhoeven, zu Hause in der Rolle des Provokateurs, schwelgt in Voyeursfreuden, von der einschlägigen Gucklochsituation über die Geheimnisse unter den Nonnenkutten bis hin zu einer zweckentfremdeten Marienfigur, was streckenweise dann schon einen Tick zu albern ist, um noch als Kratzen am Lack der katholischen Kirche zu gelten.

Das Maul des Berges

Ein vollkommen gegensätzlicher Film ist „Il buco“, den Sangiorgi den „wohl poetischsten Film des Programms“ nennt, Michelangelo Frammartinos Film handelt von der Erforschung einer der tiefsten Höhlen Europas, die Anfang der 60er Jahre stattfand. Der beinahe wortlose Film erzählt von einer Gruppe junger Höhlenforscherinnen und Höhlenforscher, die sich über mehrere Sommerwochen hinweg immer tiefer in den Berg hineinwagen, während ein stiller, gebrechlicher Schäfer dem Treiben der Jungen zusieht.

Szene des Films „Il buco“
Viennale
Poetisches Kino im Höhleninneren: „Il buco“

„Il buco“ funktioniert als klares, deutliches Kino über die Leidenschaft zur Naturerforschung, über die gestalterischen Aspekte von Aufzeichnung und Beobachtung, aber kann auch gleichnishaft gelesen werden als Reise in die Tiefe, die zugleich einer Reise ins Jenseits nahekommt – oder als Metapher für das Kino selbst, den finsteren Raum, in dem der Lichtschein neue Welten enthüllt. Auch Frammartino hat sein Kommen zur Viennale angekündigt.

Träume und Inseln

Zumindest geplant ist die Anreise von Matt Dillon zum Screening von „Land of Dreams“ der iranischstämmigen, amerikanischen Regisseurin und Künstlerin Shirin Neshat. Dillon spielt in dem Film die Nebenrolle eines cowboyhaften Polizisten, der die Mitarbeiterin einer amerikanischen Regierungsbehörde bei ihrer Arbeit begleitet. Simin (Sheila Vand) arbeitet für das Volkszählungsbüro und besucht Amerikanerinnen und Amerikaner, um ihre Familienverhältnisse und ihre Träume aufzuzeichnen.

Die reichlich surreal anmutende, episodische Handlung von „Land of Dreams“ ist aus einem gleichnamigen Werkzyklus aus Fotografien und Videos entstanden, am Filmdrehbuch hat der inzwischen verstorbene Luis-Bunuel-Weggefährte Jean-Claude Carriere intensiv mitgearbeitet. Neshat, die Österreich durch mehrere Filmkoproduktionen und auch durch die Inszenierung von „Aida“ bei den Salzburger Festspielen verbunden ist, wird ihren Film nach Wien begleiten.

Vom Schreiben und von der Schwierigkeit, währenddessen eine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten, handelt „Bergman Island“ von Mia Hansen-Love. Darin spielen Vicky Krieps und Tim Roth ein Paar, sie Arthouse-Regisseurin, er Starregisseur, die einen sommerlichen Arbeitsaufenthalt im Haus von Ingmar Bergman auf der Insel Farö verbringen, um Drehbücher zu schreiben. Ihre komplett gegensätzliche Arbeitsweisen, seine Prominenz, ihr Gefühl von Unzulänglichkeit, das gemeinsame Kind, eine Nebenbekanntschaft, das alles ergibt einen humorvollen, klugen Film über Kreativarbeit, in dem Roth und Krieps in Kameradschaft und Konkurrenz zueinander ein fantastisches Paar ergeben.

Eine kleine Mama und ein großer Dichter

Und dann ist da noch der kleine, kostbare Film „Petite Maman“ von Celine Sciamma („Porträt einer jungen Frau in Flammen“). Hier entdeckt eine Tochter ihre Mutter in neuem Licht: Die achtjährige Nelly, deren geliebte Oma soeben gestorben ist, räumt mit ihren Eltern Omas Haus aus. Beim Spielen im Wald trifft sie auf ein anderes achtjähriges Mädchen, das ihr seltsam bekannt vorkommt. „Petite Maman“ ist der schlichteste Film von Sciamma, wohl auch geschuldet seiner Produktion während der Pandemie, und zugleich ein magischer kleiner Zeitreisefilm mit einfachsten Mitteln.

Szene des Films „Petite maman“
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Nelly trifft in Sciammas neuem Film auf ein Mädchen, das ihre Mutter sein könnte

Die Viennale-Publikation „Textur“, die dieses Jahr zum dritten Mal erscheint, ist heuer dem Briten Terence Davis gewidmet, der für das Drehbuch seines Filmes „Benediction“ erst vor wenigen Wochen in San Sebastian ausgezeichnet wurde. Davis’ Filmschaffen ist ein Schwerpunkt gewidmet, vor allem aber wird sein neuer Film gezeigt: „Benediction“ handelt vom Leben des Dichters Siegfried Sassoon und von dem Mut, mit dem dieser als Veteran dem in seinen Augen sinnlos ausgedehnten Ersten Weltkrieg entgegentrat.

Mehr noch als auf seine dichterische und politische Arbeit konzentriert sich Davis aber auf Sassoons turbulentes Intimleben zwischen unterschiedlichen Liebhabern und einer Vernunftehe. Davis ist heuer für den Viennale-Trailer „But why?“ verantwortlich, der im Rahmen der Dreharbeiten zu „Benediction“ am Set und mit dem Darsteller des alternden Sassoon entstanden ist.

Freiheit und Zuversicht

Unter den österreichischen Filmen im Programm unbedingt hervorzuheben ist „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, soeben ausgewählt als Oscar-Einreichung, über einen von Franz Rogowski verkörperten Mann, der aufgrund von Verstößen gegen den Paragrafen 175, der homosexuelle Handlungen verbietet, im Laufe der Jahrzehnte immer wieder im Gefängnis landet. Es ist ein zärtlicher, machtvoller Film, der von der Unbedingtheit von Liebe handelt und auf die richtige Art traurig und zornig macht.

Tröstlich angesichts des Zustandes der Welt ist dafür Maria Speths in Berlin ausgezeichnete Doku „Herr Bachmann und seine Klasse“ über einen engagierten Lehrer, der Kinder mit etwa einem Dutzend unterschiedlichen Muttersprachen unterrichtet und dabei Zeitgeschichte, Vorurteile und eigene Fehler furchtlos anspricht. Der Film vermittelt auf eine Weise Zuversicht, ohne die die Welt nicht fortbestehen kann, und ist womöglich einer der wichtigsten Filme, die diese Viennale zeigen kann.