Flugzeug Boeing 737 MAX 9
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Boeings 737 Max

Vom Goldesel zum Krisenfall

Das Unglücksmodell 737 Max reißt den US-Konzern Boeing in eine schwere Krise, mittlerweile sind weltweit alle Maschinen des Modells auf dem Boden. Und das dauerhaft: Boeing geht davon aus, dass die Nachbesserung Monate in Anspruch nehmen wird. In der Zwischenzeit hat der Luftfahrtkonzern die Auslieferung der Maschinen gestoppt. Einige Fluglinien wenden sich daher bereits an den europäischen Konkurrenten Airbus.

Die 737 Max hätte für Boeing zum Bestseller werden sollen, nun gerät sie zum größten Problem. Nach dem zweiten Absturz innerhalb kurzer Zeit in Äthiopien am Sonntag stellte ein Land nach dem anderen den Flugbetrieb für das Modell ein. Laut Daten der Website FlightRadar24 sind inzwischen weltweit alle 737-Max-Jets auf dem Boden.

Der Verdacht war aufgekommen, eine fehlerhafte Kontrollsoftware könnte die Ursache der Abstürze sein. Offenbar hatten mehrere Piloten zuvor Probleme gemeldet. Neue Hinweise beim Absturz in Äthiopien deuteten auf Ähnlichkeiten zum Absturz einer Lion-Air-Maschine im Oktober hin, „die genauere Untersuchungen erfordern, ob es möglicherweise eine gemeinsame Ursache gibt“, erklärte die zuständige US-Behörde Federal Aviation Administration (FAA). Boeing hatte bereits Nachbesserungen an der Software angekündigt. Das werde aber mehrere Monate dauern, sagte FAA-Chef Dan Elwell am Donnerstag. Nach dem weltweiten Startverbot setzt Boeing die Auslieferungen der Unglücksmaschinen bis auf Weiteres aus. Das teilte der US-Konzern am Donnerstag mit.

Blackboxes nach Frankreich geschickt

Die beiden Flugschreiber der 737 Max 8 der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines sollen nun in Frankreich ausgewertet werden. Sie wurden bereits der französischen Luftsicherheitsbehörde Bureau d’Enquetes et d’Analyses (BEA) übermittelt. Die BEA erklärte via Twitter, die äthiopischen Behörden hätten bei der Untersuchung um Unterstützung gebeten. Für gewöhnlich werden die Flugschreiber nach Unglücken ins Land des Flugzeugherstellers geschickt, was in diesem Fall die USA gewesen wären.

Blaxboxes können bei der Aufklärung eines Flugzeugabsturzes entscheidend helfen. Dabei handelt es sich um einen Flugdatenschreiber und einen Stimmenrekorder. Sie speichern technische Daten und die Gespräche der Piloten. Damit die Datenträger einen Absturz, hohe Temperaturen und hohen Wasserdruck überstehen, sind sie durch eine Stahlummantelung geschützt. Zur Ortung nach einem Crash senden sie ein akustisches Signal aus. Der Akku hält etwa einen Monat. Jede der Blackboxes wiegt sieben bis zehn Kilogramm. Mit ihrer Hilfe können nahezu 90 Prozent der Luftfahrtunglücke aufgeklärt werden.

Österreichische Spezialisten in Äthiopien

In Äthiopien besichtigten am Donnerstag Angehörige von Opfern die Absturzstelle nahe Addis Abeba. Bei dem Crash am Sonntag starben alle 149 Passagiere und acht Crewmitglieder. Sechs Minuten nach dem Start in der äthiopischen Hauptstadt stürzte die Maschine ab. Unter den Opfern waren auch drei Österreicher und ein in Kärnten lebender Deutscher. Daher sollen auch Spezialisten des Innenministeriums bei der Aufarbeitung der Flugzeugkatastrophe in Äthiopien helfen.

Menschen an der Absturzstelle der Boeing 737 MAX in Äthiopien
AP/Mulugeta Ayene
Angehörige besichtigten die Absturzstelle. Alle Beteiligten warten nun auf Aufklärung.

Ein DVI-Team unterstützt die lokalen Behörden bei der Identifizierung der Opfer. Das Ministerium rechne mit einer Einsatzdauer von zwei bis vier Wochen, hieß es am Donnerstag. „Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen der Todesopfer“, sagte Innenminister Herbert Kickl (FPÖ). Das aus drei Beamten bestehende DVI-Team („Disaster-Victim-Identification“, Katastrophen-Opfer-Identifizierung, Anm.) wurde nach einer Anfrage von Interpol nach Addis Abeba entsandt.

Aufgabe des Teams seien rechtswirksame Identifizierungen, um Angehörige nicht im Ungewissen zu lassen und bei Rechtsansprüchen für Klarheit zu sorgen. Die strategische Leitung liegt beim Einsatzreferat des Ministeriums, fachliche Unterstützung kommt vom Bundeskriminalamt.

Bei Airlines beliebt – bisher

Auf die Aufklärung aller Umstände warten nun Angehörige, Behörden, die Fluglinien und nicht zuletzt Boeing selbst. Der Flugzeughersteller leidet unter jedem Tag, an dem das einstige Hoffnungsträgermodell auf dem Boden bleibt. Der Mittelstreckenjet ist die neueste Generation von Boeings Verkaufsschlager 737 und war das bisher meistbestellte der Konzerngeschichte. Die 737 Max wurde 2017 in verschiedenen Größen auf den Markt gebracht und war wegen der Treibstoffeffizienz bei den Airlines beliebt. Mehr als 5.000 Bestellungen waren es, knapp 400 wurden bisher ausgeliefert. Die Produktion geht weiter, doch die Auslieferungen sind nun praktisch gestoppt.

Die fertig produzierten Flugzeuge müssen nun bei Boeing gelagert werden. Analysten schätzen, dass das Flugverbot den US-Konzern jeden Monat 1,8 bis 2,5 Milliarden Dollar Umsatz kosten könnte. Boeing hofft freilich, dass sich der Umsatz nur zeitlich verschiebt. Das Grounding bedeute für Boeing ein „Worst-Case-Szenario“, wie Morgan Stanley analysierte, denn das Modell 737 decke derzeit rund 70 Prozent der kommerziellen Produktion.

Ethiopian berät über Airbus-Deal

Hinzu kommen Forderungen der Airlines: Norwegian Air will etwa von Boeing Schadenersatz für die Kosten, die das Grounding verursacht. Mehrere Fluglinien – etwa die von dem Absturz in Indonesien betroffene Lion Air und die indonesische Airline Garuda – denken darüber nach, Boeing-Maschinen abzubestellen.

TV-Hinweis

Das Wirtschaftsmagazin „Eco“ bringt am Donnerstag um 22.30 Uhr einen Beitrag zum Thema „Boeing in Bedrängnis“.

Das Konkurrenzmodell des Erzrivalen Airbus ist der A320neo. Analysten führen an, dass ein Umschwenken auf Airbus-Flugzeuge nicht so einfach sei. Airbus sei selbst bei der Produktion auf Jahre hinaus ausgelastet. Doch wenden sich bereits erste Gesellschaften dem europäischen Hersteller zu. So gibt es laut Reuters derzeit Beratungen zwischen Ethiopian und Airbus über eine neue Bestellung. Frankreich Präsident Emmanuel Macron habe bei einem Besuch beim äthiopischen Premier Abiy Ahmed diese Woche darüber gesprochen. Zudem gebe es „positive Anzeichen“ dafür, dass ein schon länger verhandelter Deal mit China noch im März abgeschlossen wird, hieß es am Donnerstag aus Paris.

Boeing versucht, den Schaden gering zu halten. Man unterstütze die Untersuchungen und die FAA, ließ das Unternehmen wissen, auch wenn man weiterhin von der Sicherheit des Modells überzeugt sei. Boeing habe sich entschieden – „aus großer Vorsicht und um der Öffentlichkeit die Tauglichkeit der Maschine zu beweisen“ -, der FAA das Grounding der gesamte Flotte als vorübergehende Maßnahme zu empfehlen.