Pastor Andrew Craig Brunson
APA/AFP
Streit auf höchster Ebene

Türkei lässt US-Pastor frei

Nach einem schweren Zerwürfnis mit den USA kommt der seit rund zwei Jahren in der Türkei festgehaltene US-Pastor Andrew Brunson frei. Letzter Auslöser war ein bizarrer Auftritt von Zeugen. Ankara hofft, dass die Entscheidung die Wirtschaftskrise lindert.

Ein Gericht im westtürkischen Izmir ordnete am Freitag die Aufhebung des Hausarrests für Brunson an, wie ein Reporter der dpa im Gerichtssaal bestätigte. Auch die Ausreisesperre wurde aufgehoben. Brunson kann nun in die USA fliegen. Die gleichzeitig verordnete Haftstrafe von drei Jahren, einem Monat und 15 Tagen muss er damit nicht antreten. Außerdem wird laut türkischen Medienberichten die bereits in Haft verbrachte Zeit angerechnet.

Brunson reiste noch am Abend aus und flog nach Deutschland. US-Präsident Donald Trump – derzeit mitten im Wahlkampf für die Zwischenwahlen Anfang November – kündigte an, Brunson am Samstag im Weißen Haus zu empfangen. Mit der Freilassung kann Trump bei einer seiner wichtigsten Wählergruppen, den Evangelikalen, punkten. Mit Brunsons Freilassung ist zugleich ein großer Schritt zur Entspannung der Beziehungen zwischen Washington und Ankara getan.

Hoffen auf Aufatmen in Währungskrise

Für die Türkei ist die Entscheidung zugleich eine gesichtswahrende und praktische Lösung für einen Konflikt, der das Land in eine schwere Währungskrise gestürzt hatte. Die Entscheidung dürfte das durch den Streit schwer erschütterte Vertrauen der internationalen Investoren und Märkte teilweise wiederherstellen und der angeschlagenen türkischen Wirtschaft ein Stück weit wieder auf die Beine helfen.

Ehefrau des Pastors Andrew Craig Brunson
AP/Emre Tazegul
Norine Brunson, die Frau des Pastors, auf dem Weg zur entscheidenden Gerichtsverhandlung

Der Fall Brunson hatte ein schweres Zerwürfnis zwischen Washington und Ankara ausgelöst. Um die Freilassung des Pastors zu erreichen, hatte US-Präsident Donald Trump im August Sanktionen und Strafzölle verhängt, die Türkei reagierte mit Gegenmaßnahmen. Die türkische Lira brach daraufhin auf historische Tiefstände ein, die Währungskrise dauert auch Wochen später noch an. Auf die Entscheidung des Gerichts reagierte die Lira sofort mit einem Ausschlag nach oben.

Bizarrer Auftritt von Zeugen

Während des international mit Spannung verfolgten Gerichtstermins waren zentrale Zeugenaussagen in sich zusammengefallen. Wie die Zeitung „Hürriyet“ am Freitag berichtete, zogen insgesamt drei Zeugen Aussagen zurück. Ein Zeuge zum Beispiel widerrief die Behauptung, dass ein syrisches Mitglied von Brunsons Kirchengemeinde Bomben für Terrorangriffe gebaut habe.

Ein dpa-Reporter im Gerichtssaal berichtete, wie sich Zeugen der Anklage in einem nachgerade bizarren Austausch gegenseitig widersprachen. Ein per Videoleitung zugeschalteter Zeuge sagte zunächst, er habe von zwei weiteren Zeugen gehört, dass in Brunsons Kirche Mitglieder der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und Anhänger der Gülen-Bewegung ein- und ausgegangen seien. Sowohl die PKK als auch die Gülenisten gelten in der Türkei als Terroristen. Die betreffenden Zeugen gaben jedoch kurze Zeit später zu Protokoll, dass sie das doch wiederum selbst von dem ersten Zeugen gehört hätten.

Auto mit dem Pastor Andrew Craig Brunson
Reuters/Umit Bektas
Das Auto mit dem Pastor vor dem Gefängnis

USA erhöhten Druck auf NATO-Partner

Die USA hatten zuletzt den Druck auf die Türkei immer wieder erhöht und betont, wie wichtig Brunsons Freilassung für die US-türkischen Beziehungen sei. US-Außenminister Mike Pompeo hatte in der Nacht auf Donnerstag der Türkei erneut dringend angeraten, Brunson nach Hause zu schicken. Der US-Sender NBC berichtete einen Tag vor der Fortsetzung des Prozesses von einer geheimen Einigung zur Freilassung des Pastors – Washington bestätigte das jedoch nicht.

Der 50-Jährige Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in der Türkei. Er war Pastor an einer evangelikalen Kirche in der Küstenmetropole Izmir, als er wenige Monate nach dem Putschversuch vom Juli 2016 in der Türkei festgenommen und dann im Dezember desselben Jahres in Untersuchungshaft genommen wurde. Ende Juli wurde er wegen Gesundheitsproblemen in den Hausarrest entlassen.

Vorwurf, er habe Gülen unterstützt

Konkret wurde dem US-Pastor Unterstützung der PKK und der Bewegung um den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen, den die türkische Führung für den Putschversuch verantwortlich macht. Die Staatsanwaltschaft warf Brunson zudem Spionage vor und hatte zunächst bis zu 35 Jahre Haft für ihn gefordert.

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