Flugzeugpassagiere
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„Flygskam“

Schweden schämen sich fürs Fliegen

Fliegen ist schlecht fürs Klima – daran gibt es keinen Zweifel. Dennoch gilt schnell und billig von A nach B zu reisen in Zeiten der Globalisierung als unverzichtbar. Dass sich die Mentalität der Vielfliegerei aber auch ändern kann, zeigt ein neuer Trend aus Schweden: „Flygskam“. Übersetzt bedeutet das so viel wie „Flugscham“ – sich also zu schämen, in ein Flugzeug zu steigen.

Die Schweden und Schwedinnen gehören zu den Vielfliegern. Sie würden durchschnittlich siebenmal so oft in ein Flugzeug steigen wie Menschen aus anderen Ländern, schreibt die deutsche Tageszeitung „TAZ“. Gleichzeitig genießen sie aber den Ruf, besonders fortschrittlich, gesundheits- und umweltbewusst leben. Das zeigt sich auch in den Emissionszahlen des Landes. Zwar ist der gesamte CO2-Ausstoß seit 1990 um 24 Prozent gesunken, jedoch wuchs der Flugverkehr um 61 Prozent an.

Die Problematik der boomenden Personenluftfahrt demonstrieren einige ökologische Trendsetter nun in den Sozialen Netzwerken und zeigen unter anderem die Vorzüge einer Bahnreise unter den Hashtags „#flyingless“ und „#jagstanarpamarken“ („Ich bleib am Boden“). Manche legen dabei gar riesige Strecken zurück: Etwa von Stockholm nach London – laut Google Maps eine Strecke von einem Tag und fünf Stunden.

„Flygskam“ – Wort des Jahres?

Einer Facebook-Gruppe, in der Tipps für das Reisen mit dem Zug ausgetauscht werden, traten binnen kürzester Zeit 30.000 Menschen bei. Das Wort „Flygskam“ (Dt.: „Flugscham“) habe sogar gute Aussichten, in Schweden zum Wort des Jahres 2018 gewählt zu werden, schreibt die „TAZ“.

Schnellzug in Schweden
Viele Schwedinnen und Schweden steigen auf die Bahn um – sogar bei Fernreisen

Den Trend merke auch die schwedische Bahngesellschaft SJ, so die Tageszeitung. So sei die Zahl der Reisenden in den innerschwedischen Nachtzüge stark gestiegen – zwischen Südschweden und Lappland etwa bis zu 60 Prozent. Ab Dezember werde es aufgrund der steigenden Nachfrage sogar zusätzlich neue Verbindungen geben. Die öffentlichen Mittel würden erhöht, und auch Interrail werde wieder beliebter: Der Verkauf dieser Tickets sei gegenüber 2017 um 50 Prozent gestiegen.

Umgekehrt seien laut „TAZ“ die Zahlen der Fluggäste in Schweden im Zeitraum von Jänner bis September dieses Jahres zurückgegangen. Einen leichten Rückgang gab es bei Charterflügen, und immerhin drei Prozent weniger Flugreisende auf Inlandsflügen. Das könnte sich ob des Trends hin zu Bahnreisen auch weiter fortsetzen, schreibt die Zeitung. Es werde Konsequenzen haben, prognostiziert auch Jean-Marie Skoglund, Flugmarktanalytiker bei der staatlichen Transportbehörde: „Die Fluggesellschaften werden den Verkehr mindern. Manche Strecken werden eingestellt werden.“

Biathlet als Trendsetter

In Schweden gelte laut „TAZ“ der Biathlet Björn Ferry als Vorreiter der „Flygskam“-Bewegung. Für die heurige Wintersportsaison habe ihn der öffentlich-rechtliche Fernsehsender SVT als Kommentator gewinnen wollen. Ferry habe dafür nur eine Bedingung gehabt: keine Flugreisen. SVT habe zugestimmt, und so komme es, dass Ferry insgesamt 13.000 Kilometer per Bahn zurücklegen werde. „Hätten sie Nein gesagt, hätte ich das nicht gemacht“, zitiert die Zeitung den Sportler, der außerdem bekanntgab, zusammen mit seiner Frau bis spätestens 2025 komplett „fossilfrei“ leben zu wollen.

Es sei also möglich, zu Terminen und Tagungen nach London, Frankfurt und Genf mit dem Zug zu reisen, kommentiert die „TAZ“. Im Mai habe etwa die schwedische Kultusministerin Alice Bah Kuhnke alle offiziellen Besuche in Paris, Cannes und Berlin per Bahn zurückgelegt. „Von der Linkspartei bis zu den Konservativen“ würden sich immer mehr Sympathisantinnen und Sympathisanten finden.

„Politik muss Sinneswandel zulassen“

Zwar scheint die „Flugscham“ in anderen Ländern noch nicht so verbreitet wie in Schweden, doch ist die europaweite Resonanz auf den Trend groß. Viele wollen es den Schwedinnen und Schweden gleichtun und kündigen an, ebenfalls „am Boden“ bleiben zu wollen. Gerade in Berufsgruppen, in denen besonders viel geflogen wird – etwa Politikerinnen und Politiker, Geschäftsleute sowie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen – gibt es Menschen, die stolz darauf sind, Fernreisen mit der Bahn zurückzulegen.

Zahlreiche internationale Gruppen laden dazu ein, sich dem Mentalitätswandel anzuschließen – etwa die Netzwerke Stay Grounded („Bleib am Boden“) und No Fly Climate Sci („Fliegt nicht, Klimawissenschaftler“), eine Gesellschaft von Klimawissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen, die zu Terminen nicht mehr fliegen wollen.

Was jeder und jede tun kann

Es gibt viele kleine Schritte, die jeder und jede auf einem möglichen Weg aus der Klimakrise gehen kann. Neben dem Verzicht auf Flugreisen und dem Umstieg auf erneuerbare Energien spielt auch der Fleischkonsum eine große Rolle – mehr dazu in Kleine Schritte gegen die Klimakrise.

In einem Maßnahmenkatalog weist Stay Grounded darauf hin, dass es, um dem boomenden Massenflugverkehr Einhalt zu gebieten, einerseits genügend Möglichkeiten geben müsse, auf Alternativen umzusteigen, andererseits auch die Politik einen Sinneswandel zulassen müsse.

Anstieg des weltweiten Flugverkehrs

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind sich einig, dass der Flugverkehr die schädlichste Form des Personen- und Warentransports ist. Emissionen, die durch die Massenfliegerei in die Atmosphäre geblasen werden, sind außerdem die am stärksten wachsenden Schadstoffquelle der Welt. In den nächsten zwei Dekaden erwartet die Luftfahrt einen Anstieg der Flugpassagiere um hundert Prozent.

Daneben werden weltweit Flughäfen und Fluglinien immer weiter ausgebaut. Zurzeit, so schreibt Stay Grounded in seinem Maßnahmenpapier, seien etwa 1.200 neue Flughafeninfrastrukurprojekte rund um den Globus in Planung. Sie gehören zu den größten und teuersten Megaprojekten der Welt. Die meisten werden von Regierungen im Sinne der Wirtschaftssteigerung unterstützt.

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