Mann fotografiert die im Smog versinkende Skyline von Schanghai
Reuters/Aly Song
Hiobsbotschaften vor Gipfel

Klimaziel liegt in weiter Ferne

Für den Klimaschutz ist es fünf vor zwölf – daran lassen Fachleute keinen Zweifel. Die am Montag startende UNO-Klimakonferenz im polnischen Katowice soll dem Rechnung tragen. Doch vor dem Treffen hagelte es in Form von neuen Studien Hiobsbotschaften: Beim Treibhausgas gibt es neue Negativrekorde, die Klimaziele der Staaten sind lange nicht ausreichend, und die Welt ist weit vom Zweigradziel entfernt.

Bei dem elftägigen Gipfel in dem polnischen Kohleabbauort Katowice wird es auch darum gehen, Bilanz zu ziehen. Denn vor drei Jahren, am 12. Dezember 2015, wurden die Pariser Klimaziele beschlossen. Sie sehen vor, dass die Erderwärmung bis 2100 auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter sinken soll. Dabei handelt es sich ohnehin um das Mindestmaß, um katastrophale und weltumspannende Folgen wie Umwelt- und Wetterkrisen, Massenflucht, Artensterben und hohe Gesundheitsrisiken für Menschen abzuwenden.

Doch dass dieses Ziel erreicht wird, davon kann drei Jahre nach dem von den Staaten gefeierten Beschluss nicht die Rede sein. Viel mehr warnte ein Zwischenbericht des UNO-Klimaprogramms am Dienstag, dass die Welt sehenden Auges auf eine Katastrophe zusteuert. Wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, ist laut der UNO-Wetterbehörde ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von katastrophalen drei bis fünf Grad Celsius möglich. Damit auch nur das Zweigradziel erreicht wird, müsste dreimal mehr für den Klimaschutz getan werden, als derzeit geplant ist.

Tagebau Hambach
Reuters/Wolfgang Rattay
Der Braunkohletagebau im deutschen Hambacher Forst. Die Verbrennung von fossilen Brennstoffen bleibt Hauptübel.

Treibhausgas: Ausstoß hoch wie nie

Stattdessen gab es 2017 neue Negativrekorde in Sachen Klimaschutz: Die Konzentration klimaschädlicher Treibhausgase stieg auf einen neuen Höchststand. Laut dem Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) deutet auch nichts auf eine Umkehr dieser Tendenz hin, „die der entscheidende Faktor für den Klimawandel, den Anstieg des Meeresspiegels, die Übersäuerung der Meere sowie für zunehmende und heftigere Extremwetterphänomene ist“.

Grafik zeigt eine Prognose der weltweiten Treibhausgasemissionen bis zu m Jahr 2030
Grafik: APA/ORF.at; quelle: APA/UNEP

Damit das Zweigradziel deutlich unterschritten werden kann, müssten die Treibhausgasemissionen laut UNO schon im Jahr 2020 weltweit ihren Scheitelpunkt erreichen und danach radikal fallen. Doch das ist alles andere als in Sicht: Viel mehr herrschen derzeit brummendes Wirtschaftswachstum, hoher Konsum und der damit einhergehende Verbrauch von Rohstoffen und schmutziger Energie. Derzeit sind China, die USA und – in geringerem Ausmaß – Indien und Europa die Hauptverursacher von Emissionen. Was passiert, wenn auch der afrikanische Kontinent zunehmend Treibhausgase verursacht, lässt sich ausmalen.

Problem mit selbst gesteckten Zielen

Mit den aktuellen Studien geraten aber auch die Instrumente des Pariser Abkommens einmal mehr auf den Prüfstand. Für seine politische Kompatibilität setzt der Deal nämlich auf Klimaziele, welche von den einzelnen Staaten selbst festgelegt werden. Doch diese reichen laut der UNEP-Studie summa summarum nicht einmal annähernd aus, um das Zweigradziel zu erreichen. Werden die aktuellen Klimapolitiken so umgesetzt wie geplant, zeichnet sich ein Temperaturanstieg von fatalen 3,2 Grad bis Ende des Jahrhunderts ab.

Derzeit sind laut dem UNEP-Bericht aber ohnehin nur drei Staaten nahe daran, ihre eigenen Klimaziele bis 2030 zu erfüllen: China, Brasilien und Japan. Ihren Zielen annähern werden sich wohl auch Indien, Russland und die Türkei. Handelt es sich um unerwartete Vorreiter? Laut dem Bericht wohl eher nicht: Die Zahlen würden „in manchen Fällen die relativ niedrigen Ambitionen der Staaten reflektieren“.

Grafik zum Klimaschutz
Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/climateactiontracker.org/University of Notre Dame

Dazu passende Befunde lieferte auch eine vor kurzem im Journal „Nature Communications“ veröffentlichte Studie. In dieser wurde berechnet, welche Klimaziele erreicht werden könnten, wenn sich die ganze Welt nach den einzelnen nationalen Zielen richten würden. Und die Ergebnisse sind niederschmetternd: Im Fall der EU wären das 3,2 Grad, der USA und Australien vier Grad und Russland, China und Kanada sogar über fünf Grad.

US-Bericht warnt vor fatalen Folgen

Die USA sind zwar aus dem Klimapakt ausgetreten, der 1.656 starke aktuelle Klimabericht der US-Regierung dürfte aber trotzdem für wenig gute Stimmung auf dem Gipfel sorgen. Er warnt davor, dass die Klimakrise den USA bereits jetzt zusetze, das Schlimmste ohne Gegenlenken aber noch bevorstehe. Unter anderem sagt das Papier einen Anstieg extremer Hitzeperioden mit all ihren Folgen – darunter Dürre, Waldbrände und Wassermangel – voraus. An den Küsten hingegen könnte der Anstieg der Meeresspiegel in den kommenden hundert Jahren zu Massenmigration führen.

Die Prognose sagt auch voraus, dass der Klimawandel ohne entsprechendes Entgegensteuern Schäden im Ausmaß von „Hunderten Milliarden Dollar“ verursachen dürfte. US-Präsident Donald Trump zeigte sich auch hiervon unbeeindruckt. „Ich habe Teile davon gelesen, es ist okay“, sagte er in Bezug auf die von 13 US-Behörden gemeinsam verfasste Studie. Das mit den wirtschaftlichen Folgen glaube er allerdings nicht.

UNEP: Ziel noch erreichbar

Doch trotz dieser schlechten Nachrichten legt das UNO-Umweltprogramm auch Zweckoptimismus an den Tag. Denn das Zweigradziel könne bei entsprechend angekurbelten Bemühungen noch erreicht werden. Die UNO-Klimakonferenz bietet dafür eine Chance – immerhin soll unter anderem ein „Aufstocken“ der nationalen Klimaziele diskutiert werden.

Was jeder und jede tun kann

Es gibt viele kleine Schritte, die jeder und jede auf einem möglichen Weg aus der Klimakrise gehen kann. Neben dem Verzicht auf Flugreisen und dem Umstieg auf erneuerbare Energien spielt auch der Fleischkonsum eine große Rolle – mehr dazu in Kleine Schritte gegen die Klimakrise.

Eine steigende Dynamik im privaten Sektor und noch ungenutzte Innovationspotenziale samt umweltfreundlicher Finanzierung würden Wege aufzeigen, um die Emissionslücke zu schließen. „Emissionsarme Alternativen subventionieren und fossile Brennstoffe besteuern“ wären vonseiten der Regierung die Maßnahmen, um die richtigen Investitionen im Energiesektor anzuregen, sagte Jian Liu, leitender UNEP-Forscher. Aus der Sicht der Wissenschaft ist laut UNEP aber klar: Es gibt zwar ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen, doch „wir füttern dieses Feuer, während die Löschmittel in Reichweite sind“.

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