Die Schneesituation am Freitag, 11. Jänner 2019, im Skigebiet Obertauern
APA/Barbara Gindl
Lawinengefahr

Zeit nach Schneefällen entscheidend

Nach der leichten Wetterentspannung am Freitag ziehen schon die nächsten Schneewolken übers Land. Eine nachhaltige Änderung der Schneesituation ist damit nicht in Sicht, ob sich ein Potenzial für große Katastrophenlawinen entwickelt, hängt aber davon ab, wie sich die Lage nach den Schneefällen entwickelt.

Folgt eine Schönwetterperiode mit leichtem Temperaturanstieg, kann sich der Schnee setzen und würde dann – obwohl in der Masse viel – ein gutes Fundament bieten. Vorerst ist aber wieder mit Neuschnee zu rechnen. Das sagte der Lawinenexperte Peter Höller im Gespräch mit der APA. Von Sonntagnachmittag bis Dienstagvormittag schneit es von Vorarlberg bis in die Obersteiermark und im Bergland Ober- und Niederösterreichs verbreitet, zeitweise intensiv und ohne längere Pausen, wie die ORF-Wetterredaktion am Freitag prognostizierte.

Die Lawinensituation in den Nordalpen verschärft sich damit wieder. In tiefen Lagen wird der Schneefall zeitweise in Regen übergehen. Am Dienstag klingen die Niederschläge ab, und für Mittwoch setzt sich in ganz Österreich zumindest für ein paar Stunden die Sonne durch. Am Donnerstag ziehen allmählich wieder verbreitet dichte Wolken auf und von Vorarlberg bis Oberkärnten kann es zeitweise wieder schneien.

Anfang Jänner statistisch selten

Blickt man in die Statistik, sind große Neuschneezuwächse und kritische Lawinenzyklen Anfang Jänner selten, sagte Höller: „Lediglich 1954 und 1968 gab es Witterungsperioden mit großem Neuschneezuwachs und damit einhergehenden kritischen Lawinensituationen.“ Häufiger ergeben sich derartig prekäre Situationen Ende Jänner, im Februar oder im März. Im langjährigen Durchschnitt etwa in einem Abstand von sechs bis sieben Jahren.

Bernhard Niedermoser, Leiter der ZAMG-Regionalstelle Salzburg und Leiter des Lawinenwarndienstes, zeigt auf einen Bildschirm, der die Niederschlagsmengen anzeigt
APA/Barbara Gindl
ZAMG-Experte Bernhard Niedermoser zeigt auf einem Bildschirm die aktuellen Niederschlagsmengen

Die jüngsten Neuschneemengen haben mancherorts in Summe bereits sehr extreme Werte erreicht. Selbst im klassischen Nordstau oberhalb von etwa 800 Metern kommen sie nur alle 30 bis 100 Jahre vor, sagte Alexander Radlherr von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). „Das gilt vor allem für die Regionen vom Tiroler Unterland über Salzburg bis hin zur Dachstein- und Hochkarregion. Weiter im Westen und Süden sind die Schneemengen auch im Bergland deutlich geringer“, so Radlherr.

„Nicht mit 1999 vergleichbar“

Als Lawinenzyklen definieren Experten Zeiträume, in denen entweder Lawinen zahlreich abgehen oder Lawinenereignisse viele Todesopfer gefordert haben, sagte Höller. Die Situation sei mit dem Katastrophenwinter von Galtür im Jahr 1999 – damals forderte eine Lawinenkatastrophe 31 Todesopfer – nicht vergleichbar. Denn bisher sei vorwiegend das Tiroler Unterland, wo gänzlich andere geografische Bedingungen herrschen, von den massiven Schneefällen betroffen gewesen.

Lawinenunglücksort Galtür am 27. Februar 1999
APA/Hans Klaus Techt
Am 23. Februar 1999 wurde Galtür von einer verheerenden Lawine heimgesucht, die 31 Menschenleben forderte

„Auch mit den jetzt bis Dienstag für den Westen Tirols prognostizierten Schneefällen ist die Menge nicht mit jener aus 1999 vergleichbar“, so Höller. Damals dauerte die Schneefallperiode zudem insgesamt weitaus länger, nämlich von Ende Jänner bis Ende Februar. Man sollte die Situation „nicht kleinreden, aber auch keine Panik verbreiten“.

Zudem habe sich auf dem Gebiet der Schutzbauten einiges getan, was sich auch in der Statistik widerspiegle. Die Zahl der Todesopfer habe sich im Untersuchungszeitraum von 1947 bis 2016 „deutlich“ verringert. Starben im Zeitraum von 1947 bis 1980 noch 41 Prozent aller Toten durch Katastrophenlawinen, waren das in der Spanne von 1981 bis 2016 nur noch neun Prozent. „Die restlichen 91 Prozent der Opfer waren im Bereich der Skitourengeher und Variantenfahrer zu verzeichnen“, so der Experte.

Gefährliche Schneemenge

Ein Problem sei hingegen aktuell, dass viele Hänge über einen längeren Zeitraum nicht abgesprengt werden konnten, sagte Höller: „Da muss man jetzt besonders vorsichtig vorgehen.“ Denn es habe sich gebietsweise sehr viel Schnee angesammelt. Zudem müssten Wintersportler eindringlich davor gewarnt werden, die Situation nicht zu unterschätzen. Die Gefahr sei „unverändert groß“, warnte Höller.

Zwei Männer in Untertauern befreien ein Dach von der Schneelast
APA/Barbara Gindl
Zwei Männer befreien das Dach eines Hauses in Untertauern (Salzburg) von der Schneelast

Problematisch kann es laut ZAMG mit den Schneelasten auf den Gebäudedächern werden. Auf Gebäuden, die nach der aktuellen Norm gebaut sind, lag die Schneelast am Freitag bei 30 bis 40 Prozent der Normschneelasten. Bis Dienstag dürften es den Meteorologen zufolge dann 50 bis 60 Prozent, vereinzelt bis zu 80 Prozent sein.

Anders ist die Situation bei Gebäuden, die nach der niedrigere Werte vorschreibenden Schneelastnorm im Zeitraum 1983 bis 2006 gebaut wurden. Hier können die Normlasten in den schneereichen Regionen überschritten werden, warnte die ZAMG. Speziell bei Flachdächern und Hallen sei Vorsicht geboten. In der Stadt Salzburg wurden indes alle Parks, Friedhöfe und Wälder gesperrt. Die Schneelast auf den Bäumen sei zu groß, so der Magistrat – mehr dazu in salzburg.ORF.at.

Zusammenhang mit Klimawandel fraglich

„Die Schneemengen im Alpenraum schwanken von Jahr zu Jahr stark. Es ist daher schwierig, langfristige Trends herauszufiltern“, sagte Marc Olefs, Leiter der ZAMG-Abteilung für Klimaforschung, zu möglichen Zusammenhängen der aktuellen Situation mit dem Klimawandel. „In tiefen Lagen, unterhalb von etwa 1.500 Meter Seehöhe, sehen wir seit den 1960er Jahren eine langfristige Abnahme der Schneemengen, die vor allem durch die Klimaerwärmung verursacht wird und mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahrzehnten anhält. In Lagen von 1.500 Metern bis ins Hochgebirge könnten die Schneemengen in Zukunft hingegen zunehmen, allerdings gibt es in den Klimamodellen große Unsicherheiten bei den Niederschlagsszenarien.“

ZAMG-Experte zu Schneemengen und Klimawandel

Die momentanen Schneemengen sind zwar ein natürlicher Ausreißer, der aber durch den Klimawandel verschärft wird, erläutert Marc Olefs von der ZAMG im ZIB2-Gespräch.

Ein spannender Aspekt sei die Änderung der Dauer von Großwetterlagen. „Es gibt Anzeichen, dass Wetterlagen länger anhalten. Eine extreme Wetterlage, wie der Nordstau jetzt oder eine Hitzewelle im Sommer, hat somit größere Auswirkungen“, sagte Olefs. „Der Grund für den langsameren Wechsel von Großwetterlagen könnte eine Änderung der Temperaturunterschiede auf der Nordhalbkugel sein. Durch das Schmelzen des arktischen Eises ist der Nord-Süd-Temperaturunterschied geringer geworden. Das wirkt sich auf die Dynamik der Hoch- und Tiefdruckgebiete aus.“ Einzelne Ereignisse wie die aktuelle Schneesituation in den Alpen ließen sich jedoch mit dem aktuellen Wissen nicht direkt mit diesen Mechanismen begründen. Laut Olefs gibt es „noch viel Forschungsbedarf“.

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