Szene aus dem Film „Große Freiheit“
Freibeuter Film
„Große Freiheit“

Verbotene Liebe hinter Gittern

Mit dem bereits vielfach ausgezeichneten Gefängnisfilm „Große Freiheit“ geht Österreich dieses Jahr ins Rennen um die Oscars. Regisseur Sebastian Meise gelingt damit die aufwühlende Schilderung eines wichtigen Kapitels schwuler Zeitgeschichte. Die Viennale zeigt Franz Rogowski und Georg Friedrich als innige Verbündete hinter Gittern am Freitag und Samstag, österreichweit startet der Film am 19. November.

Mehrere Minuten lang dauern die Super-8-Aufnahmen am Beginn des Films, auf denen Männer zu sehen sind, in einem öffentlichen Klo, küssend, einander umarmend. Einer zieht einen anderen in eine Kabine, später sieht man denselben noch einmal, mit einem anderen Mann. Es ist das Jahr 1968, das Klo ist irgendwo in Westdeutschland, und was diese Männer miteinander tun, ist bei Gefängnisstrafe verboten. Nicht weil irgendjemandem dabei Schaden entsteht, nein, weil das Gesetz es so vorsieht.

Im ersten Moment wirken diese Aufnahmen wie komplizenhafter Voyeurismus. Doch es war die Sittenpolizei, die einen Kameramann hinter einen halbdurchlässigen Spionspiegel positioniert hat, um Beweise gegen Gesetzesbrecher zu sammeln. Vor Gericht ist der Fall rasch erledigt: „Widernatürliche Unzucht nach Paragraph 175, Berühren des fremden Penis, wechselseitige Onanie, Fellatio aktiv, Fellatio passiv. Kein Dementi. 24 Monate, unbedingt.“

Zwei Jahre Gefängnisstrafe für Sex unter zwei Erwachsenen in beiderseitigem Einverständnis werfen die Frage auf: Wer ist hier eigentlich „pervers“, der Homosexuelle oder die Gesetze, denen er unterworfen ist? „Große Freiheit“ erzählt die Biografie des schwulen Hans Hoffmann (gespielt von Rogowski) entlang der Gefängnisaufenthalte nach, zu denen er im Laufe seines Erwachsenenlebens verurteilt wird, weil er Männer liebt und weil die Gesellschaft sein Sosein unter Strafe stellt.

Ein Wiederholungstäter und ein Lebenslänglicher

Im Gefängnis trifft der Wiederholungsliebende Hans immer wieder auf Viktor (Friedrich), der lebenslang sitzt, weil er einen Mord begangen hat. Als sie zum ersten Mal im Frühsommer 1945 eine Zelle teilen, verprügelt Viktor den schmalen Hans noch fast, mit einem „175er“ wie ihm will er nichts zu tun haben. Aber dann bemerkt er die tätowierte Nummer auf Hans’ Unterarm, die von einer anderen Haft erzählt.

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Szene aus dem Film „Große Freiheit“
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Hans (Franz Rogowski, links) im gefährdeten Glück
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In Viktor (Georg Friedrich, r.) findet Hans seinen einzigen Verbündeten
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Ohne Mitgefühl ist es hinter Gittern nicht zu ertragen
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Immer wieder landet Hans in finsterer Einzelhaft – und erinnert sich an Zeiten der Freiheit
Szene aus dem Film „Große Freiheit“
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Friedrich ist als Viktor in einer selten zärtlichen Rolle zu sehen

„Willst, dass ich dir da was drüberpeck?“, fragt Viktor, der Hobbytätowierer. Die Frage geht unter die Haut und besiegelt die Sympathie zwischen den Zellengenossen. Drei Jahre zuvor wurde Hans beim einvernehmlichem Sex mit einem anderen Mann erwischt und ins Konzentrationslager deportiert. Nun, nach Kriegsende, muss er den Rest seiner Strafe absitzen, von den Alliierten befreit und direkt ins Gefängnis überstellt. Nicht nur die Nazis hassen Schwule.

Filmhinweis

„Große Freiheit“ wird im Rahmen der Viennale am 29.10. um 20.15 Uhr im Gartenbaukino und am 30.10. um 15.15 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus gezeigt, in Anwesenheit von Regisseur Sebastian Meise und Teilen des Filmteams. Österreichweiter Filmstart ist der 19.11.2021.

Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, von der „Große Freiheit“ handelt, intim fotografiert und in drei ineinander verschobenen Zeitebenen inszeniert, die sich immer dann aufblättern, wenn Hans wieder ins „Loch“, also in Isolationshaft, gesteckt wird. Das Gefängnis ist unvermeidliche Zwischenstation in fast jeder seiner Liebesbeziehungen, die große Freiheit, von der dieser Hans Hoffmann träumt, ist für ihn nur im Kopf und im Herzen möglich.

Nur in Erinnerungen blüht sie auf, etwa in der Liebe zu Oskar (dargestellt von „Hochwald“-Filmpreisträger Thomas Prenn), mit dem er eine innige Zeit erlebt, heimlich verliebt in Wäldern und am Badesee, bis beide erwischt und verurteilt werden. Hans hat schon Erfahrung mit der Haft, Oskar zerbricht daran.

Ein System löst das andere ab

Hans’ jahrzehntelange Bekanntschaft mit und schließlich Freundschaft zu Viktor wird für ihn zur tröstlichen Konstante an diesem bösen Ort. Friedrich spielt diesen Viktor mit einer Ernsthaftigkeit und Zärtlichkeit, für die er in seinen Rollen nur selten Gelegenheit bekommt. Und irgendwann kommt der Moment, in dem Hans Viktor helfen muss, der in den Jahrzehnten hinter Gittern drogensüchtig geworden ist und weiß, wenn er nicht rauskommt, ist es bald mit ihm vorbei.

Regisseur Sebastian Meise
Elsa Okazaki
Sebastian Meise wird seinen Film bei der Viennale persönlich vorstellen

Der gebürtige Kitzbüheler Meise hat sich bei seinem Drehbuch an keinem konkreten Einzelschicksal orientiert. Was die zeitgeschichtlichen Umstände betrifft, sind seine Recherchen präzis, von den Überwachungsaufnahmen am Beginn des Films bis zu den Haftbedingungen. Vor allem aber die Praxis, KZ-Häftlinge mit dem „rosa Winkel“ – dem Symbol für Homosexuelle, das auf der KZ-Häftlingskleidung getragen werden musste – ihre Haft auch nach Befreiung aus dem Lager im Gefängnis weiter abbüßen zu lassen, thematisiert er: „Für ihn hat sich nichts verändert“, so Meise über seinen Protagonisten: „Ein System hat das andere abgelöst, und er ist immer noch illegal.“

„Inhuman und verfassungswidrig“

„Mir ist völlig schleierhaft, wie man Liebe kriminalisieren kann. Der Paragraf 175 war nicht nur inhuman, sondern auch verfassungswidrig“, so Meise weiter. „Der Staat wollte über Jahrzehnte hinweg nicht einsehen, dass er gegen diejenigen Menschenrechte verstoßen hatte, die er eigentlich verteidigen sollte. Diese Geisteshaltung spüren queere Menschen nicht selten auch heute noch.“ Erst 1969 wurde Homosexualität endlich entkriminalisiert, bis dahin waren die Leben Hunderttausender Männer längst ruiniert.

„Große Freiheit“ erzählt anhand der Freundschaft, vielleicht sogar Liebe zwischen Hans und Viktor ein fundamentales Kapitel deutscher queerer Geschichte und Zeitgeschichte nach, das in Österreich gar nicht so sehr anders abgelaufen ist und an vielen Orten der Welt nach wie vor unerträglicher Alltag ist. Nach der Premiere in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ wurde der Film mit dem Jurypreis ausgezeichnet, für die Oscars wurde er inzwischen als heimische Einsendung ausgewählt.