Waldheims Pferd im Haus der Geschichte Österreich
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Haus der Geschichte

Mit Übergepäck Richtung Zukunft

Am 10. November wird das wohl meistdiskutierte und gleichzeitig meistherbeigesehnte Museum der Nation eröffnet: Das Haus der Geschichte Österreich will mit seiner ersten Ausstellung zeigen, wie ein „modernes Geschichtsmuseum“ geht.

Man hätte es fast nicht mehr für möglich gehalten: Nach knapp 100 Jahren, zahlreichen Anläufen und einem Berg von Konzeptentwürfen, der wahrscheinlich selbst ein ganzes Haus füllen würde, hat Österreich ein Haus der Geschichte (HdGÖ). 1919 hatte man eine „Geschichtekammer“ diskutiert, 1945 ein „Museum der Ersten und Zweiten Republik“, ab den 1990er Jahren dann das Haus der Geschichte. Nun gewinnt man den Eindruck, dass es eher eine Geschichtekammer geworden ist. Denn „Haus“ heißt dieses Minimuseum nur im Titel.

Im Gespräch mit dem „kulturMontag“ übte der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der mit der Leitung des wissenschaftlichen Beirats für das Museum betraut worden war, scharfe Kritik wegen des Platzmangels.

Haus der Geschichte als „Aufbruch ins Ungewisse“

Das Haus der Geschichte auf dem Wiener Heldenplatz soll an die historische Verantwortung des Landes erinnern.

Viel Aufregung über wenig Museum

Denn letztlich sind es lediglich 800 Quadratmeter geworden: zwei Räume in der Neuen Burg, angedockt an die Nationalbibliothek (ÖNB). Verworfen wurde die Idee, die Sammlung alter Musikinstrumente auszuquartieren, verworfen auch die Verwendung des desolaten „Hitler-Balkons“ – eine Sanierung hätte 1,1 Millionen Euro, also beinahe das Jahresbudget des Hauses, gekostet. Die lange Vorlaufzeit zeigt: Ein Zeitgeschichtemuseum ist ein echtes Politikum – auf dem Spiel steht die Frage, was Österreich war, und damit, was es heute ist.

Besucher im Haus der Geschichte
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Mit der Eröffnungsausstellung „Aufbruch ins Ungewisse – Österreich seit 1918“ öffnet das Haus der Geschichte Österreichs seine Pforten für die Öffentlichkeit
Außenansicht des Haus der Geschichte Österreich
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Das Museum befindet sich im Gebäudekomplex der Wiener Hofburg – konkret ist das Haus der Geschichte über den Eingang der Nationalbibliothek erreichbar
Eingang zum Haus der Geschichte
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Die Eröffnung erfolgt pünktlich zum 100. Geburtstag der Republik am 10. November
Johanna Rachinger (Österreichische Nationalbibliothek) und Monika Sommer (Direktorin Haus der Geschichte)
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Museumsdirektorin Monika Sommer und Nationalbibliothek-Chefin Johanna Rachinger bei der Pressekonferenz am Mittwoch
Besucher im Haus der Geschichte
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Die Eröffnungsausstellung umfasst 1.905 Objekte – zu sehen auf 750 Quadratmetern
Altbundespräsident Heinz Fischer und Oliver Rathkolb im Haus der Geschichte
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Der Historiker Oliver Rathkolb und Altbundespräsident Heinz Fischer bei der Eröffnungspressekonferenz
Entwurf des österreichischen Staatsvertrags im Haus der Geschichte
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Eines der Ausstellungsstücke: Der Entwurf des Staatsvertrags
Besucher im Haus der Geschichte
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Erinnert wird auch an Österreichs langes Festhalten an der Opferrolle
Waldheims Pferd im Haus der Geschichte Österreich
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Zum Themencluster „Diktatur, NS-Terror, Erinnerung“ gehört auch Alfred Hrdlickas legendäres Waldheim-Holzpferd
Tagebuch von Sigmund Freud im Haus der Geschichte
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Eine der vielen Leihgaben des Hauses: Das Tagebuch von Sigmund Freud
Besucher im Haus der Geschichte
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Die Museumsmacher standen vor der schwierigen Aufgabe, ein Jahrhundert Zeitgeschichte auf 750 Quadratmetern anschaulich darzustellen
Besucher im Haus der Geschichte
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Angesichts der dicht gefüllten Ausstellungsräume wird Besuchern geraten, ausreichend Zeit mitzunehmen

Das im Kern heikle Unterfangen haben die Direktorin Monika Sommer und ihr Team grundsätzlich bravourös gelöst. In ihrem Haus der Geschichte weht der Geist einer pluralen Gesellschaft, hier spielt nicht nur das Erinnern, sondern auch die Erinnerungskultur selbst eine Rolle. Selbstgeißelung und Selbstbeweihräucherung sind nicht das Thema. „Es gibt nicht mehr die eine Sichtweise auf Geschichte, und das können wir als Museum des 21. Jahrhunderts auch thematisieren“, erklärte Sommer ihren Zugang im Gespräch mit ORF.at. Die Institution soll sich damit von den Vorbildern des 19. Jahrhunderts abheben.

Hinweis für Besucher

Haus der Geschichte Österreich in der Österreichischen Nationalbibliothek. Standort: Neue Burg, Heldenplatz, Wien

Eröffnungsfest am 10. November am Heldenplatz, 13.00 bis 21.00 Uhr mit zahlreichen Konzerten. Eröffnungswochenende bei freiem Eintritt: 10. November 2018, 11.00 bis 21.00 Uhr; 11. November 2018, 10.00 bis 18.00 Uhr; 12. November 2018, 10.00 bis 18.00 Uhr

Öffnungszeiten ab 13.11.2018: dienstags bis sonntags 10.00 – 18.00 Uhr; donnerstags 10.00 bis 21.00 Uhr

„Meilenstein für Museumslandschaft“

Museumsdirektorin Sommer bezeichnete das neue Museum am Mittwoch bei einer Pressekonferenz als „Meilenstein für die österreichische Museumslandschaft“. Eröffnet werde ein „Museum des 21. Jahrhunderts, das sich als Diskussionsforum verstehe“. Mit „so weit waren wir noch nie“ verwies Sommer dann auch auf das jahrelange Tauziehen, welches das Museumsprojekt begleitete.

Auch ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger verwies bei der Pressekonferenz auf die „schwierigen Rahmenbedingungen“ und zeigte sich nun über den „Etappensieg“ erfreut. Rachinger zufolge wurde das Haus der Geschichte „in Rekordzeit“ geschaffen, Sommer verdiene dafür „Respekt und Hochachtung“. Worte des Dankes richtete Rachinger auch an Rathkolb, der „von Anfang an ein engagierter Kämpfer für das Haus der Geschichte“ gewesen sei.

Auch wenn das HdGÖ nach den Plänen von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) künftig von der ÖNB losgelöst und näher ans Parlament angedockt werden soll, freute sich Rachinger darüber, „dass wir Geburtshelfer sein konnten“. Sommer verwies schließlich auf die in Themenschwerpunkte gegliederte Eröffnungsausstellung, die „einen Schlüssel zum Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen“ biete.

„Geschichte wird gemacht“

Konkret umgesetzt heißt das: Hier wird keiner chronologischen Erzählung gefolgt, sondern ein dichter Themenparcours lädt zum „Aufbruch ins Ungewisse“ ein. Vorne die Wirtschaft, rechts an der Wand die Hard Facts der österreichischen EU-Geschichte, dann der Block „Diktatur und NS-Terror“, gefolgt von österreichischen Identitätsdebatten und Ereignissen aus der jüngeren Sportgeschichte – und vielem mehr. Packt man das Museum in Schlagworte, dann so: Vielfalt statt Verdichtung, Information statt – um es mit einem museologischen Vokabel zu sagen – Immersion.

Was das HdGÖ mit Sicherheit nicht ist, ist eine Geschichtserlebniswelt, die die Gräuel des Nationalsozialismus etwa in düstere Räume hüllt oder den „Triumph der Moderne“ hell erstrahlen lässt. Hier präsentiert sich eine stupende Materialflut in einer Ausstellungsarchitektur im Schachtelformat, durchaus mit sympathischen Charakter.

Freud hat die „Panik mitgemacht“

Gleich im ersten Raum findet sich eine Videoinstallation zur Revolution von 1918. Zwei Filmclips werden auf ein Gerüst projiziert. Das gelungene Display vermittelt, dass die Ereignisse auch ganz anders hätten ausgehen können, „die Zukunft war offen für diese junge Republik“, so Direktorin Sommer. Das vielleicht spannendste Objekt in diesem Zusammenhang ist das Tagebuch von Sigmund Freud, in dem der sonst so kühle Analytiker im November 1918 schreibt: „Republik u Anschluss an Deutschland – Panik mitgemacht“ – eine der vielen Leihgaben des Hauses.

Buchhinweis

Als erste Publikation des Hauses der Geschichte ist das Buch „100 x Österreich“ erschienen mit Essays zu 100 Stichworten.

Monika Sommer, Heidemarie Uhl und Klaus Zeyringer (Hg.): 100 x Österreich. Kremayr & Scheriau, 400 Seiten, 29,90 Euro.

Haus ohne Sammlung

Ein Problem des HdGÖ war von Anfang an, dass es keine Sammlung gab, auf die man zurückgreifen konnte: Woher also die Objekte nehmen? Was ausstellen außer Zettelwerk und ein paar Fotografien? Dank der Kooperation mit 70 Institutionen und privaten Leihgebern hat man diese Klippe elegant umschifft. Aus Privatsammlungen kommt etwa ein berührender Kassiber aus dem KZ Ravensbrück, den die Kommunistin Bertha Grubhofer über den Zaun werfen konnte, oder auch der liebevoll bestickte „Schutzmantel“, den eine Wiener Schulklasse für die österreichische Romni und KZ-Überlebende Ceija Stojka angefertigt hat.

Und da ist außerdem – zur Verfügung gestellt vom Republikanischen Club – Alfred Hrdlickas legendäres Waldheim-Holzpferd, das im Themencluster „Diktatur, NS-Terror, Erinnerung“ alles überragt, im „Herzstück“ der gesamten Schau, wie Sommer sagt. Erstmals in einer historischen Ausstellung in Österreich sei auch der Umgang mit Geschichte ein Thema. Siehe etwa auch die Vitrine zum Staatsvertrag: Hier wird „nicht das fertige, schön versiegelte, wertvolle Objekt“ gezeigt, sondern die Arbeitsversion, in der die Mitschuldklausel wild mit Bleistift durchgestrichen wurde; seither ist Österreich Opfernation.

Haus-der-Geschichte-Direktorin Sommer zu Gast im „kulturMontag“

Monika Sommer, Direktorin des Hauses der Geschichte spricht im „kulturMontag“ unter anderem über die Zukunft des neuen Museums am Wiener Heldenplatz.

„Die Gretchenfrage der Zeitgeschichte“

Von Waldheim über die Causa Borodajkewycz bis hin zur Germania-Liederbuch-Affäre versammelt man rund um das Waldheim-Pferd so einiges, was Österreich früher, beziehungsweise erst kürzlich in Atem hielt – was vor Augen führt, dass womöglich noch immer viel zu tun ist. An dieser Stelle trifft man auch auf den heikelsten historischen Abschnitt der gesamten Ausstellung: das, was Monika Sommer „die aktuelle Gretchenfrage der österreichischen Zeitgeschichte“ nennt. Austrofaschismus? Ständestaat? Kanzlerdiktatur?

Im wissenschaftlichen Beirat des HdGÖ hat man sich auf keinen Begriff einigen können, die Direktorin sprach schließlich ein Machtwort und wählte den Begriff „Dollfuss-Schuschnigg-Diktatur“. Der Historiker- und Parteienstreit ist hier in ein kleines, interaktives Rad gepresst, mit dem man zwischen verschiedenen Begriffen changieren kann. Viel näher wird auf die Debatte jedoch nicht eingegangen.

Fehlender Mut zur Selektion

Die zu geringe Größe des Gebäudes wirkt sich aus. Das Kuratorenteam hat alles vollgepackt, teilweise bis zur Decke hinauf, was dazu führt, dass einiges nur unter großen Verrenkungsleistungen einsehbar ist. Kein Wunder also, dass vieles nur kursorisch abgehandelt wird und wirkliche Vertiefungen nicht stattfinden können. Ein bisschen mehr Mut zur Selektion wäre gut gewesen, auch wenn verständlich ist, dass 100 Jahre österreichische Geschichte schlecht in nur zwei Räume passen.

Pressekonferenz zur Eröffnung des Hauses der Geschichte Österreichs

Die Eröffnung des Hauses der Geschichte sei ein klares Bekenntnis zur Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Republik, so Direktorin Monika Sommer.

Sommer hat mit ihrem Team innerhalb von zwei Jahren viel Gelungenes aus dem Boden gestampft. Sieht man die Schau, scheint das Signal an die Politik klipp und klar: Es braucht mehr Geld und Platz, nicht zuletzt, um, wie Sommer sagt, „internationalen Standards zu genügen“. Den aktuellsten Vorstoß, nämlich das HdGÖ unter dem Namen „Haus der Republik“ ans Parlament anzubinden, sieht Sommer nicht problematisch, sondern als Zeichen eines „klaren politischen Commitments“.

Etwas anders sieht das Zeithistoriker Rathkolb. Schließlich beschäftigt sich das Haus nicht nur mit Österreichs Jahren in der Zweiten Republik, sondern auch dem Austrofaschismus und der Zeit des Nationalsozialismus. Der Name ist streng genommen also nicht korrekt. Der Ausstellungstitel „Aufbruch ins Ungewisse“ passt jedenfalls.

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