Szene aus dem Film „All Light, Everywhere“
Viennale
59. Ausgabe

Rückschau auf die Viennale

Die 59. Ausgabe des größten österreichischen Filmfestivals hielt einiges bereit: Ein wieder Instand gesetztes Gartenbaukino, eine durchaus vorteilhafte Verknappung auf elf Spieltage, ein Programm, dem Festivalleiterin Eva Sangiorgi durchaus subversives Potential zuschrieb und eine Rückkehr der sozialen Bedeutung des Festivalgefühls. Und auch internationale Gäste fanden endlich wieder ihren Weg nach Wien.

Nach der ersten Pandemie-Ausgabe, die im vergangenen Jahr verkürzt und ohne viel Austausch auskommen musste, waren sie wieder da: Die Filmstars folgten dem Ruf der Viennale und bereicherten das Festivalgeschehen mit Glamour und Filmgesprächen. So war etwa neben Matt Dillon, der bei der Präsentation von Shirin Neshats surreal politischem „Land of Dreams“ dabei war, auch die gut gelaunte und rüstige britische Regielegende Terence Davis zugegen, der man dieses Jahr eine umfassende Retrospektive widmete. Mehr als nur Bühne für die dichte Filmfestzeit war das renovierte und im alten Glanz erstrahlende Gartenbaukino: tres chic!

Mia Hansen-Love stellte ihren cineastisch-reflexiven Beziehungsfilm „Bergmann Island“ vor und auch die österreichischen Erfolgsfilme der Ausgabe wurden von ihren Machern dem Publikum präsentiert. Herauszuheben ist dabei Sebastian Meises „Große Freiheit“, jenes Gefängnisdrama um die Kontinuität der Verfolgung und Diskriminierung Homosexueller von den Nazis bis in die jüngere Vergangenheit, das schon in Cannes bei der Schiene Un Certain Regard abräumte.

Szene aus „Große Freiheit“
Viennale
Franz Rogowski und Georg Friedrich brillier in „Große Freiheit“

Von der österreichischen Oscareinreichung wird man auch international noch einiges hören, so einhellig begeistert zeigte sich das Viennale-Publikum, dass es fast niemanden überraschte, als „Große Freiheit“ auch noch zwei der Preise des Festivals zugesprochen bekam. Als heimischer Überraschungsfilm entpuppte sich „Beatrix“ der beiden Nachwuchsregisseurinnen Milena Czernovsky und Lilith Kraxner, der schließlich den Spezialpreis der Jury gewann.

Subversion und Sinnsuche

Die Viennale sei auch dazu da, um an Kino als subversive Kunst zu erinnern, sagte Festivalleiterin Sangiorgi bereits bei der Programmpräsentation. Dass war einerseits als Hommage an den legendären Filmkurator Amos Vogel gemeint, der dieses Jahr 100 Jahre als geworden wäre und mit einem Spezialprogramm am Festival geehrt wurde. Andererseits war das durchaus als Ansage für das kommende Programm gedacht. Bereits der Eröffnungsfilm, Audrey Diwans Abtreibungsdrama „L’ evenement“ lotete eine Facette der „Subversion“ aus, indem er das geladene und traditionell eher gesetzte Eröffnungspublikum mehr aufwühlte und herausforderte als nur unterhielt.

Die Viennale hielt dabei auch im folgenden einiges mit politischer Sprengkraft bereit: Neben „Land of Dreams“ etwa Maria Speths Doku „Herr Bachmann und seine Klasse“ , die durchaus an hergebrachten Konzepten der Bildungsinstitution Schulde zu rütteln vermochte, der wütende Film „Haberech“, über die Ungereimtheiten israelischer (Kultur)politik, Jean-Gabriel Periots schlauen Filmessay „Retour a Reims (Fragments)“, der Didier Eribons Kultbuch bis in die unmittelbare Vergangenheit der Gelbwestenproteste ausarbeitet und die semidokumentarische Netflixproduktion „Pelicula de Policias“, die Korruption innerhalb Mexiko-Stadts Polizeiapparat schmerzhaft logische erscheinen lässt.

Dazwischen die Perlen des Filmjahres

Am Ende stand dann mit „The Worst Person in the World“ ein empfehlenswerter Film rund um Liebe und Sinnsuche mit 30. Zwischen diesen Polen – Subversion und Sinnsuche – streute die Viennale wie gewohnt den 58.000 Besuchern die Perlen des Filmjahres. Etliche der großen Filme, wie Leos Carax episch-düstere Interpretation des Musicalformats „Annette“, Jane Campions nur Cowboydrama „Power of the Dog“, Pablo Larrains Biopic „Spencer“ über Diana, die sich in den Weihnachtstagen 1992 endgültig vom britischen Hof lossagt und Apichatpong Weerasethakul mysteriöser und fast nur psychoanalytisch zu deutender „Memoria“ mit Tilda Swinton garantierten packende Stunden vor der großen Leinwand. Wer nicht dabei sein konnte, wird ab Kinostart noch reichlich Gelegenheit dazu haben.

Filmszene aus „Power of the dog“
Viennale/Netflix/Kirsty Griffin
Benedict Cumberbatch gibt in „Power of the Dog“ den Ton an

Die Viennale bringt aber auch immer viele kleinere Filme näher, denen man daraufhin die Daumen für einen österreichischen Kinostart drückt, nur um sie noch einmal erleben zu können: „Marx puo aspettare“ die tiefgründige Aufarbeitung eines Familientraumas und so etwas wie die filmische Lebensbeichte des italienischen Altmeisters Marco Bellocchio ist ein solcher Film. Genauso wie „Il Buco“, die ohne Dialog auskommende Meditation über eine Gruppe von Höhlenforschern von Michelangelo Frammartino und Celine Sciammas kurzer aber technisch und erzählerisch meisterhafter „Petite Maman“ über eine Mutter-Tochter-Beziehung. Ebenso einen baldigen Kinostart wünscht man Ryusuke Hamaguchi dreistündiger Adaption der Kurzgeschichte „Drive My Car“ von Haruki Murakami.

Branchenfest und Brodeln im Hintergrund

Neben all dem großen und kleinen Filmen, den Stars und dem Kinoerlebnissen, wurde die Viennale mit der diesjährigen Ausgabe wieder zum sozialen Ort. Wesentlich beigetragen hat dazu die Viennalebar, in der auch Jedermann-Mime Lars Eidinger und am Abschlussabend das austro-brasilianische Techno-Djane-Wunder Joyce Muniz an den Reglern und Plattentellern drehten: Mehr als nur ein Fest für die Filmbranche und das Publikum

Party
Viennale/Alexi Pelekanos
Die Viennale wurde 2021 wieder zum ausgelassenen, sozialen Ort – auch wenn es in der Branche gerade hoch hergeht

In der Filmbranche des Landes begann es aber just während der besten Festivallaune lautstark zu rumoren: 42 Filmschaffende traten aus dem Verband Filmregie Österreich. Die Mehrheit der Ausgetretenen sind Frauen, darunter das Who-is-who der heimischen Regisseurinnen, wie etwa Barbara Albert, Ruth Beckermann, Sabine Derflinger, Marie Kreutzer, Elisabeth Scharang, Eva Spreitzhofer oder Mirjam Unger. Hintergrund ist unter anderem die Debatte um eine Geschlechterquote bei der Fördermittelvergabe. Mehr dazu in wien.ORF.at