Sandsäcke in einem Einkaufszentrum in Lemberg
Reuters/Kai Pfaffenbach
300.000 Flüchtlinge

Lwiw rüstet sich für den Krieg

Russlands Krieg gegen die Ukraine wird von Tag zu Tag umfangreicher, brutaler und rückt näher an Lwiw (Lemberg) heran, eine 750.000-Einwohner-Stadt im Westen der Ukraine nahe der Grenze zu Polen. Mit dem russischen Raketenangriff auf einen Militärstützpunkt unweit der Stadt ist für die rund 300.000 Binnenflüchtlinge in Lwiw und in der Umgebung klar: Auch hier sind sie nicht mehr sicher.

Vor etwas mehr als 100 Jahren waren die Bewohnerinnen und Bewohner von Lwiw österreichische Staatsbürger. Die Stadt, die an Graz erinnert, war in der Monarchie Hauptstadt Galiziens und somit ein Teil Österreichs. Heute ist Lwiw die multikulturellste Metropole der Ukraine. Fünf Ethnien leben friedlich nebeneinander, Ukrainer, Polen, Deutsche, Juden und Ungarn.

Mit der Invasion Russlands am 24. Februar wurde das beschauliche Leben in Lwiw schlagartig beendet. Die Bevölkerung bereitet sich auf einen Angriff vor.

Checkpoints und Sandsäcke

Ein sichtbares Zeichen der Wehrbereitschaft sind die vielen Panzer- und Straßensperren entlang der wichtigen Durchzugsrouten mit Checkpoints, die nur in langsamer Zickzackfahrt zu passieren sind, vorbei an vermummten Soldaten mit geschulterten Sturmgewehren. Willkürlich winken sie Autos zur Seite und kontrollieren die Insassen. Angeblich suchen sie russische Spione, die in der Stadt sein sollen, um mögliche Ziele auszukundschaften und zu markieren.

Lwiw: Vorbereitungen auf möglichen Angriff

In der Innenstadt von Lwiw sind die Vorbereitungen der Bevölkerung auf einen drohenden Angriff Russlands nicht zu übersehen. Vor den Kellerfenstern vieler Gebäude sind weiße Sandsäcke gestapelt. Sie sollen als Splitterschutz für Menschen dienen, die bei Beschuss Zuflucht im Keller suchen.

Auch bei einem Spaziergang durch die Innenstadt sind die Vorbereitungen der Bevölkerung auf das drohende Unheil nicht zu übersehen. Vor den Kellerfenstern vieler, vor allem öffentlicher Gebäude, die sich knapp oberhalb des Gehsteiges befinden, sind weiße Sandsäcke gestapelt – Splitterschutz für Menschen, die bei Beschuss Zuflucht im Keller suchen. Die regelmäßigen Fliegeralarme in Lwiw haben viele veranlasst, ihre Keller freizuräumen.

Konserven und Medikamente als Mangelware

Die Bewohner von Lwiw haben ihr Vorräte im Keller aufgestockt, wie an den vielen leeren Regalen in den Supermärkten anzunehmen ist. Dosen, eingelegte Früchte, Teigwaren und Reis sind nicht jederzeit und überall zu kaufen, Kerzen und Batterien bereits Mangelware. Auch schmerzstillende Medikamente, Beruhigungsmittel und Verbandszeug sind in vielen Apotheken nicht mehr so leicht zu bekommen.

Lwiw: Leere Regale im Supermarkt

Konserven, eingelegte Früchte, Teigwaren und Reis sind in Lwiw nicht jederzeit und überall zu kaufen, Kerzen und Batterien bereits Mangelware.

Reichlich verfügbar ist Alkohol, doch der darf derzeit nicht verkauft werden – auf das Nationalgetränk Wodka muss bis auf weiteres verzichtet werden. Im Rahmen des Kriegsrechts ist ein strenges Alkoholverbot in Kraft getreten. Wer dagegen verstößt, dem drohen hohe Strafen, ebenso jenen, die betrunken Auto fahren oder falsch parken. In beiden Fällen wird das Fahrzeug konfisziert und der Armee übergeben.

Tarnnetze knüpfen und Schutzwesten nähen

Fast alle Bewohner stellen sich freiwillig in den Dienst der Armee. Wer nicht kämpfen kann oder will, sucht nach anderen Möglichkeiten, das ukrainische Militär zu unterstützen. Studentinnen und Studenten knüpfen im Kunstmuseum stundenlang und gratis Tarnnetze für Panzer und Artilleriegeschütze. Die dafür notwendigen Stoffe spendet die Bevölkerung.

Eine Großmutter, die mitten unter den Studenten sitzt und mit ihren klammen Fingern mitknüpft, sagt: „Ich komme jeden Tag mehrere Stunden her und helfe mit, weil ich will, dass meine Enkelkinder in einer freien und demokratischen Ukraine leben.“ In den Schneidereien der Stadt nähen Frauen, darunter auch viele Pensionistinnen, keine modischen Kleider mehr, sondern nur noch Splitterschutzwesten.

Studierende in Lwiw knüpfen Tarnnetze

Studentinnen und Studenten knüpfen im Kunstmuseum in Lwiw stundenlang und gratis Tarnnetze für Panzer und Artilleriegeschütze. Die dafür notwendigen Stoffe spendet die Bevölkerung.

Täglich kommen Zehntausende an

Viele stellen sich auch in den Dienst der Menschlichkeit und nehmen Flüchtlinge auf, die nach wie vor nach Lwiw strömen, vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen. Täglich kommen zwischen 50.000 und 70.000 aus den umkämpften Gebieten in die Stadt. Im gesamten Bezirk Lwiw sind bereits mehr als 300.000 untergebracht, in Hotels, Pensionen, Herbergen und privaten Wohnungen. Die Schulen in Lwiw sind zu Flüchtlingslagern geworden. Sie schlafen in Aulen, Turnsälen und Klassenzimmern. Mittlerweile fehlt es schon an Feldbetten, Matratzen und Decken.

Frau mit Kind in Lemberg
ORF
Vor allem Frauen und Kinder sind auf der Flucht

„Putin hat uns geeint“

Der Bürgermeister von Lwiw, Andrij Sadowyj, hat angesichts Hunderttausender Flüchtlinge in der Stadt die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten. Sein Hilferuf scheint noch nicht überall gehört worden zu sein, denn ausländische Hilfe ist bisher eher schleppend angelaufen. Einen ersten Lichtblick gibt es: Am Montag wurden drei Sattelschlepper der Stadt Wien mit 30 Tonnen Hilfsgütern in Lwiw erwartet.

Iwan Lozenko, der Direktor einer Schule, die voll mit Schutzsuchenden ist, sieht auch eine positive Seite der Flüchtlingskrise. Lozenko meint: „Der tollwütige Putin hat uns geeinigt, wir sind jetzt wirklich ein Volk geworden.“

„Wir sind wirklich ein Volk geworden“

Iwan Lozenko, Direktor einer Schule in Lwiw, die voll mit Schutzsuchenden ist, sieht eine positive Seite der Flüchtlingskrise.

Kein sicherer Ort mehr

Doch nach dem Angriff auf den nahe gelegenen Militärstützpunkt Jaworiw mit offiziell 35 Todesopfern haben die Flüchtlinge mittlerweile verstanden, dass es keinen sicheren Ort mehr in der Ukraine gibt. Bisher hat sich Lwiw irgendwie in Sicherheit gewogen. Die meisten Flüchtlinge wollten in der Region bleiben, das Kriegsende abwarten und dann in ihre Heimatorte zurückkehren. Viele werden jetzt wahrscheinlich überlegen, doch ins Ausland weiterzureisen. Damit ist anzunehmen, dass die Flüchtlingsströme weiter wachsen werden.