Zwei E-Scooter auf der Straße
ORF.at/Christian Öser
„Mikromobilität“

Autoindustrie entdeckt E-Scooter für sich

Der Trend zum E-Scooter ist nicht nur in einigen Stadtverwaltungen momentan heißes Thema: Auch die Autoindustrie will jetzt auf dem Markt für die E-Tretroller mitmischen. So kündigte Ford am Donnerstag den Kauf des Leihscooter-Unternehmens Spin an. Das erfolgversprechende Geschäftsmodell der „Mikromobilität“ verleitet Investoren mittlerweile zu Ausgaben in Höhe von Hunderten Millionen Euro.

Noch im Frühling kündigte der Autopionier an, sich auf Lkws und SUVs konzentrieren zu wollen. Am Donnerstag bestätigte das Unternehmen laut „Financial Times“ den Kauf von Spin, einem von zahlreichen Start-ups, die E-Scooter verleihen. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt.

Ford wolle in das Rennen mit den Marktführern Bird und Lime, die beide auch in Wien verfügbar sind, einsteigen. Bis 2020 sollen auf diesem Weg Tretroller in über hundert verschiedenen Städten verfügbar sein, so der Plan. Sunny Madra, Chef von Ford X, der Ideenschmiede des Unternehmens, sagte der „Financial Times“, dass dazu ein „erhebliches Investment“ in den kommenden 18 Monaten nötig sei.

Zwei E-Scooter auf der Straße
ORF.at/Christian Öser
Momentan sind E-Scooter auch in Wien fixer Teil des Stadtbildes

Vor allem Interesse aus dem Silicon Valley

Denn der Markt für „Mikromobilität“, bei dem es vor allem um jene Strecken geht, die das Auto nicht oder nur mit unnötigem Aufwand abdecken kann, ist mittlerweile ein Milliardengeschäft. Vor allem im Silicon Valley interessiert man sich für den Rollermarkt: Erst im Juli kündigte die Google-Mutter Alphabet an, 300 Mio. US-Dollar (rund 260 Mio. Euro) in den Anbieter Lime investieren zu wollen. Kurz darauf stieg auch Uber in die Investorengruppe für Lime ein.

Damit Ford mithalten kann, könnte es nach Einschätzung der „Financial Times“ wohl Investitionen von „Hunderten Millionen“ Dollar benötigen, um eine Flotte von Rollern zu kaufen, zu warten – und aufzuladen. Für Ford könnte das Geschäft zum jetzigen Zeitpunkt trotzdem Vorteile bringen: Durch den hart umkämpften Markt ist auch die Anzahl verfügbarer E-Scooter geschrumpft, und Spin habe „einen ziemlich guten Vertrag für eine stabile Pipeline von Fahrzeugen“, so Madra.

Roller als Türöffner für autonomes Fahren

Ford erwartet sich von dem Deal offenbar mehr Akzeptanz für fahrerlose Pkws. Ein großer Stolperstein für die Scooter sind nämlich die Zulassungen in den einzelnen Städten, allen voran in den USA. Der Konzern wolle über die Roller die Zusammenarbeit mit den Stadtverwaltungen stärken: „Der Genehmigungsprozess und die anderen Erfahrungen, die wir mit den Rollern sammeln, sind ein Ausblick auf den Prozess bei autonomen Fahrzeugen“, heißt es.

Dass die Scooter-Unternehmen in Milliardenhöhe bewertet werden, spaltet Expertinnen und Experten. Genaue Zahlen und Daten über die Fahrgewohnheiten und die damit verbundenen Kosten gibt es bisher kaum. Damit lässt sich auch nur schwer abschätzen, wie profitabel das Geschäft mit den E-Scootern langfristig ist.

Schätzungen sehen lukratives Geschäftsmodell

Die US-Nachrichtenseite Quartz schätzte im Sommer die Einnahmen für eine einzelne Fahrt mit einem der Roller auf rund drei US-Dollar (rund 2,60 Euro) – nicht eingerechnet sind hier jedoch die Kosten für die Wartung und das Personal, das die Scooter einsammelt, auflädt und wieder aufstellt. Laut dem US-Fernsehsender CNBC bewegen sich auch andere Schätzungen in dieser Größenordnung. Bei größeren Flotten und Präsenz in verschiedenen Städten könnten dadurch entsprechend schnell hohe Summen entstehen.

Kundendaten als wertvolles Gut

In Schätzungen ebenfalls nicht berücksichtigt ist ein anderer Faktor: Denn durch die Nutzung der Roller entsteht eine Unmenge an Daten, die ebenfalls wertvoll sein dürften. Da die Nutzung der E-Scooter an eine App gebunden ist, haben Anbieter eine ideale Basis für die genaue Auswertung ihrer Kundschaft. Ein Blick in die Datenschutzerklärung der Unternehmen zeigt, dass zumindest ein Teil des Geschäftsmodells auch auf den ermittelten Daten basieren muss. In den Vereinbarungen ist eine Weitergabe von Kundendaten an Drittunternehmer ausdrücklich vorgesehen.

Probleme mit E-Scootern in Wien

In Wien gibt es bereits drei Anbieter und mehrere hundert E-Scooter, die per Handy-App an irgendeinem Ort der Stadt ausgeliehen werden können. Schlagzeilen haben sie bisher vor allem durch schwere Unfälle gemacht.

In der EU ist aufgrund der Datenschutzgrundverordnung zwar eine umfassende Anonymisierung vorgesehen, statistisch auswerten lassen sich die Daten dennoch. Bei Bird heißt es etwa: „Von Zeit zu Zeit können wir aggregierte/anonyme Daten über die Nutzung der Dienste weitergeben, z. B. durch Veröffentlichung eines Berichts über die Nutzungstrends. Die Weitergabe dieser Daten ist uneingeschränkt möglich.“

Umfangreiche Datenquelle außerhalb des Pkw

Damit ist „Mikromobilität“ für Investoren nicht nur ein Transportkonzept, sondern auch ein darunterliegendes Geschäftsmodell, das etwa mit herkömmlichen Smartphone-Apps vergleichbar ist. Für die Autoindustrie ist der Einstieg wohl ein logischer nächster Schritt: In modernen Fahrzeugen werden bereits jetzt zahlreiche Daten erfasst, die Wege abseits des Autoverkehrs waren jedoch bisher anderen Unternehmen vorbehalten. Sollte sich der Trend zum E-Scooter in der Stadt fortsetzen, dürfte Ford wohl nicht der letzte klassische Autohersteller sein, der Interesse an den E-Tretrollern bekundet.

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