Stadtansicht von Moskau
Reuters/Maxim Shemetov
Neue Strategie

Russlands heikle Abkehr vom Dollar

Russland will weg vom US-Dollar. Mit einer neuen Strategie soll das Land unter den Vorzeichen weiterer Sanktionen unabhängiger von den USA und deren Währung werden. Die Alternativen: Rubel, Yuan, Euro und Gold. Doch Stolpersteine pflastern den Weg zum „Dollar-Ausstieg“ – allen voran die wirtschaftliche russische Abhängigkeit von Rohstoffen und Erdöl.

Der US-Dollar ist in der Weltwirtschaft als Leitwährung nach wie vor das Maß aller Dinge – eine Dominanz, die auch angesichts der aktuellen US-Handelspolitik nicht allen Staaten gefällt. Russland treibt nun seine Strategie für eine größere Unabhängigkeit voran. Vor einigen Wochen stellte Andrej Kostin, Chef der größten russischen Außenhandelsbank VTB, einen Plan zur „Dedollarisierung“ vor. Der sieht hauptsächlich einen einfacheren und verstärkten Einsatz des Rubels und von Fremdwährungen wie dem chinesischen Yuan und Euro bei internationalen Geschäften vor.

Unterstützt wird der „Kostin-Plan“ von der Regierung, der Zentralbank und auch dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der mehr „wirtschaftliche Souveränität“ seines Landes erreichen will. Diese Woche teilte die Regierung mit, man arbeite daran, die „Abhängigkeit der Wirtschaft von der amerikanischen Währung zu reduzieren“ und den Einsatz von Fremdwährungen zu stärken. Es gebe aber keine Pläne für eine Restriktion von Dollar-Geschäften, der Zirkulation von Dollar oder ähnlichen Maßnahmen. Diese wären „eine Sackgasse“.

Gold statt US-Staatsanleihen

Doch die „Dedollarisierung“ wird faktisch vorangetrieben: Bereits in den vergangenen Monaten verkaufte Russland überraschend einen Großteil seiner US-Staatsanleihen. Allein zwischen Mai und April schrumpften diese laut dem Finanzdienstleister Bloomberg um über 80 Prozent auf 14,9 Milliarden Dollar – der Bestand ist damit so niedrig wie zuletzt 2007. Im August kündigte Finanzminister Anton Siluanow an, russische Investitionen in die USA und US-Wertpapiere weiter abbauen zu wollen.

Stattdessen kauft Russland im großen Stil Gold. Seit 2007 lässt sich ein steiler und stetiger Anstieg der russischen Goldreserven beobachten. Laut dem World Gold Council lag der russische Goldbesitz im ersten Quartal 2007 noch bei 400 Tonnen, mittlerweile sind es 1.944 Tonnen. Die russische Notenbankgouverneurin Elwira Nabiullina begründete den „Goldrausch“ mit einer Diversifizierung der Reserven. Doch dass das Edelmetall staatenlos ist, dürfte wohl der Hauptgrund sein.

Grafik zeigt die Entwicklung der russischen Goldreserven
Grafik: ORF.at; Quelle: IMF International Financial Statistics, World Gold Council

Der Dollar ist aber nach wie vor omnipräsent. Laut der russischen Zentralbank verliert er vor allem durch einen Anstieg der Geschäfte mit China und anderen asiatischen Staaten in der russischen Wirtschaft zwar an Bedeutung – das aber nur langsam.

Die US-Währung ist bei Geschäften mit dem Ausland und auch bei Fremdkapital in Russland nach wie vor die mit Abstand wichtigste Währung. Auch russische Privatleute und Unternehmen setzen aufgrund des instabilen Rubels nach wie vor auf die US-Währung. Deswegen dürfte auch die langfristige Umsetzung der „Dedollarisierung“ für Russland kaum einfach werden.

Knackpunkt Energiemarkt

Eines der größten Probleme ist dabei die nach wie vor große wirtschaftliche Abhängigkeit von Rohstoffen, Erdöl und Erdgas, wie etwa „Financial Times“ analysiert. Der stabile Dollar ist auf diesen Gütermärkten die Währung der Wahl. Für Russland kommt verschärfend hinzu, dass westeuropäische Staaten zu den größten und dauerhaften Abnehmern am Energiemarkt gehören – und diese sich kaum auf einen Handel mit dem volatilen Rubel einlassen werden.

Russische Pipeline
Reuters/Vladimir Soldatkin
Fossile Rohstoffe sind nach wie vor das Rückgrat der russischen Wirtschaft

Engere wirtschaftliche Bande mit anderen Staaten, wie etwa China und der Türkei, dürften da Russlands große Hoffnung sein. Dank des Ausbaus der Ostsibirien-Pazifik-Pipeline ist Russland für China bereits jetzt der größte Öllieferant. In China hat man auch tatsächlich Bereitschaft signalisiert, Geschäfte künftig in Yuan oder dem Rubel abzuwickeln. Auch anderweitig will man neue Handelsallianzen schmieden, auch mit Blick auf Chinas Megainfrastrukturprojekt „Neue Seidenstraße“ (Belt and Road), das stark am Transitland Russland hängt.

Bei einem Treffen zwischen Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping Mitte September sagte der russische Präsident, er hoffe auf ein jährliches Handelswachstum mit China um 30 Prozent. Heuer solle ein Volumen von bis zu 100 Milliarden Dollar erzielt werden. Xi, dessen Land sich in einem erbitterten Handelsstreit mit den USA befindet, rief Moskau unterdessen dazu auf, gemeinsam dem Protektionismus die Stirn zu bieten. Die beiden Länder müssten sich vereint einseitigen Vorstößen bei internationalen Problemen entgegenstellen, sagte Xi.

Trump im Nacken

Xi bezog sich damit auf die aggressive Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump. Und auch Russlands Vorstöße zur „Dedollarisierung“ spielen sich vor dem Hintergrund weiterer drohender US-Sanktionen gegen Russland ab. Im April hatte die US-Regierung ihre bisher schärfsten Strafmaßnahmen verhängt. Dabei wurden zahlreiche große russische Unternehmen vom Dollar abgeschnitten, zudem wurde ihnen das Geschäft mit dem US-Markt untersagt. Unter ihnen befanden sich auch die russische Aluminiumindustrie und das weit verzweigte Wirtschaftsimperium des Oligarchen Oleg Deripaska.

Russlands Präsident Vladimir Putin und der chinesische Präsident Xi Jinping
AP/Mikhail Metzel
Neue Allianzen: Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte erst im September das Verhältnis zwischen den USA und Russland als „zutiefst vergiftet“ bezeichnet. Die USA begründeten die Sanktionen im April mit „andauernden und immer dreisteren boshaften Aktivitäten der russischen Regierung überall in der Welt“. Laut Fachleuten setzen die Sanktionen der russischen Wirtschaft jedenfalls erheblich zu. Das kommt zur Unzeit: Das Bruttoinlandsprodukt Russlands war 2017 mit 1,5 Prozent erstmals nach zwei Jahren Rezession wieder gewachsen.

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