Mehrwegflaschen mit Milch von verschiedenen Herstellern
ORF.at/Günther Rosenberger
Milch in Mehrwegflasche

Gutes Gewissen als gutes Geschäft

Geht es um Einwegpfand, scheint die Ablehnung des Handels in Beton gegossen. Deutlich positiver äußern sich die Supermarktketten, wenn es um den geplanten Ausbau von Mehrwegverpackungen geht. Gerne wird darauf verwiesen, dass nun auch wieder Milch in der Mehrwegglasflasche im Kühlregal steht. Dass deren Preis deutlich höher ausfällt, hat allerdings nicht nur mit ihrer Verpackung zu tun.

Bei Teilen der Wirtschaft hat sich Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) in den vergangenen Monaten sichtlich keine Freunde gemacht. Seit bekannt ist, dass das Ministerium an einem Pfand für Einwegverpackungen bei Getränken arbeitet, steigt der Handel auf die Barrikaden. Während Umweltorganisationen und zahlreiche Expertinnen und Experten in einem solchen Pfand eine wirksame Maßnahme sehen, warnen Handelsvertreter, Handelsverband und Wirtschaftskammer vor untragbaren Kosten für die Unternehmen.

Zuletzt brachte der Handel noch ein weiteres Argument gegen die unliebsamen Pläne auf den Tisch: Es sei ein „K.-o.-Schlag für Mehrweg“, heißt es etwa in einer Stellungnahme von REWE-Vorstand Marcel Haraszti. „Das Beispiel Deutschlands zeigt, dass nach Einführung des Einwegpfands der Mehrweganteil binnen sieben Jahren von knapp über 70 auf rund 43 Prozent runtergerasselt ist“, so Haraszti.

Eine gewagte These: Zwar stimmt es, dass der Mehrweganteil in Deutschland in den 90er Jahren noch bei über 70 Prozent lag und inzwischen nur noch etwa über 40 Prozent beträgt. Zur Einführung des Einwegpfandes im Jahr 2003 machten laut dem deutschen Umweltministerium Mehrweggebinde allerdings bereits weniger als 65 Prozent aller Getränkeverpackungen aus. Die Mehrwegquote sank bereits lange vor einem Einwegpfand. In Österreich lag der Mehrweganteil vor zwanzig Jahren übrigens bei ungefähr 50 Prozent. Inzwischen ist er auf rund 20 Prozent gefallen.

Mehrwegflaschen kommen langsam zurück

Allerdings ist in den vergangenen Jahren zumindest hierzulande eine leichte Trendumkehr zu beobachten – und Mehrwegflaschen bei Getränken wieder ganz langsam auf dem Vormarsch. Eine Entwicklung, die auch die Handelsketten in ihrer offiziellen Kommunikation unterstützen. „Die REWE Group Österreich unterstützt und fördert Mehrweg-Glasflaschen zur Erreichung der Plastik-Reduktionsziele“, heißt es etwa von REWE gegenüber ORF.at. Und Spar bezeichnet sich mit Verweis auf den Marktchef der Umwelt-NGO Greenpeace als „Vorreiter in Sachen Mehrweg unter den österreichischen Supermärkten“. Bei Bier, Mineral, Limonaden und Fruchtsäften liege beim Absatz nach Litern der Anteil über die „Sortimentsgruppen hinweg bei über 32 Prozent“.

Mehrwegflaschen mit Milch von verschiedenen Herstellern
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Seit März gibt es hierzulande im Supermarkt wieder Milch in der Mehrweglasche zu kaufen

Auch im Kühlregal finden sich sowohl bei Spar als auch bei REWE seit diesem Frühjahr Mehrwegglasflaschen – gefüllt mit Milch. Die Abfüllung übernimmt mit der Berglandmilch die größte heimische Molkerei. Sie befüllt nicht nur die Flaschen für ihre beiden eigenen Marken Schärdinger und Tirol Milch, sondern auch für die beiden Biomarken von Spar und REWE.

40 Cent mehr pro Flasche Milch

Zum Start im Frühjahr waren es pro Woche noch 200.000 Flaschen. Inzwischen habe sich die Zahl auf über 400.000 Flaschen mehr als verdoppelt, sagte Josef Braunshofer, Geschäftsführer von Berglandmilch, vor Kurzem bei einem von Greenpeace veranstalteten Pressegespräch. Das ist ein beachtliches Wachstum. Umso mehr in Anbetracht der Tatsache, dass die Milch in der Glasflasche rund ein Drittel mehr kostet als vergleichbare Milch im Getränkekarton.

Mit 1,69 Euro schlägt die Bergbauernmilch von Schärdinger zu Buche. Für konventionelle Milch im Karton ist selten mehr als 1,29 Euro zu bezahlen. Die Biomilch der Spar Bio-Eigenmarke kostet mit 1,79 Euro noch einmal zehn Cent mehr. Diesen Preis verlangt auch REWE für seine Biomilch in der Flasche. In beiden Fällen ist das 40 Cent mehr, als für die jeweilige Biomilch im Karton zu zahlen ist. Bei allen Glasflaschen ist dabei das Pfand von 0,22 Euro noch nicht mitgerechnet.

Investitionen in Millionenhöhe

Man mag hinter dem Preisunterschied zuvorderst jene Kosten vermuten, die das Mehrwegsystem mit sich bringt. Bereits in den 90er Jahren war für Flaschenmilch etwas mehr zu zahlen als das Produkt im Packerl: 1994 kostete ein Liter Frischmilch im Packerl etwa 9,90 bis 11,80 Schilling. In der Glasflasche wurden zwischen 11,80 und 12,90 Schilling fällig, zuzüglich drei Schilling Pfand.

Immerhin investierte Berglandmilch nach eigenen Angaben rund acht Millionen Euro in eine neue Abfüll- und Waschanlage im Westen Niederösterreichs. Die Flaschen müssen außerdem vor jeder Neubefüllung gereinigt werden. Und auch der Transport der leeren Flaschen vom Supermarkt zurück zur Abfüllanlage kostet. Wenngleich man natürlich in dem Fall einwenden könnte, dass die Lastwagen ohnehin wieder zurückfahren müssen – bei Einwegverpackungen mit leeren Ladeflächen. Im Supermarkt selbst braucht es wiederum eine Rückgabestation und ein Lager für die leeren Flaschen, bevor diese wieder abgeholt werden.

Verpackung oder Inhalt entscheidend?

Vonseiten REWE heißt es auf Nachfrage von ORF.at auch tatsächlich, der höhere Preis für die Ja!Natürlich-Milch in der Glasflasche ergebe sich „aus dem unterschiedlichen Produktions-, Personal-, Lager- und Logistikaufwand, der grundsätzlich mit einem Mehrwertsystem einhergeht“. „Letzten Endes möchten wir unseren KundInnen die Wahlfreiheit lassen, ob sie die Ja! Natürlich-Milch zu einem etwas höheren Preis in der Mehrwegglasflasche oder etwas günstiger im Mehrverbundkarton kaufen wollen, die Milchqualität ist ident“, so der Konzern.

Leergutrückgabe
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Für die Mehrwegmilchflaschen mussten die Supermärkte ihre Rückgabesysteme anpassen

Ganz anders argumentiert hingegen Spar den höheren Preis. Der „Großteil des Preisunterschiedes“ liege in der Milch selbst begründet. Die Biomilch in der Glasflasche „ist die hochwertigste Milch im SPAR-Sortiment und zeichnet sich durch Herkunft aus kleinstruktierter Bio-Bergbauern-Landwirtschaft in Tirol sowie durch ihren natürlichen Fettgehalt aus. Sie ist qualitativ nicht vergleichbar mit den übrigen angebotenen Bio-Milchen im Getränkekarton“, heißt es in einem Statement der Handelskette gegenüber ORF.at. Nur „ein kleiner Teil“ werde „durch die Mehrkosten von Mehrweg bei Berglandmilch“ verursacht.

Von Berglandmilch-Geschäftsführer Braunshofer hieß es dazu auf Nachfrage von ORF.at, sein Unternehmen dürfe sich als Abfüller gar nicht zu sehr mit Preisen im Einzelhandel auseinandersetzen. Hinter dem Preisunterschied würden großteils „wohl die Handlingkosten des Handels“ stehen. Letzten Endes komme es aber darauf an, dass der Kunde den Preis annehmen, so der Molkereichef.

TV-Hinweis

„Eco“ berichtet am Donnerstag um 22.30 Uhr in ORF2 über das Aus für Einwegflaschen – mehr dazu in tv.ORF.at

Ausbaupläne von Kakao bis Joghurt

Das ist augenscheinlich der Fall, wie die Wachstumskurve der vergangenen Monate zeigt. Und so wird Berglandmilch in naher Zukunft sein Sortiment an Mehrwegglasflaschen auch weiter ausbauen. Bereits seit Kurzem stehen in den Kühlregalen der Supermärkte Hafer- und Dinkelgetränke in der Glasflasche. Noch dieses Jahr sollen Milch in der Halbliterflasche, Buttermilch und Kakao folgen, kommendes Jahr dann Molke und Joghurt.

Die Kundinnen und Kunden nahmen bisher übrigens nicht nur den höheren Preis an. Sie sorgten auch dafür, dass sich der Betrieb des Mehrwegsystems für Berglandmilch einfacher gestaltet als angenommen. Laut Braunshofer kommen die Flaschen sauberer zurück als erwartet. Und das senkt wiederum den Aufwand für die Reinigung.