Griechische Flüchtlingslager

„Europas offene Gefängnisse“

Seit Monaten kritisieren Menschenrechtsorganisationen die Lebensbedingungen in den griechischen Flüchtlingslagern. Moria, dem größten Lager Europas, droht angesichts der katastrophalen humanitären Lage nun die Schließung. Gelöst scheint das Problem damit aber noch lange nicht.

Apostolos Veizis ist medizinischer Einsatzleiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Griechenland. Er hätte sich, nach vielen Einsätzen in Kriegsgebieten, nicht gedacht, „jemals solche Zustände in Europa sehen zu müssen“. Wissend, dass Europa die Ressourcen hätte, Menschen in Not zu helfen, sei es für ihn umso schockierender, solche Lager zu sehen. „Die Bedingungen hier sind unmenschlich. Es herrscht völliges Chaos. Und es wird immer schlimmer“, sagt Veizis gegenüber ORF.at. Die Situation in den Hotspots, wo Flüchtlinge auf die Umverteilung aufs Festland oder in andere EU-Staaten warten, sei „hochexplosiv“, heißt in einem Bericht der Organisation MSF.

20.000 Flüchtlinge auf griechischen Inseln

Insgesamt 20.000 Menschen sind es, die auf den griechischen Inseln auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten. Die Lager auf den Ägäischen Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos haben laut dem Migrationsministerium in Athen aber nur eine Aufnahmekapazität von ungefähr 6.000 Menschen. Am schlimmsten ist die Situation in Moria – Europas größtem Flüchtlingslager.

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
MSF/Ärzte ohne Grenzen
Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist das größte in Europa. 9.000 Menschen leben hier – gemacht wurde es für 6.000

Auf der Insel Lesbos gelegen, war das Camp ursprünglich für 3.000 Menschen gedacht. Mittlerweile harren rund 9.000 Geflüchtete in provisorischen Zelten oder Containern im und außerhalb des Lagers aus – 3.500 von ihnen sind Kinder. Verschärft wird die Lage auch durch den herannahenden Winter, da die Zeltunterkünfte unzureichenden Schutz vor Kälte bieten.

Manche Flüchtlinge seien bereits seit zwei Jahren hier, erzählt Veizis. Dementsprechend gebe zu wenig von allem. Zu wenige sanitäre Einrichtungen, zu wenig medizinische Versorgung, zu wenig Wasser, zu wenig Nahrung.

Kinder begehen Suizidversuche

Im Gespräch mit ORF.at bezeichnet Veizis die Lager auf den griechischen Inseln als „Europas offene Gefängnisse“. Es herrsche Gewalt in all ihren Formen, immer wieder komme es zu Ausschreitungen und sexuellen Übergriffen. „Ein Vater erzählte mir, dass er seine Familien zwar von den Bomben in Aleppo beschützen konnte, aber nicht vor sexuellen Übergriffen in europäischen Camps. Frauen fragen uns nach Windeln, weil sie sich nachts nicht mehr auf die Toilette trauen – aus Angst, vergewaltigt zu werden“, erzählt Veizis.

Kinderzeichnung
Witness Change/Robin Hammond
Bombe, Feuer, Blut – die Zeichnung eines Kindes erzählt vom Krieg

80 Prozent der Flüchtlinge litten zudem unter psychischen Gesundheitsproblemen, die meisten unter Depressionen. Ein Zustand, der sich angesichts der ungewissen Zukunft zusätzlich verschlechtere. „Sogar Kinder begehen hier Suizidversuche“, so der Mediziner.

Humanitäre Krise durch „EU-Politik verursacht“

Er ortet durchaus auch „politischen Unwillen“ vonseiten der EU. „Viele europäische Politiker meinen, wenn die Bedingungen verbessert würden, kämen noch mehr Menschen. Aber dabei wird vergessen, dass der Push-Faktor ,Krieg‘ heißt. Und der ist stärker als der Pull-Faktor“, so der Einsatzleiter. Auf den griechischen Inseln herrsche eine humanitäre Krise, die durch die Politik der Europäischen Union verursacht worden sei. Denn: „Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist nicht so hoch, als dass sie nicht zu managen wäre“, sagt Veizis, der gegenüber ORF.at von einer „großen Blamage für die EU“ spricht.

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
MSF/Ärzte ohne Grenzen
Der medizinische Einsatzleiter Veizis bezeichnet die Lager auf den griechischen Inseln als „Europas offene Gefängnisse“

Es gebe keine Rechtfertigung dafür, dass die Menschen in den Lagern kein Wasser und keine medizinische Versorgung bekommen. Denn das Geld dafür wäre sehr wohl vorhanden – „es wird eben nur für andere Dinge wie Grenzschutz und Grenzzäune verwendet“, so Veizis.

Laut EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos nimmt man die Berichte der Nichtregierungsorganisationen (NGO) über die Zustände in Moria sehr ernst. Geld sei aber kein Problem, da Griechenland ausreichend finanzielle Unterstützung erhalten habe und sie auch künftig erhalten werde, sagte Avramopoulos Mitte September. Gleichzeitig will sich die EU stärker darum bemühen, Flüchtlinge an den Außengrenzen abzufangen. Dazu soll die EU-Grenzschutztruppe Frontex bis 2020 auf 10.000 Beamte und Beamtinnen aufgestockt werden.

Türkei-Deal: Anzeichen für „Zusammenbruch“

Die einzige Lösung seien Veizis zufolge legale und sichere Wege, um gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention in der EU Asyl ansuchen zu können. Die Schließung der Balkan-Route und das EU-Türkei-Abkommen hätten nur zu noch mehr Leid geführt. Denn „Flüchtlinge sind immer gekommen und werden immer kommen. Ein Syrer sagte einmal zu mir ‚Ihr könnt uns nicht verstehen. Ihr wisst nicht, wie es sich anhört, wenn Menschen aus Verzweiflung und Hunger Gras essen. Ihr kennt den Geruch toter Menschen nicht‘“, erzählt Veizis.

Seit März 2016, dem Zeitpunkt, ab dem das Abkommen zwischen der EU und der Türkei zur Rückführung von Flüchtlingen in Kraft trat, wurden nach Polizeiangaben lediglich 1.725 Menschen ins Nachbarland zurückgeschickt. Mittlerweile hält auch Gerald Knaus, der „Erfinder“ des Türkei-Deals, das Abkommen für gefährdet: „In der ersten Jahreshälfte 2017 kamen ungefähr 9.000 Menschen über die Ägäis nach Griechenland, in der zweiten Hälfte waren es schon wieder 20.000“, sagt Knaus, der das als „erste Anzeichen für einen Zusammenbruch“ sieht.

Regionalrat droht mit Schließung von Moria

Nach Angaben des griechischen Migrationsministers Dimitris Vitsas wurden zwischen dem 1. Mai und Ende August bereits 3.950 Flüchtlinge zum griechischen Festland gebracht. Im gleichen Zeitraum seien aber 5.450 neue Flüchtlinge aus der Türkei angekommen. Der Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos, warnte den Migrationsminister bereits vor einer „sozialen Explosion“, da auch die Geduld Einwohner und Einwohnerinnen der Insel „ihre Grenzen erreicht hat“.

Angesichts der katastrophalen humanitären Lage in Moria drohte der Regionalrat der Nördlichen Ägäis am Mittwoch mit der Schließung des Lagers auf der Insel Lesbos. Bereits Anfang September meinte Christiana Kalogirou, die Regionalgouverneurin der Region dieser Inseln: „Wir geben dem Staat noch 30 Tage. Dann werden wir das Lager schließen.“

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
Witness Change/Robin Hammond
Sollte das Lager Moria geschlossen werden, scheint unklar, was mit den Flüchtlingen geschehen soll

Am Montagabend durften 440 Asylsuchende auf das Festland reisen, bis Ende September sollen laut Vitsas 2.000 die Insel verlassen, im Oktober sollen noch 1.000 weitere folgen. Unklar scheint bei einer Schließung jedoch zu sein, was dann mit den verbleibenden 5.560 Flüchtlingen passieren soll. Denn auch die übrigen Lager in Griechenland sind bereits überfüllt. So leben etwa in einem Camp auf der Insel Samos 3.600 Menschen – bei einer Aufnahmekapazität von 650. Eine Schließung ist laut Veizis daher derzeit unrealistisch. Die Drohung könne man deshalb auch „nicht ernstnehmen“.

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